Das Grab eines jungen Mädchens

19. Mai 2007

Kaiserdom Frankfurt, moderne Grabplatte für ein Mädchen aus dem 7. Jahrhundert (Foto: Michael König)Betritt der Besucher heute das Langhauses der Kirche St. Bartholomäus, so steht er alsbald vor dem seit 1992 markierten Grab eines jungen Mädchens, der sterbliche Überreste und Grabbeigaben im Dommuseum ausgestellt sind. Der Besucher, der die Grabplatte betrachtet, erinnert sich aus dem Dommuseum noch, dass das Mädchen um 680 n.Chr. in Frankfurt gestorben war und begraben wurde. Irgendwann wird dann der Besucher, der gedankenverloren vor der Grabmarkierung steht, plötzlich den Blick heben. Erstaunt wird er sofort bemerken, dass das Grab des Mädchens exakt auf der Mittellinie des Langschiffs liegt. Es scheint, als sei der ganze riesige mittelalterliche Kirchenbau allein am Grab dieses Mädchens ausgerichtet worden.

Doch dem war vermutlich nicht so. Wahrscheinlich wussten die Baumeister der gotischen Kirche überhaupt nichts von dem Grab des Mädchens. Sie orientierten sich vielmehr an den Grundmauern eines karolingischen Vorgängerbaus von 794, der 852 nocheinmal vergrößert und verschönert wurde. Auf den Grundmauern der karolingischen Kirche sollte dann dereinst das Mittelschiff der neuen, zu erst romanischen, dann gotischen Kirche entstehen.

Interessant ist nun die Frage, was die Erbauer der karolingischen Kirche von 794 bzw. 852 wussten. Denn die Karolinger bauten ihre Kirche nicht mitten über die merowingische, sondern bauten sie so, dass das Grab des Mädchens, welches im merowingischen Bau nicht in der Mitte, sondern am linken Rand bestattet worden war, im neuen karolingischen Bau genau auf der Mittellinie des Kirchensaals lag. Warum das geschah, ist heute unbekannt, gibt aber Hinweise auf die hohe Abstammung der jungen Dame, die entweder Tochter eines merowingischen Königs oder eines Hausmeiers war. Die Hausmeier könnte man als die obersten Verwalter des merowingischen Reiches bezeichnen. Die Karolinger hatten unter den Merowingern als Hausmeier angefangen und irgendwann die im Laufe der Jahrhunderte geschwächten Merowinger einfach beiseite geschoben, um sich an ihre Stelle zu setzen.

Rückblickend lässt sich also festhalten, dass im 8. und 9. Jahrhundert karolingische Baumeister aus welchen Gründen auch immer ihre Kirche am Grab eines Mädchens in einer Kirche des 7. Jahrhunderts orientierten. An diesem karolingischen Bau orientierten sich im 13. Jahrhundert die romanischen und später frühgotischen Baumeister, wahrscheinlich ohne vom Grab des Mädchens noch eine Kenntnis zu haben. Der Kaiserdom zu Frankfurt, der Ort an dem über Jahrhunderte deutsche Könige gewählt und deutsche Kaiser gekrönt wurden, fand seinen genauen Standpunkt in der Orientierung am Grab eines jungen Mädchens.

Bildnachweis: 1

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