Auch ohne Glöckner schön: Notre-Dame de Paris

Notre-Dame de Paris, WestfassadeDurch den Roman von Victor Hugo, der 1831, erschienen ist, wurde die Gestalt des Glöckners von Notre-Dame zu einem der traurigsten Helden der neuzeitlichen Literaturgeschichte. Die sechs Mal, unter anderem als süßliches Disney-Musical, verfilmte Geschichte von Quasimoda, La Esmeralda und Frollo, hat wohl mehr für den Ruhm einer Kirche geleistet, als je eine Geschichte vorher oder nachher. Dabei hätte die Kathedrale in Paris gar keine Werbung nötig. Zum einen steht sie mitten in Paris auf einer Insel in der Seine, an der kein Besucher vorbei kommt, zum anderen gilt die Kirche als eine der frühesten gotischen Kirchen Frankreichs und damit der Welt.

Allerdings muss Notre-Dame der Abteikirche von Saint-Denis vor den Toren der Stadt den Ruhm als Geburtsstätte der Gotik überlassen, wo 1139 mit dem Bau des Chorumganges begonnen wurde. In Paris begannen die Bauarbeiten 1163. Dazu mussten vorher die Reste eines Vorgängerbaus aus der Merowinger-Zeit abgeräumt werden, der um 550 unter dem König Childerich I. errichtet worden war. Der Bau von Notre-Dame hängt eng mit dem Aufstieg der Kapetinger zusammen, die zu der damaligen Zeit ihren Herrschaftsraum erheblich erweitern konnten und später auch den französischen Königsthron besetzten.

Um 1196 war der Bau im wesentlichen fertig. Doch um 1200 begannen die Baumeister im Westen mit dem Bau einer Fassade, die zwar im Stil der Frühgotik errichtet wurde, sich aber anders als Saint-Denis oder die zehn Jahre ältere Fassade der Kathedrale von Laon wieder mehr der die Waagerechte betonenden Kastenbauweise der RNotre-Dame de Paris, Ostabschluss mit Strebewerkomanik zuwandte. Die Fassade besteht vor allem aus Quadraten, die zu einem Rechteck mit den Seitenverhältnissen 2 zu 3 zusammengefügt sind. Dadurch wirkt die Gestaltung sehr ausgewogen.

Drei Portale führen in die Kirche, wobei das mittlere nur schwach hervorgehoben ist. Eine Neuerung war in Paris die Königsgalerie über der Portalszone. Dargestellt sind die Könige von Juda in Israel, doch schon die Zeitgenossen des Kirchenbaus sollen die Figuren für die Wiedergabe aktueller Könige gehalten haben. Die Königsgalerie wurde Vorbild für andere Kathedralen, so auch in Reims. Allerdings sind heute fast alle Skulpturen Nachbildungen des 19. Jahrhunderts, da in der französischen Revolution die meisten originalen Figuren zerstört wurden. Die Bilderstürmerei betraf gleichfalls die Figuren, die die Portale säumten. Auch hier ersetzen Nachschöpfungen die mittelalterlichen Skulpturen.

Die Kathedrale von Notre-Dame de Paris gilt als eines der frühesten Bauwerke, an dem Strebewerk eingesetzt wurde. Dabei war die Kirche ursprünglich mit einem Flachdach versehen. Erst mit dem Strebewerk konnte das mit 31 Metern Gewölbehöhe für die Zeit sehr hohe Mittelschiff eingewölbt werden, da so eine Möglichkeit bestand, die enormen Kräfte, die durch das hohe Gewicht der Wölbung entstand, sicher aufzunehmen. Zudem ist das Mittelschiff von Notre-Dame mit seinen zwölf Metern auch noch verhältnismäßig breit.

Die Kathedrale ist eine Basilika mit fünf Schiffen. Ursprünglich war die Kirche im Innern in vier frühgotische WandebenNotre-Dame de Paris, Innenraum, Blick nach Osten (Foto: Kurt Muehmel)en eingeteilt. Zwischen den Mittelschiffsarkaden und den Obergadenfenstern befanden sich noch zwei Fensterreihen. Während des hochgotischen Umbaus der Kathedrale ab 1220 wurde jedoch das Emporengeschoss eingebaut und darüber im Obergaden eine Reihe aus Fenstern mit Maßwerk. Die Frühgotik kannte kein Maßwerk.

In Paris kann wie auch schon in Laon beobachtet werden, wie die Gewölberippen nach unten als Dienste zunächst die Wände und dann die Pfeiler entlang verlängert wurden. Schon die Pfeiler zwischen den Seitenschiffen sind von Diensten umstellt. Dieser Trend sollte sich in der Hochgotik weiter verstärken, bis die Spätgotik wieder davon abkam.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden die äußeren Seitenschiffe und der Chor um Kapellen ergänzt, sodass der Grundriss der Kathedrale einen siebenschiffigen Eindruck hinterlässt. Das Querschiff tritt im Grundriss auch nicht mehr über die Breite des Gesamtbaus hinaus. Dabei hatte man 1267 die alten Querschifffassaden eigens abgerissen, die Querschiffe um je ein Joch verlängert und neue Fassaden davor gebaut, damit die Querhausarme wieder über die Breite hinausragten. Jene Notre-Dame de Paris, Wasserspeier des 19. Jh. mit Querschifffassaden wurden üppig mit Maßwerk ausgestattet und gelten heute als zu den schönsten Beispielen dieser Kunst gehörig. Der Stil wird Rayonnant genannt und ist kennzeichnend für die französische Hochgotik.

Im 19. Jahrhundert hat Eugène Viollet-le-Duc auch in dieser Kirche seine Spuren hinterlassen. Er ließ in den Querhausarmen die alte, viergliedrige Innenwandgestaltung wieder herstellen, weshalb die Kirche im Innenraum aus manchen Perspektiven ein wenig unproportioniert erscheint. Gleichfalls im 19. Jahrhundert wurde auch ein Großteil der Wasserspeier geschaffen, die im Laufe der Zeit ihre eigene Berühmtheit entwickelten.

Notre-Dame de Paris

Bildnachweis : 1234

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *