Turm mit Steilkuppel: Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt am Main
18. Mai 2007
Die Stadt Frankfurt war schon wichtig, als Bonn oder Berlin noch in den Flegeljahren waren. Die örtliche Bartholomäus -Kirche hat sicherlich mehr gekrönte deutsche Häupter gesehen, als die beiden anderen Städte zusammen. Was das betrifft, kann wohl nur Aachen der Stadt am Main das Wasser halbwegs reichen, mit dem Unterschied, dass in Aachen „nur“ Könige gekrönt wurden, in Frankfurt aber ab dem 16. Jahrhundert Kaiser.
Dabei war die betreffende Kirche nie ein echter Dom oder eine Kathedrale, sondern immer nur eine Pfarr- und über viele Jahrhunderte auch eine Stiftskirche. Gegründet wurde das Stift, welches nach Christus als dem Salvator, dem Erlöser der Welt, Salvator-Stift genannt wurde, von dem Karolinger Ludwig der Deutsche, einem Enkel Karls des Großen, im Jahre 852. Dabei konnten die Erbauer der dazugehörigen Stiftskirche bereits auf den Fundamenten mindestens zweier, wenn nicht dreier Vorgängerkirchen aufbauen. Von der aller ersten Kirche, die auf dem Frankfurter Domhügel errichtet wurde, den schon die Jungsteinzeitler als einen geeigneten Siedlungsplatz betrachteten, ist nichts erhalten. Von der ersten nachgewiesenen, der merowingischen Kirche aus dem siebten Jahrhundert, sind nur einige Mauerreste und das Grab einer jungen Merowinger-Prinzessin überliefert.
794 wurde dann ein karo- lingischer Bau errichtet, auf deren Grundmauern 852 die Pfalzkapelle erneuert wurde. Den Ausmaßen des Baus von 794 entspricht heute exakt der Umriss des Mittelschiffes des heutigen Langhauses. Auf diesen Grundrissen wurde auch die Kirche von 852 errichtet, jedoch dabei um zwei Seitenschiffe im Norden und im Süden zu einer Basilika erweitert. Die Kirche erhielt zudem ein zweitürmiges Westwerk, welches noch bis ins Spätmittelalter erhalten bleiben sollte.
Schon vor der Jahrtausendwende sollte Frankfurt an Bedeutung verlieren, als die neben dem Stift gelegene Pfalz nicht mehr genutzt wurde und zunehmend verfiel. Nur dank des Stiftes blieb die Stiftskirche weitestgehend erhalten und sah illustre Gäste. So rief im Jahre 1146 der berühmte Bernhard von Clairveaux, nicht Gründer, aber treibende Kraft des Zisterzienserordens, auch in der Frankfurter Stiftskirche zu dem von ihm heftigst geforderten zweiten Kreuzzug auf. 1152 wurde in der Kirche der Staufer Friedrich I. genannt Barbarossa zum deutschen König gewählt. 1356 regelte dann die Goldene Bulle Karls IV., dass die Kaiserwahl in Frankfurt und durch die sieben Kurfürsten zu erfolgen hatte.
Da die Stiftskirche nun doch allmählich etwas zu leiden begonnen hatte, wurde ein Neubau beschlossen, der wie üblich 1238 mit dem Chor begann. Nach Abriss des alten und Bau des
Neuen noch im romanischen Stil, erfolgte die Weihe schon 1239. Fertig sein sollte der Chor 1250. Seit 1239 befand sich in der Salvator-Kirche die Schädeldecke des hl. Bartholomäus, eines der zwölf Apostel, dem die Kirche von da an geweiht war. Wie an den Jahreszahlen unschwer zu erkennen ist, stand zu diesem Zeitpunkt schon die Gotik in Europa vor ihrem Siegeszug und so war der romanische Chor bald nicht mehr modern. Trotzdem begannen die Frankfurter den weiteren Neubau damit, indem sie das Langhaus abrissen und neu errichteten, diesmal im Stil der Frühgotik, womit das Frankfurter Langhaus eines der ersten stilreinen Bauwerke der Gotik in Deutschland wurde, wobei es auch noch als dreisschiffige Hallenkirche konstruiert war. Querhaus und Westwerk des karolingischen Baus blieben jedoch erhalten.
Obwohl die Bauherren damals die Kirche gerne verlängert hätten, gab es dafür in Richtung Westen keinen Platz. Alles war zugebaut. So wirkt das Langhaus auch heute noch sehr kurz im Vergleich zu Chor und Querhaus. Zunächst wurde das Langhaus auch nur in der Höhe des romanischen Chores gebaut, was später noch zum Problem werden sollte.
Im 14. Jahrhundert wurde Frankfurt freie Reichsstadt und den wohlhabenden Bürgern reichte nun das Geld, den romanischen Chor durch einen hochgotischen zu ersetzen. Allerdings wurde der neue Chor nun höher gebaut als das Langschiff. 1349 erfolgte die Weihe des Hochaltars.
