Gottesburgen: Baukunst der Ottonik

24. Februar 2007

961 wurde am Nordabfall des Harzes in Gernrode, ganz in der Nähe von Quedlinburg, mit dem Bau eines Damenstiftes begonnen. Damenstifte waren Erziehungsanstalten für Fräuleins der führende Familien und bereiteten sie auf ihre Funktion als Frau eines Fürsten oder eines ähnlich bedeutenden Funktionsträgers vor. Nur die ihr Leben lang unverheirateten Damen verließen das Stift nicht wieder. Der Bau in Gernrode ist eine der ältesten Kirchen Deutschlands, vor allem eine der ältesten, die noch weitgehend im Urzustand erhalten geblieben ist. Die Bauteile dieser Kirche stehen noch recht unvermittelt nebeneinander, es ist keine rechte Ordnung zu erkennen. Bemerkenswert sind die Emporen in den Seitenschiffwänden. Manche glauben darin einen Einfluss der Byzantinerin Theophanu zu vermuten, doch ist auch für Quedlinburg eine heute nicht mehr bestehende Kirche übnachgewiesen, die solche Emporen besaß, lange bevor die Prinzessin Sachsen erreichte. Vermutlich sind die Emporen eher auf die Funktion der Kirche als Damenstiftskirche zurückzuführen. Die Stiftsdamen mussten dem Gottesdienst von den Emporen folgen. Der Kirchenraum unten war im wesentlichen dem männlichen Klerus vorbehalten.

1010 begann man in Hildesheim mit dem Bau der Kirche, die später als Typus des ottonischen Sakralbaus gelten sollte: St. Michaelis. Die Kirche zeigt alle Merkmale, die gemeinhin mit der Ottonik verbunden werden. St. Michaelis ist eine

  • viertürmige Gottesburg,
  • wurde als Basilika gebaut,
  • hat je einen Chor im Osten wie auch im Westen,
  • die Vierung ist durch Bögen ‚ausgeschieden’,
  • der Rhythmus der Pfeiler folgt dem westfälischen bzw. sächsischen Stützenwechsel: zwei Säulen – ein Pfeiler – zwei Säulen, und so weiter und
  • die ganze Kirche ist nach dem ‚gebundenen System’ errichtet worden, das Maß des Vierungsquadrates wurde Maßgeber für die restliche Kirche.

Ottonisch an dem Bau ist auch die Tatsache, dass er nicht nur über eine Vierung verfügt, sondern über zwei. Die Romanik sollte später einen Chor und eine Vierung abschaffen. Anstatt eines Westchores findet sich oft auch ein Westbau, der von Türmen flankiert wird. Ein überliefertes Beispiel ist die Stiftskirche in Essen.

St. Michael in Hildesheim auf einer Zeichnung von 1662In St. Michael wurde auch ein Bauteil eingeführt, welches die ganze deutsche Romanik beherrschen sollte: das Würfelkapitell. Es verbindet optisch auf ideale Weise die Säule mit der Wand, welche auf der Säule ruht. Das Würfelkapitell war für Deutschland so dominierend, dass sich in der Romanik so gut wie keine Kapitell-Skulptur nachweisen lässt. In anderen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, war die Kapitell-Skulptur hingegen stilprägend. Die Wandflächen sind zumeist flächig und ungegliedert. Vermutlich waren sie ausgemalt. Deckengewölbe gab es keine, sondern lediglich eine flache Holzdecke, die auch bemalt sein konnte.

Bildnachweis: 1

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