Ein Denkmal für Heinrich den Löwen: Braunschweiger Dom

6. Mai 2007

Braunschweiger Dom, Nordseite mit Tudorfenstern (Foto: Magnus Manske)

Trotz Ernst August von Hannover dürfte doch Heinrich der Löwe der bekannteste Welfe sein. Der Gründer solcher bedeutenden Städte wie Lübeck, Lüneburg und München und Gegenspieler des Königsgeschlechtes der Staufer war einer der mächtigsten Reichsfürsten des 12. Jahrhunderts. Der Herzog von Sachsen, der von Friedrich I. Barbarossa auch mit Bayern belehnt worden war, gründete in Braunschweig 1173 eine Kollegiatsstift, dessen Kirche später seine Gebeine aufnehmen sollte.

Der Baubeginn der Kirche fiel genau auf die Rückkehr des Herzogs von einer Pilgerreise in das Gelobte Land. Jerusalem wurde erst 1187 von Saladin eingenommen. 1188 war wohl die Ostseite der Stiftskirche fertig, weil in diesem Jahr die Weihe des sich noch heute in der Kirche befindlichen Marienaltars erfolgte.

1195, im Sterbejahr Heinrich des Löwen, waren wahrscheinlich das Langhaus und Teile der Türme schon abgeschlossen. Im selben Jahr wurde Heinrich neben seiner schon 1189 verstorbenen zweiten Ehefrau Mathilde in der Kirche beigesetzt. Beider Grabmal entstand um 1230.

Braunschweiger Dom, Innenansicht nach Osten (Foto: U. Altmann)

Im Jahre1226 wurde die fertiggestellte Kirche geweiht und – neben den beiden schon bestehenden Patronaten des hl. Blasisus und Johannes des Täufers – auch noch dem hl. Thomas Becket geweiht.

Seit dem 14. oder 15. Jahrhundert wird die Stiftskirche Dom genannt, wobei die Bezeichnung damals nicht unbedingt im Sinne einer Bischofskirche verwandt wurde, sondern zumeist eine Stiftskirche bezeichnete. Der Braunschweiger Dom ist seit 1543 evangelisch.

Der Dom wurde ursprünglich als romanische Pfeilerbasilika gebaut, dass heißt, es gibt keine Säulen. Teile des romanischen Doms waren auch ein Querschiff, eine Krypta, eine Hochchor und ein Westwerk im sächsischen Stil. Der Bau wurde aus Sandstein errichtet.

Braunschweiger Dom, Innenansicht des nördlichen Seitenschiffes im Perpendicular Style (Foto: U. Altmann)Die Gestaltung des Innenraums, insbesondere des Mittelschiffes, wird durch Pfeiler und die Wandvorlagen rhythmisiert, die jedem zweiten Pfeiler vorgelegt sind. Die Wandvorlagen bestehen aus Kantensäulen. Die Kapitelle der Pfeiler sind romanisch und würfelförmig.

Der Dom in Braunschweig ist zwar nicht die erste deutsche Kirche, die gewölbt wurde, aber wohl die erste Kirche, die für eine vollständige Wölbung entworfen war. Über dem Mittelschiff befindet sich heute ein Tonnengewölbe mit Stichkappen ohne Gurtbögen. Das Gewölbe besteht aus einem Kreuzgratgewölbe.

In den Jahrhunderten nach der Fertigstellung 1226 wurde die Kirche umfangreich verändert und ergänzt, wobei die Ostseite noch am nächsten am Originalzustand der Spätromanik dran ist. So wurde das Hauptportal zum Burgplatz an der Nordseite 1469 errichtet und die Türme um 1300 mit einer gotischen Glockenstube versehen.

Die umfangreichsten Veränderungen betrafen jedoch die beiden Seitenschiffe. Zwischen 1322 und 1346 wurde das südliche Seitenschiff um ein weiteres im Stil der Gotik ergänzt. Das romanische Seitenschiff auf der Nordseite wurde ganz abgerissen. An seiner Stelle erfolgte bis 1477 der Bau einer zweischiffigen Halle im Stil der englischen Spätgotik, dem Perpendicular Style. Neben den Fenstern mit ihren Tudor-Bögen sind besonders die Säulen auffällig. Sie erwecken den Eindruck, als seien sie in sich gedreht.

Braunschweiger Dom, Secco-Malerei an der Decke der Vierung, Das Himmlische Jerusalem (Foto: U. Altmann)

Neben den üblichen Veränderungen während der Zeit des Barock erfuhr der Dom größere Veränderungen zwischen 1866 und 1910. Vor allem im Innern wurde die Kirche grundlegend im Stil der Zeit, des Historismus, rekonstruiert (also ‚regotisiert’) und ergänzt.

