Das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen

Die klugen Jungfrauen (drei von fünf), Magdeburger Dom, um 1250„Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“

So steht es geschrieben im Evangelium des Matthäus, Kapitel 25, Verse 1 bis 13 (zitiert nach der Übersetzung von Martin Luther).

Die törichten Jungfrauen (drei von fünf), Magdeburger Dom, um 1250 - die linke Figur zeigt die typische Haltung der MelancholieKaum ein Gleichnis war im Mittelalter beliebter als das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen. Dabei sollten die klugen Jungfrauen die tugendhafte, christliche Seele symbolisieren, die sich Gott zuwendet; die törichten Jungfrauen jedoch sollten die fleischliche Begierde und die ewige Verdammnis symbolisieren.

Besonders in der Gotik wurden die Jungfrauen in oft lebensgroßen Figurenzyklen an den (West-)Portalen der Kathedralen dargestellt. So finden sich Jungfrauen unter anderem an den Portalen von Notre-Dame de Paris, Notre-Dame de Reims, des Freiburger Münsters, des Straßburger Münsters, des Erfurter Doms, des Basler Münsters, der Kathedrale von Laon, der Kathedrale von Amiens und – besonders berühmt – am Paradiesportal des Doms zu Magdeburg. Hier wie in anderen Darstellungen haben die Künstler versucht, mit jeder Jungfrau eine eigene Gefühlssituation zum Ausdruck zu bringen. So zum Beispiel expressive Freude, oder eher die stille, nach innen gerichtete Freude.

Jüngstes Gericht, Galluspforte am Baseler Münster, um 1150-1170 - die klugen Jungfrauen sind links der TürDas Gleichnis findet sich aber auch als Tafelmalerei und als Glasmalerei. Zu unterscheiden sind die je fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen zum einen an ihren Ölgefäßen, zum anderen an der ganzen Mimik und Gestik. Die klugen Jungfrauen halten ihre Ölgefäße aufrecht, da sie gefüllt sind. Die Gesichter und die Haltung bringen Freude und freudige Erwartung zum Ausdruck. Die Ölgefäße der törichten Jungfrauen weisen oft mit der Öffnung nach unten, wie als Beweis, dass sie leer sind. Gesichter und Körperhaltung zeigen Trauer und Verzweiflung.

Bildnachweis: 123

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