1340 wurde endlich das zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 500 Jahr alte Querhaus abgerissen und durch ein im Verhältnis zum Langhaus gigantisches Querhaus ersetzt, welches bis 1369 fertig war. Es ist das längste Querhaus der europäischen Gotik und erreichte die Gewölbehöhe des hochgotischen Chores. Damit konnte zunächst die Vierung nicht so einfach eingewölbt werden, da das Langhaus ja ein ordentliches Stück niedriger war. Durch das kurze Langhaus und das lange Querhaus, bekam die Kirche eher die Form eines Zentralbaues, den sie auch heute noch hat.
Dass die Einwölbung dann doch gelang, war dem berühmtesten Baumeister der Frankfurter Bartholomäus-Kirche zu verdanken, dem Madern Gerthener. Auf ihn geht auch im wesentlichen der Turm zurück, der ab 1415 die karolingische Westfassade ersetzen sollte. Von Gerthener ist eine originale Zeichnung des von ihm geplanten Turms erhalten, auf dessen Grundlage im 19. Jahrhundert der Turm fertiggestellt werden sollte. Madern Gerthener erlebte die Fertigstellung seines Turms bis knapp über das erste Geschoss. Erst 1514 wurde der Turm nach 99 Jahren Bauzeit mehr oder weniger provisorisch mit einer flachen Kuppel abgeschlossen. Während der bald folgenden Reformation wurde die Stadt protestantisch. Die Bürgerschaft gab aber den Katholiken die Kirche nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg 1547 wieder zurück.
In der Frankfurter Bartholomäuskirche wurden zwar bis zu diesem Zeitpunkt die Könige gewählt, doch gekrönt wurden sie immer noch in Aachen und zur Kaiserkrönung mussten die Herren sogar bis nach Rom reisen. Kaiser Maximilian I. machte damit 1508 Schluss, weil der Weg nach Rom in Venedig versperrt war. 1562, als Maximilian II. gekrönt werden sollte, war der Erzbischof von Köln zufällig erkrankt und behelfsweise erfolgte die Kaiserkrönung in Frankfurt. Das sollte bis 1792 so bleiben, als Franz II. als zehnter Kaiser in Frankfurt gekrönt wurde. Mit der Abdankung dieses Kaisers endete 1806 aber auch das ganze Heilige Römische Reich Deutscher Nation.
Um 1700 konnte die Kirche mit Hilfe des Geldes italienischer Einwanderer barock umgestaltet werden, wobei auch der Lettner herausgerissen wurde. Zu der Zeit erhielt die Kirche den Ehrennamen „Kaiserdom“. 1806 wurde im Zuge der napoleonischen Besetzungen das Stift aufgelöst.
1867 brannte der Dom komplett aus. Beinahe sämtliche Ausstattungsstücke gingen verloren. Ab 1869 begann der Wiederaufbau. Verantwortlich war ein Herr namens Franz Josef Denzinger, der auf der Haben-Seite die Vollendung des Turms mit der noch von Madern Gerthener geplanten Steilkuppel verbuchen kann. Leider steht dem auf der Soll-Seite ein annähernder Komplettabriss des Langhauses gegenüber, welches anschließend im Stil der Spätgotik auf gleiche Höhe wie das Querhaus und der Chor „rekonstruiert“ wurde.
Denzinger stand dabei im Dauerstreit mit dem Pfarrer der Kirche, dem Ernst Franz August Münzenberger, der viele Dinge etwas anderer sah und zeitweise sogar Hausverbot in seiner eigenen Kirche hatte. Münzenberger nutzte die Zeit konstruktiv und suchte deutschlandweit nach abgelegten mittelalterlichen Schnitzaltären. Dem Erfolg seiner Tätigkeit verdankt St. Bartholomäus die vielen derartigen Kunstwerke, die allerdings manchmal etwas willkürlich zusammengestellt wurden, wenn ein Teil fehlte, oder auch nur gewagt ergänzt sind.
1944 brannte der Kaiserdom ein zweites Mal aus. Diesmal waren die Kunstwerke jedoch zuvor in Sicherheit gebracht worden. Der Wiederaufbau erfolgte bis 1953. Die heutige Farbfassung stammt aus dem Jahre 1991 und rekonstruiert einen Befund aus dem 14. Jahrhundert.
Zu den bedeutendsten Kunstwerken, die die Kirche birgt, gehört neben dem Chorgestühl von 1239, das Bartholmäus-Fries, eine Wandmalerei, welche zwischen 1407 und 1427 geschaffen wurde und Szenen aus dem Leben des Heiligen zeigen, wie sie in der Legenda aurea überliefert sind. Beindruckend ist auch der Maria-Schlaf-Altar von 1438 in der Marienkapelle. In einer großfigurigen Szene wird der Tod Mariens dargestellt.
Im Chor befindet sich nicht nur der Zugang zur Wahlkapelle, in der die Kurfürsten zur Königswahl zusammenkamen und die auch die Bibliothek des Stiftes war, sondern auch das Grab des Günther von Schwarzburg, der 1349 für einige Monate Gegenkönig Karls IV. war und dessen Grabplatte von 1352 heute an der Wand lehnt. Äußerst sehenswert ist auch die Kreuzigungsgruppe von Hans Backoffen, die jener 1509 lebensgroß anfertigte. Zu sehen ist Spätgotik in seiner spätesten, beinahe schon barocken Ausprägung.
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