Fünf Türme beherrschen den Bau: der größte auf der Vierung und vier schlankere, aber höhere in allen vier Ecken, die dort entstanden sind, wo das Querhaus das Langschiff durchdringt. Das Querschiff ist auch sonst eines der interessantesten Teile der Kathedrale. Je nach dem, ob der Betrachter – im Querschiff unter der Vierung stehend - noch Osten oder nach Westen schaut, sieht er zwei grundlegend verschiedene Bauten. Nach Westen erstreckt sich das romanische Langschiff, nach Osten der fast genauso ausgedehnte frühgotische Chor. Sogar im Querschiff zeigen die Westwände romanischen Ursprung, die Ostwände frühgotische Gestaltungskraft.
Unter den Römern war Tournai bereits ein wichtiger Verwaltungs- und Militärstützpunkt. Anfang der 4. Jahrhunderts wurde die Stadt wahrscheinlich christianisiert, eventuell unter dem Frankenkönig Childerich. Zu der Zeit war Tournai auch Fürstensitz der Franken. Childerichs Sohn Clodwig verlegte den Fürstensitz zwar nach Paris, wird aber mit einer Kirche in Verbindung gebracht, die im 5. Jahrhundert n.Chr. an der Stelle, an der sich heute die Kathedrale Notre-Dame de Tournai erhebt, entstand. Später wurde der Bau durch eine karolingische Anlage ersetzt, die Mitte des 9. Jahrhundert ausbrannte.
Im 11. Jahrhundert begannen die Bauarbeiten zu der großen Basilika, die heute noch teilweise erhalten ist. Dem sich zu der Zeit ausbreitenden Marienkult gehorchend, wurde die Kirche der Mutter Gottes geweiht.
Das heute noch bestehende Mittelschiff wurde Anfang des 12. Jahrhunderts vollendet, die Wand des Querschiffs wenige Jahrzehnte später. 1191 waren auch die Seitenschiffe, der Chor und die fünf Türme fertig. Besonders am Mittelschiff und einzigartig im Querhaus war die vierte Etage, die Zwerggalerie. Sie wurde Vorbild für viele Kirchen der Bauzeit vor der Kathedrale von Chartres. Sonst waren bis dahin in der Romanik insgesamt nur drei Ebenen üblich.
Kurz nach der Vollendung der romanischen Kirche wechselte die Mode auch in der Wallonie: Abriss und Neubau der gesamten Kirche im frühgotischen Stil wurden beschlossen. Wie so oft begannen man im Osten. So wurde zuerst der romanische Chor niedergelegt und von 1242 bis 1255 frühgotisch neu errichtet. Zum restlichen Abriss kam es dann nicht mehr.
Heute werden Chorraum und Mittelschiff im Innern durch einen in der Renaissance errichteten Lettner abgetrennt. Im Barock wurde vor dem Westportal ein Narthex im ‚Toskanischen Stil’ angefügt.
Die französischen Revolutionäre, die 1797 die Wallonie besetzten, schlossen die Kirche und verkauften viele Stücke der Ausstattung. 1840 begann der Wiederaufbau, nachdem das Gebäude durch Verfall schon fast verloren schien. In den folgenden Jahren wurde nicht nur das Mittelschiff historisierend eingewölbt, sondern auch die große Fensterrose im Westen eingebaut und die Querhausarme mit neoromanischen Apsiden versehen.
Eleutherius und der Marienschrein. Der Schrein des hl. Eleutherius wurde 1247 angefertigt. Der Marienschrein wurde vielleicht zwischen 1200 und 1205 geschaffen. Eine möglicherweise nicht originale Inschrift nennt den berühmten Nicolas von Verdun als Künstler.
Notre-Dame de Tournai (fr/en)
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