Barmherzig: das Chorgestühl

Die vielen Messen und Stundengebete im Tagesverlauf konnten für die hohe Geistlichkeit, vor allem wenn sie nicht mehr die Jüngste war, mitunter sehr anstrengend werden. Im 13. Jahrhundert begann man deshalb, die Chorräume mit Gestühlen auszustatten. Die sogenannten Chorgestühle bestehen aus einer oder zwei Sitzreihen, die längs an den Chorwänden errichtet wurden. Hinter den Stuhlreihen hingen zu Beginn oft gewebte Teppiche mit Bilddarstellungen. Da sich die Teppiche im Rücken der Sitzenden befanden, wurden sie ‚Dorsale’ genannt (dorsum – lateinisch für Rücken). Später bestanden die Dorsalen aus dem gleichen Material wie das Chorgestühl selbst, zumeist Holz. Die einzelnen Stühle werden im übrigen Stallen genannt.

Chorgestühle wurden vor allem in der Gotik hergestellt. Anfangs einfache Holzbänke wurden die Gestühle später oft zu Meisterwerken der Holzschnitzkuns und dienten so nicht nur zum Sitzen sondern auch dem Ruhme ihrer Auftraggeber. Aufwendige Bildprogramme konnten sich so auf den Wangen, also den Abschlusswänden der Chorgestühle, aber auch in den Dorsalen finden. Auch Intarsienarbeiten sind bekannt.

Berühmt wurden die Chorgestühle jedoch für eine besondere Art des Schnitzwerkes: die Drolerien. Oft auf den Armlehnen (Accoudoir), öfter aber noch an den eigentlich Sitzkonsolen, finden sich geschnitzte Fabelwesen, Tier-und Menschen-Darstellungen. Die Schnitzereien können sehr humorvoll, aber auch belehrend sein und den Menschen vor Lastern warnen. Zumeist gelten die Drolerien jedoch als profanes, volkstümliches Kunsthandwerk, dem auch eine Spur Sozialkritik nicht fehlen muss. Die Wasserspeier gotischer Kathedralen können ebenfalls als Drolerien betrachtet werden.

Die Drolerien der Chorgestühle befinden sich an den Sitzkonsolen nicht irgendwo, sondern oft an der Unterseite der sogenannten Miserikordien. Während der Messen und Gebete mussten die Geistlichen nämlich bisweilen auch längere Stehphasen durchstehen. Dazu wurden dann die Sitze hochgeklappt. Wenn es einem der Chorherren aber dann zu anstrengend wurde, konnte es sich auf ein zumeist schmales Brettchen abstützen. Die kleinen Brettchen werden Miserikordien genannt. Miserikordia ist Lateinisch und heißt soviel wie Barmherzigkeit.

Zum Titelbild: Marienkirche Dortmund, Cappenberger Chorgestühl (~1520), Miserikordie mit symbolischer Darstellung des Ehebrechers in der Gabel des Schandprangers (Foto: Mathias Bigge)

Bildnachweis: 12

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