Das kommt dabei raus, wenn französische Gotik auf spanischen Gestaltungswillen trifft. Auf der einen Seite eine Kathedrale, die allem schmückenden Beiwerk entkleidet, eindeutig dem Kathedralschema des
Frankreichs der Gotik folgt, auf der anderen Seite eine Kirche, die reichst mit urspanischem Schmuckwerk ausgestattet wurde.
Begonnen wurde der Bau 1221 an Stelle einer älteren, romanischen Kirche. Doch schon neun Jahre später, kurz nachdem die Chorapsis abgeschlossen und der Hochaltar geweiht war, kamen die Arbeiten zum erliegen. 200 Jahre sollte sich nichts an der Kirche tun. Erst 1435, als der damalige Bischof von Burgos, Alfons de Cartegna, vom Konzil in Basel zurückkehrte und dabei vom deutschen Baumeister Johann von Köln, genannt Juan de Colonia, begleitet wurde, fand der Bau eine Fortsetzung. Schon Alfons Vorgänger hatte Berührung mit der französischen und süddeutschen Gotik gefunden und so seinen Nachfolger beeinflusst.
Juan de Colonia vollendet die Türme der Kathedrale und war dabei offensichtlich von den Turmhelmen des Ulmer Münsters inspiriert. Auch die Steinmetzarbeiten des Baseler Münster hatten Einfluss in Burgos. Man nimmt an, dass Juan de Colonia auch die Turmplanung in Köln (1310/20) kannte, unabhängig davon, dass die Kölner Türme erst im 19. Jahrhundert errichtet wurden. Erst 1567 endeten in Burgos die Bauarbeiten mit der Wölbung der Vierung.
Die klare Gliederung des Grundrisses in ein dreischiffiges Langhaus, Chor und ein mächtiges, einschiffiges Querhaus wird in der Außenansicht durch 15 nachträglich angefügte Kapellen verstellt. Auch der Kreuzgang aus dem 15. Jahrhundert und der erzbischöfliche Palast im Südwesten der Kirche beeinflussen die äußere Wirkung der Basilika.
Im Innern sind die Wände dreigliedrig. Zwischen Arkaden und Obergaden befindet sich noch ein Triforium. Der Chor selbst steht dem der französischen Kathedrale von Bourges nah, der Anfang des 12. Jahrhunderts vollendet wurde.
Die Westfassade ist gleichfalls von französischen Vorbildern abgeleitet, nur das in Burgos die Türme beide vollendet sind. Französisch ist an der Westfassade auch die Figuren- oder Königsgalerie die sich über der Rosette in einer offenen Galerie befindet. Die Galerie wiederum öffnet sich in zwei vierbahnige Maßwerk“fenster“ mit jeweils drei Vierpassen. Sie wird gekrönt durch eine Statue der Mutter Gottes, der vermutlich auch die Inschrift gewidmet ist: PULCHRA ES ET DECORA (“schön bist du und anmutig”). Inschriften, aber auch Wappen an der Fassade gelten als ein typisch spanisches Dekorelement.
Typisch spanisch sind auch die reichen, linienhaften Ornamente, die die Kirche innen und außen zieren und die ursprüngliche französische Gotik etwas verdecken.
Drei Figurenportale führen ins Innere der Kathedrale. Das Portal in der nördlichen Querhauswand (Coroneria-Portal) von 1240/45 zeigt ein Jüngstes Gericht. Das Portal der südlichen Querhauswand (Sarmental-Portal) von 1235 zeigt den von den Aposteln umgebenden, thronenden Christus. Das Pellejería-Portal, der östlicher Zugang zum nördlichen Querhaus, ist das jüngste. Es wurde erst 1516 im Stil der spanischen Renaissance geschaffen. Es zeigt die thronenden Mutter Gottes mit Engeln sowie das Martyrium Johannes des Täufers.
Das Innere der Kathedrale ist reich mit dem schon erwähnten spanischen Linien-Dekor geschmückt. Es fehlt auch nicht an Retabeln, geschnitzten Steinschranken und den typischen hohen Gittern, die der Kathedrale auch im Innern einen ‚spanischen’ Eindruck geben.
Die Vierungspfeiler sind nachträglich verstärkt worden. Der ursprüngliche Vierungsturm stammte von Juan da Cologna, wurde in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts fertiggestellt und war 1539 schon wieder eingestürzt. Der neue Vierungsturm entstand bis 1565.
Der Kreuzgang an der Südseite der Kathedrale besteht aus einem niedrigeren Teil, der um 1260 fertig gestellt war und einem jüngeren, höheren Teil, der zwischen 1265 und 1270 entstand. Vom Kreuzgang aus können die Fundamente des romanischen Vorgängerbaus besichtigt werden.
1919 fanden in der Kathedrale von Burgos der große spanische Nationalheld der Reconquista, El Cid (eigentlich: Rodrigo Díaz de Vivar), und dessen Frau Doña Jimena ihr Grab. Bemerkenswert, da El Cid bereits 1099 verstorben ist.
Die Kathedrale steht seit 1984 als bislang einziger Kirchenbau auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.
Catedral de Burgos (spanische Seite mit vielen Bildern)