 

Das betraf auch einen der größten Schätze, die der Dom enthält. 1845 wurden bei Restaurierungsarbeiten umfangreiche Secco-Wandmalereien entdeckt und freigelegt, die wohl zwischen 1230 und 1250 entstanden sind und im Querschiff, dem östlichen Teil des Langhauses und den Apsiden zu finden sind. Während der Braunschweiger Dom, Imvervad-Kreuz, um 1150Rekonstruktionen des 19. Jahrhunderts wurden die Malereien großzügig ausgebessert und phantasievoll ergänzt. In den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderst wurden im südlichen Querhaus die Malereien größtenteils wieder von den Übermalungen befreit und vermitteln dort am ehesten einen Eindruck der mittel- alterlichen Originale.

Ingesamt sind um die 80 Prozent der Malereien erhalten geblieben, die eine deutliche Nähe zu der zur gleichen Zeit entstandenen Kirchendecke in St. Michaelis zu Hildesheim zeigen. Beide Kunstwerke sind im sogenannten Zackenstil gemalt worden, der in der Malerei den Übergang zwischen Romanik und Gotik markiert.

Die Malereien in Braunschweig stellen eines der umfangreichsten in Deutschland erhaltenen Programme dar. Themen sind unter anderem die Wurzel Jesse, das Himmlische Jerusalem, die Kreuzauffindung durch die hl. Helena, Christus als Pantokrator in der mittleren Apsis, aber auch Stifterfiguren und deren Abstammungslinien, sowie die Märtyrergeschichten der drei Dompatrone.

Weitere bedeutende Ausstattungsstücke sind das Imervard-Kreuz und der schon erwähnte Marienaltar. Das Imervard-Kreuz, vermutlich ein altes Prozessionskreuz, ist ein romanisches Kruzifix aus der Zeit um 1150 und damit älter als der Dom. Christus ist im Stil der Zeit nicht als Leidender sonder als Triumphierender dargestellt. Die Augen sind geöffnet und schauen den Betrachter an. Ebenfalls romanisch ist die Anzahl der Nägel: vier. Gekleidet ist Christus in ein königliches Gewand.

Der Marienaltar ist eine polierte Steinplatte auf fünf Bronzesäulen und ist der einzige verbliebende Altar aus dem romanischen Bau. Bekannt ist auch der vier Meter breite, siebenarmige Leuchter von 1190. Er besteht aus 44 Einzelteilen und ist um die 400 Kilogramm schwer.

Braunschweiger Dom, Grabmal Heinrich des Löwen (links) und seiner Frau Mathilde

Bedeutend für die Skulptur der Übergangszeit zwischen Romanik und Gotik sind auch die beiden Liegefiguren Heinrichs des Löwen und seiner Frau Mathilde, die um 1230 entstanden. Die Gewandfalten fallen korrekt zwischen die Beine. Die Figuren sind also als echte Liegefiguren geschaffen worden und nicht als Stehfiguren, die hingelegt wurden. Diese Darstellung leitet schon über zur Gotik, auch wenn die Gesichter der Figuren noch sehr unpersönlich sind.

Wie schon mit der Stiftskirche St. Servatius haben die Nationalsozialisten auch mit dem Dom von Braunschweig ihren Unsinn getrieben. Die Nazis betrachteten Heinrich den Löwen, der auch an der Ostkolonisation des Mittelalters beteiligt war, als einen Vorläufer ihrer sogenannten Ostpolitik. Sie öffneten das Grab, ordneten vermutlich die sterblichen Überreste, die sie fanden, falsch zu, sortierten die beiden Grabmäler der Herrscher um, bauten aus Granit eine Gruft mit Hakenkreuz an der Wand, räumten alles aus der Kirche raus, was sie nicht mit der romanischen Entstehungszeit in Verbindung bringen konnten (Epitaphe, Gestühl, Altäre, Kreuze usw.) und hängten acht monumentale Gemälde in die arme Kirche, die die „Eroberung des Ostens“ unter Heinrich verherrlichen sollten. Dann wurde der Dom als nationale Kultstätte „geweiht“.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Dom kaum beschädigt, während das Braunschweig drum herum in Schutt und Asche fiel. Nach dem Krieg wurden die Veränderungen der NS-Zeit größtenteils wieder beseitigt.

Braunschweiger Dom

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