Prototyp der Backsteingotik: Marienkirche in Lübeck

St. Marien, Lübeck, Gewölbe des Mittelschiffs (Foto: Arnold Paul)Der gesamte Norden Deutschlands war in den Eiszeiten kilometerhoch mit Eis bedeckt. Insbesondere die letzte Eiszeit – die Weichseleiszeit brachte in ihren Gletschern nicht nur Eis, sondern auch Unmengen an Sand und Steinen aus Skandinavien mit. Aus den Steinen, zumeist sehr harte, kleinere Granitfindlinge, die in späteren Zeiten aus den Äckern zu wachsen schienen, ließen sich exquisite Dorfkirchen bauen. Doch mit der Zeit der Hanse und dem wachsenden Reichtum der Kaufleute in den noch jungen Städten vor allem des Ostseeraums, wollte man auch große Kirchen bauen, wie es das Ansehen ihrer Städte bedurfte. Dafür gab es allerdings nicht genügend Steine und Natursteine, die zum Bau von Kirchen in felsigeren Gegenden verwandt wurde, ließen sich nicht kostengünstig heranschaffen. Was es jedoch in Unmengen gab, war Lehm. Und so besannen sich die Norddeutschen der alten Kunst des Ziegelbrennens, welche seit dem Ausklang der Antike verschüttet gewesen war und befand sich auf ein Mal im Besitz eines Baumaterials, das den Ansprüchen genügte, um Kirchen in den Himmel zu bauen.

Zwar gab es schon in der Romanik einige Kirchen, die aus Ziegelsteinen gebaut wurden, so in Verden an der Aller und in Jerichow, aber erst mit St. Marien in Lübeck begann der Großeinsatz des für den deutschen Nordosten so typischen Materials. Dabei sollte St. Marien in Lübeck nicht nur Prototyp für 70 Nachfolgebauten werden, ein Maßstab wurde schon mit der Höhe der Gewölbe gesetzt: 38,5 Meter misst die lichte Höhe. Ein nicht mehr erreichter Rekord im Backsteinbau.

Auch am Ort von St. Marien wurde zuerst eine romanische Kirche aus Backstein errichtet, die um 1156 eine Holzkirche in der nur wenige Jahrzehnte zuvor gegründeten Stadt ablöste. Doch die romanische Kirche genügte bald nicht mehr, weder in der Größe, noch in der Repräsentation. Also entschied sich die Bürgerschaft für den Bau einer neuen Kirche, diesmal im gotischen Stil. Baubeginn war im Jahr 1250. St. Marien, Lübeck, Südansicht mit Türmen, Dachreiter und Strebewerk (Foto: Thomas Müller Roggenhorst)Vorbilder für die gotische Kirche St. Marien waren natürlich Kirchen in Frankreich und Flandern. 1350 konnte die fertige Marienkirche eingeweiht werden.

Entstanden war eine dreischiffige Basilika mit Chorumgang und Chorkapellen. Ein Querschiff gibt es zwar nicht, aber durch den nördlichen und südlichen Anbau von Vorhallen wird zumindest der Eindruck eines Querschiffes erreicht. Im Westen erheben sich über einer mächtigen Doppelturmfassade die beiden Türme, die bis zur Spitze knapp 125 Meter hoch sind. In Küstenstädten wurden Kirchtürme häufig hoch gebaut. So bildeten die Türme für die Seefahrt wichtige Orientierungspunkte in der Navigation.

Von außen ist das gleichfalls nach französischem Vorbild entstandene Strebewerk zu sehen, welches die Wände und das Gewölbe des Mittelschiffes abstützt.

An die Kirche wurde im Süden um 1350 die Briefkapelle angebaut, die mit ihrem Sterngewölbe als Meisterwerk der Hochgotik gilt und ihren Namen von den Schreibern hat, die in nachreformatorischer Zeit hier ihren Sitz hatten. Im Norden kam um 1390 die Bürgermeisterkapelle hinzu, bei deren Bau glasierte Ziegelsteine verwendet wurden. Um 1444 wurde die Scheitelkapelle des Chorumgangs im Stil der Spätgotik erweitert. Sie diente im ausgehenden Mittelalter den Stundengebeten der Marienverehrung, und wird Marientidenkapelle (Marienzeiten auf niederdeutsch) genannt.

Beim Bombenangriff vom 29. März 1942 brannte die Kirche vollständig aus. Zerstört wurden die Lettnerskulpturen, die Kopie des berühmten Totentanz von Bernd Notke und viele weitere Ausstattungsstücke. St. Marien, Lübeck, Verkündigungsszene mit einem Engel zwischen zwei Pilgern, Sonderbriefmarken der Deutschen Bundespost von 1951Beim Wiederaufbau des Daches und der Turmdächer wurde auf Holz verzichtet und eine Betonleichtbauweise angewandt. Auch der Dachreiter wurde rekonstruiert.

Durch die Bombenzerstörungen kamen allerdings auch einige mittelalterliche Fresken zum Vorschein, die in der Folgezeit renoviert wurden. Eine Darstellung einer Verkündigung kam 1951 auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost.

Von der Ausstattung haben sich viele wertvolle Stücke erhalten. Genannt sein ein Sakramentshäuschen (Sakramentsturm) von 1479, der über neun Meter hoch ist und aus rund 1000 bronzenen Einzelteilen zusammengesetzt ist. Erhalten blieben auch Flügelalter mit Maria auf der Mondsichel von 1505, die steinernen Figuren des Lettners, ein Antwerpener Altar und das Originalgestühl in der Marientidenkapelle. Erhalten blieb auch das gotische Gestühl in der Bürgermeisterkapelle.

Aus der Epoche des Barocks stammt der Fredenhagen-Altar., den 1697 der Antwerpener Bildhauer Thomas Quellenius geschaffen hat. Der einstige Hauptaltar der Marienkirche wurde im Krieg schwer beschädigt und 1959 abgetragen. Überreste des Altars können im Chorumgang betrachtet werden.

Marienkirche Lübeck

Bildnachweis: 12

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