Der Erlöser am Kreuz: das Kruzifix

7. April 2007

Kruzifix mit Passionsszenen, Luccheser Meister, um 1250 – romanisches Kruzifix, Jesus steht entspannt und schaut als Christus triumphans den Betrachter direkt an, vier NägelDie Kreuzigung ist erst seit der Ottonik und insbesondere der Romanik ein beherrschendes Thema der christlichen Kunst. Das Kruzifix, die Darstellung von Christus am Kreuz, wird zum zentralen Andachtsbild in den christlichen Kirchen. Deshalb muss das Kruzifix wie auch alle seine Sonderformen besonders viele und bedeutenden Aussagen der christlichen Glaubenslehre zum Ausdruck bringen. Und die zentralen Elemente sind nun mal die Erlösung der Menschheit von den Sünden durch den Tod Christi und der Sieg Christi über den Tod durch die Auferstehung.

Dies kann auf mehreren Wegen erreicht werden. So überwiegt in der Romanik der Darstellungstyp des triumphierenden Jesus, des Christus triumphans. Der Leib hängt zwar am Kreuz, doch Jesus ist beinahe entspannt und schaut dem Betrachter lebend ins Gesicht. Christus wird am Kreuz als Sieger über den Tod gezeigt.

In der Gotik wandelt sich der Typ. Nun wird Jesus tot als Christus, als Erlöser dargestellt. Nicht selten sind solche Darstellungen in Szenenfolgen eingebunden, in denen auch auf die Auferstehung hingewiesen wird. Auch die schon in der Spät-Romanik aufgekommenen Triumphkreuze, in denen das Kreuz zum Lebensbaum wird, greifen das Thema der Überwindung des Todes durch Jesus Christus auf.

Kruzifix, Simone Martine, 1321-1325 – Jesus ist tot, seine Seite ist geöffnet, Maria und Johannes besetzten die Enden des horizontalen Balkens, drei Nägel, über dem Haupt das Schild mit der Aufschrift INRIIn der Spätgotik bekommt die Darstellung des toten Christus immer drastischere Züge, bis zur Abbildung eines bis auf die Knochen zerfleischten Körpers. Nach den mehreren großen Ausbrüchen der Pest in Europa kam in einigen Gegenden auch das sogenannte Gabelkreuze in Mode, an dem der Querbalken des Kreuzes und mit ihm die Arme des Gekreuzigten in peinvoller Weise nach oben gebogen sind, um das Leiden Christi noch mehr zu betonen.

Ein weiterer Unterschied zwischen der Romanik und späteren Epochen betrifft die Anzahl der Nägel. Bis zum Ende der Romanik wurde Christus im wesentlichen als Gekreuzigter mit vier Nägeln (durch jede Hand und jeden Fuß einen) dargestellt. In der Gotik werden beiden Füße nur noch mit einem Nagel angeheftet. Die Dreizahl der Nägel soll symbolisch auch für die heilige Dreieinigkeit stehen.

In der Romanik wird der Gekreuzigte zumeist ohne Seitenwunde gezeigt. Erst in der Gotik wird die Seitenwunde, die Jesus ist nach seinem Tode beigefügt wurde, um genau diesen zu prüfen, hinzugefügt.

Pestkreuz in St. Georg in Köln, spätmittelalterlich - zu sehen ist die Gabelform des Kreuzes und der zerschundene Leib ChristiDas Lendentuch zeigt in der Romanik nur Längsfalten auf, in der Gotik hingegen auch Querfalten. Im Barock gewann die Gestaltung des Lendentuches eine eigene Dynamik. Der Stoff wurde in unterschiedlichsten Weisen gefältelt und gewunden dargestellt. Nach der byzantinischen Tradition gab es auch einen Typus, in dem Jesus am Kreuz in einem langen Gewand gekleidet war.

Oft sind den Kruzifixen noch weitere Darstellungen zugefügt. So können Maria (zu Rechten) und Johannes (zur Linken) an den Kreuz-Enden des Querbalken dargestellt sein. Auch die Symbole der vier Evangelisten können die vier Enden des Kreuzes besetzen.

Die Inschrift, die über dem Haupte Christi angebracht wurde – INRI – bedeutet Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, Jesus von Nazareth, König der Juden, und dient der Verspottung des Gekreuzigten. Dadurch soll das Verbrechen angedeutet werden, welches Jesus von der römischen Verwaltung vorgeworfen wurde: Aufstand gegen die römische Besatzung.

Die schon erwähnten Triumphkreuze entwickelten sich mit den wachsenden Kirchenbauten zu einem häufigen Element der Innenausstattung mittelalterlicher Kirchen. Sie wurden monumental angelegt. Das größte Triumphkreuz, welches heute noch besteht, misst 17m und befindet sich im Dom zu Lübeck. Triumphkreuze wurden in den Kirchen an zentrale Orte gehängt oder auf Bögen befestigt. Das Kreuz wurde dabei oft als ‚Lebensbaum’ dargestellt, aus dem grüne Blätter und Zweige sprießen können. Die Kreuzesenden werden sehr oft von Symbolen der vier Evangelien eingenommen. Dabei findet sich der Adler des Johannes über dem Kopf Christi, der Mensch (Engel) des Matthäus zur Rechten, der Löwe des Markus zur Linken und der Stier des Lukas zu Füßen des Gekreuzigten. Diese Anordnung Triumphkreuz, Münster Bad Doberan, Meister Bertram von Minden, um 1400 – sehr gut zu sehen ist der Lebensbaum des Kreuzes; die kleinen Reliefs zeigen Bilder aus dem Leben Jesuwird mit angeblichen verschiedenen Schwerpunkten der Evangelien in Verbindung gebracht. So soll Lukas die Kreuzigung und somit das Opfer betont haben. Sein Symbol ist ein traditionelles Opfertier: der Stier. Matthäus betonte die Geburt Christi, also die Menschwerdung. Sein Symbol ist der Mensch. Markus stellte die Auferstehung und die Zeit danach in den Mittelpunkt seines Evangeliums. Sein Symbol ist der Löwe. Im Mittelalter glaubte man, dass Löwen tot geboren werden und erst durch das Gebrüll des alten Löwen zum Leben erweckt werden. Der Löwe ist also ein Symbol für die Auferstehung. Schließlich konzentriert sich Johannes auf die Himmelfahrt. Sein Symbol ist der Adler, ein Vogel der sich in die Lüfte schwingen kann. Der Adler ist ein Symbol für die Himmelfahrt Christi. Somit erklärt sich auch die Anordnung zumindest des Adlers am Kopf- und des Stieres am Fußende (Grablegung Christi) des Kreuzes.

Das Triumphkreuz ist oft Teil einer Kreuzigungsgruppe. Dann treten auch noch Maria und Johannes hinzu. Da der Tod Jesu die Schuld sühnte, die Adam und Eva dereinst im Paradies begingen, finden sich in manchen Triumphkreuzanordnungen auch diese beiden. Hinzukommen können auch Stifterfiguren.

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