Ein Traum aus Marmorspitzen: der Mailänder Dom St. Maria Nascente

12. Mai 2007

Mailänder Dom, Dach und Strebewerk (Foto: Rüdiger Wölk)

Wenn bei italienischen Kirchen von der Fassade gesprochen wird, ist zumeist die Eingangsfront im Westen gemeint, die in Italien vielleicht als ‚Gesicht’ einer Kirche angesehen wird. Das Besondere am ‚Gesicht’ des Doms in Mailand ist die auffällige Mischung aus gotischen und barocken Formen, was umso erstaunlicher ist, weil nur das Barock ‚echt’ ist, während die Gotik eine Zutat aus dem 19. Jahrhundert darstellt.

Dabei ist der Mailänder Dom tatsächlich im wesentlichen eine gotische Kirche, deren Baubeginn im Jahre 1386 lag. Wie bei so vielen Kirchen, gründet auch die Mailänder Bischofskirche auf älteren Vorgängerbauten, so unter anderem der aus dem fünften Jahrhundert stammenden Kirche St. Tekla, deren Reste heute unter der bestehende Kirche besucht werden können.

Mailänder Dom, Fassade (Foto: Túrelio)

Der Domneubau Ende des 14. Jahrhunderts geht nicht zuletzt auf Gian Galeazzo Visconti zurück, dem damaligen Herrscher Mailands, der kurz zuvor seinen tyrannischen Onkel Bernabó von der Macht verdrängt hatte. Erster Baumeister des Doms war ein Franzose namens Nicolas de Bonaventure, der aus dem Heimatland der Gotik kommend, die Kirche im Stil des spätgotischen rayonnant entwarf. Auch Bonaventures Nachfolger, Jean Mignot, war Franzose und schärfte noch das gotische Profil der entstehenden Kirche. 1402, als Gian Galeazzo starb, war die Kirche – wie üblich im Osten begonnen – ungefähr bis zur Hälfte fertig. Danach geschah mehrere Jahrzehnte wenig, da den Bauherren das Geld ausgegangen war. Unter der Herrschaft des Francesco Sforza, dessen Familie die Visconti beerbt hatte, war der Kirchenbau 1452 bis zum sechsten Joch des Langhauses fertiggestellt. 1470 entstanden die drei heute noch bestehenden bemalten Fenster in der Apsis.

Mailänder Dom um 1745

1500 bis 1510 entstand dann unter Ludovico Sforza die achteckige Kuppel über der Vierung, in deren Inneren vier Reihen à 15 Figuren das Oktogon schmücken und Heilige, Propheten, Sybillen und weiteres biblisches Personal darstellen.

Im Äußeren war bis zu diesem Zeitpunkt am Dom wenig geschehen. Daran sollte sich auch nicht viel ändern, als Mailand im 16. Jahrhundert in den Einflussbereich der spanischen Könige kam. Dafür wurde das Innere der Kirche mit Altären und anderen Ausstattungsstücken im Stil der Renaissance geschmückt. 1562 wurde auch die berühmte Darstellung des hl. Bartholomäus als ‚Muskelmann’, ein Werk des Marco d’Agrate, in die Kirche aufgenommen, sowie der gleichfalls bekannte Trivulzio-Leuchter aus dem 12. Jahrhundert, dessen Fuß dem Nikolaus von Verdun (Dreikönigsschrein in Köln) zugeschrieben wird.

Mailänder Dom, Innensicht nach Osten (Foto: Patrick Denker)1571 wurde auf Initiative des Erzbischofs Carlo Borromeo der Italiener Pellogrino Pellegrini neuer Baumeister. Er plante ursprünglich eine prächtige Renaissance- Fassade mit Säulen und Pilastern, die allerdings nie verwirklicht wurde. Dafür trieb er die Ausstattung des Inneren im Stil der italienischen Renaissance voran. 1577 wurde der Dom von Carlo Borromeo endlich feierlich eingeweiht. Trotzdem mangelte es immer noch an einer anständigen Fassade. Mit deren Bau wurde unter Carlos Nach-Nachfolger Federico Borromeo 1635 begonnen, als die barocken Bestandteile des heutigen Portals ausgeführt wurden. Doch schon 1649 begann der neue Architekt Carlo Bruzzi die barocke Fassade um einige regotisierenden Bestandteile zu ergänzen, so unter anderem die beiden Pilaster rechts und links vom Hauptportal. Zu dieser Zeit wurde auch das Dach über dem Langhaus abgeschlossen.

1762 schließlich wurde über der Vierungskuppel die Turmhaube errichtet und auf ihr die berühmte Statue der Muttergottes aufgestellt, die von den Mailändern La Madonnina genannt wird, über vier Meter hoch und heute eines der Wahrzeichen der Stadt ist.

Mailänder Dom, hl. Bartholomäus, Marco d'Agrate, 1562Als Napoleon Bonaparte 1805 Mailand seinem Herrschafts- bereich einverleibt hatte, gab es noch immer keine abgeschlossene Fassade. Napoleon entschied, dass das so nicht bleiben könne. In den folgenden Jahren sollte der Großteil der gotischen Zierelemente, die heute das zierliche Steingebirge des Doms so ‚gotisch’ wirken lassen, der Kirche hinzugefügt werden. 1829 bis 1858 kamen auch noch die neogotischen Glasmalereien hinzu und das 20. Jahrhundert brachte schließlich die Reliefportale.

Heute ist der Mailänder Dom, der in der Langfassung Duomo St. Maria Nascente heißt, die insgesamt viertgrößte (Ausmaß des Grundrisses), nach dem Chor der Kathedrale von Beauvais die zweithöchste (Gewölbehöhe) und – nach der Kathedrale von Sevilla – die zweitgrößte gotische Kirche Europas. Und das in Italien.

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