Barmherzig: das Chorgestühl
23. April 2007Die vielen Messen und Stundengebete im Tagesverlauf konnten für die hohe Geistlichkeit mitunter sehr anstrengend werden. Im 13. Jahrhundert begann man, die Chorräume mit Gestühlen auszustatten. Die sogenannten Chorgestühle bestehen aus einer oder zwei Sitzreihen, die längs an den Chorwänden errichtet wurden. Hinter den Stuhlreihen hingen zu Beginn oft gewebte Teppiche mit Bilddarstellungen. Da sich die Teppiche im Rücken der Sitzenden befanden, wurden sie ‚Dorsale’ genannt (dorsum – lateinisch für Rücken). Später bestanden die Dorsalen aus dem gleichen Material wie das Chorgestühl selbst, zumeist Holz. Die einzelnen Stühle werden im übrigen Stallen genannt.
Chorgestühle wurde vor allem in der Gotik hergestellt. Anfangs einfache Holzbänke wurden die Gestühle später oft zu Meisterwerken der Holzschnitzkunst, auch zum Ruhme ihrer Auftraggeber. Aufwendige Bildprogramme konnten sich so auf den Wangen, also den Abschlusswänden der Chorgestühle, aber auch in den Dorsalen finden. Auch Intarsienarbeiten sind bekannt.
Berühmt wurden die Chorgestühle jedoch für eine besondere Art des Schnitzwerkes: die Drolerien. Oft auf den Armlehnen (Accoudoir), öfter aber noch an den eigentlich Sitzkonsolen, finden sich geschnitzte Fabelwesen, Tiere und Menschen. Die Darstellungen können sehr humorvoll, aber auch belehrend sein und den Menschen vor Lastern warnen. Zumeist jedoch gelten die Drolerien jedoch als profanes, volkstümliches Kunsthandwerk, dem auch eine Spur Sozialkritik nicht fehlen muss. Die Wasserspeier gotischer Kathedralen können ebenfalls als Drolerien betrachtet werden.
Die Drolerien der Chorgestühle befinden sich an den Sitzkonsolen nicht irgendwo. Während der Messen und Gebete mussten die Geistlichen bisweilen auch längere Stehphasen durchstehen. Dann wurden die Sitze hochgeklappt. Aber an der Unterkante der Sitzflächen fanden sich dann schmale Brettchen, auf denen sich der Stehende etwas mit dem Gesäß abstützen konnten. Die kleinen Brettchen werden Miserikordien genannt. Miserikordia ist Lateinisch und heißt soviel wie Barmherzigkeit.
Diesen Beitrag drucken