Vieles ist Schein, wenig ist Wirklichkeit. Was schon die Altvorderen zur Genüge erkannt haben, ist nicht zuletzt eine Folge unseres Sehsinns. Allzu leicht lässt sich unser Auge ein klein wenig an der Nase herumführen. So erscheint ein Gebilde aus vertikalen Linien höher als eines aus horizontalen Linien. Dieses Prinzip hat sich auch die Gotik zu Nutze gemacht und immer wieder die aufstrebenden Proportionen gesucht. In der Nicolaikirche in Wismar ist es den Baumeistern sogar gelungen, eine Kirche höher erscheinen zu lassen, als sie ist, nämlich sogar höher als höhere Kirche.
Dabei wird St. Nikolai in Deutschland in Punkto Gewölbehöhe nur von drei anderen Kirchenbauten geschlagen – dem Kölner Dom, dem Ulmer Münster und St. Marien in Lübeck – doch haben die Baumeister der Kirche sich erfolgreich bemüht, ihr Mittelschiffgewölbe noch unerreichbarer scheinen zu lassen. Der Trick funktioniert über die Proportionen. Zwar ist das Mittelgewölbe nur 37 Meter hoch (Kölner Dom: 43 Meter), doch die Arkaden zu den Seitenschiffen ragen hoch auf und die Pfeiler stehen dicht. Zudem ist das Mittelschiff mit 10 Meter 50 sehr schmal und wirkt gerade deshalb höher als Kirchen, die zwar tatsächlich höher, aber leider auch breiter sind und deshalb nicht ganz so hoch wirken.
Gebaut wurde die Kirche zwischen 1381 und 1487 im Stil der norddeutschen Backsteingotik. Vorbild ist die St. Marienkirche in Wismar, welche sich wiederum an St. Marien in Lübeck orientiert. Auffällig ist, dass St. Nikolai, obschon es ein Werk der Spätgotik ist, genau wie seine Vorbilder nicht nur keine Hallenkirche ist, sondern auch noch üppig mit freiliegendem Strebewerk versehen wurde. Die Kirche ist eine dreischiffige Basilika. Sie verfügt über einen Chorumgang mit Kapellenkranz und vielen Seitenschiffkapellen.
Im Norden und im Süden der Seitenschiffe sind je eine Vorhalle angeschlossen, die von außen wie ein Querschiff wirken, im Innern aber weder eine räumliche Verbindung zum Mittelschiff haben, noch dessen Gewölbehöhe erreichen.
Der Turm war ursprünglich 120 Meter hoch und hatte eine spitze Haube. Gerade Hafenstädte zeigten oft sehr hohe Türme, da diese dann der Seefahrt als Orientierungszeichen dienen konnten. Leider stürzte die Turmhaube 1703 während eines Sturmes ein. Dabei durchschlugen Teile der Haube auch das Mittelschiffsdach und richteten schwere Schäden an, so unter anderem auch an der Inneneinrichtung.
Die Nikolaikirche verfügt auch deshalb heute im wesentlichen über Ausstattungsstücke aus der Barockzeit. Hervorragendste Stücke sind wohl der Hochaltar von 1774 und die Orgel von 1787, wobei letztere ursprünglich für die Nikolaikirche in Freiberg (Sachsen) angefertigt worden war und erst 1985 in Wismar eingebaut wurde.
Aus der Spätgotik stammen noch einige Wandmalereien. Zudem befinden sich in den beiden Vorhallen einige Ausstattungsstücke aus den beiden im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wismarer Kirchen St. Georgen und St. Marien, so unter anderem in der Südvorhalle das Chorgestühl und der Hochaltar von St. Georgen, sowie ein Triumphkreuz von 1430 aus der selben Kirche.
1867 wurde schließlich auch das von der herabstürzenden Turmhaube zerschlagene Mittelschiffsgewölbe wieder eingewölbt. Zur gleichen Zeit erhielt der Turm auch sein niedriges Dächlein, welches ein wenig unproportioniert wirkt.
Ein schönes Beispiel für die Dekormöglichkeiten der Backsteingotik bietet der Giebel der südlichen Vorhalle. Der Giebel ist mit einer Backsteinrosette und glasierten Motivfriesen geschmückt. Die Motivfriese zeigen die Mutter Gottes, aber auch den hl. Nikolaus, Drachen, Löwen und Menschenköpfe. Dabei ist gut zu erkennen, dass sich die Motive oft wiederholen und vermutlich aus den gleichen Formen stammen.
Wie auch die ganze Altstadt von Wismar befindet sich die Nikolaikirche seit 2002 auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO.



