Über einem römischen Tempel: St. Maria im Kapitol in Köln

St. Maria im Kapitol in Köln, Drei-Konchen-Anlage (Foto: Hans Peter Schaefer)

Im modernen Musikwesen können ältere Songs gecovert, also im selben oder anderen Gewande komplett neu eingespielt. Beim Sampeln beschränkt sich der Komponist darauf, in seinen neuen Song zumeist besonders eingängige Versatzstücke aus einem anderen, älteren und berühmteren Musikstück zu übernehmen. Wozu das dient, ist offensichtlich. Der Tonsetzer erhofft sich, dass von dem Song, der ihm als Steinbruch diente, ein wenig Ruhm auf das eigene Schaffen abfällt.

Auch in anderen Künsten ist es durchaus üblich, zu sampeln, nur wird es hier ‚Zitat’ genannt. Die Kirche St. Maria im Kapitol in Köln wartet gleich mit zwei solcher Zitate auf. Zum einen zitiert der Westabschluss des Langschiffes im Innern den Wandaufbau des Zentralteils, also des Oktogons, des Aachener Münsters. Das zweite Zitat betrifft den Grundriss, oder den grundsätzlichen Aufbau der Kirche.

St. Maria im Kapitol in Köln, Langhaus mit Blick nach Osten auf den Lettner (Foto: Hans Peter Schaefer)

Gegründet wurde St. Maria im Kapitol wohl im 8. Jahrhunderts auf Initiative von Plektrudis, einer Gemahlin von Pippin dem Mittleren, eines karolingischen Hausmeiers und Vaters Karl Martells. St. Maria im Kapitol erhielt ihren Beinamen von dem römischen Tempel, der am gleichen Ort stand und den römischen Hauptgöttern – Jupiter, Juno und Minverva – geweiht war. Die drei Götter hatten in Rom ihre Haupttempel auf dem Kapitol, dem wichtigsten der sieben Hügel, und wurden als die kapitolinischen Gottheiten bezeichnet.

Nach 960 ließ der bedeutende Kölner Erzbischof Bruno einen Bau errichten. Wie in solchen Situationen allgemein üblich wurden auch in Köln die marmornen Überreste des antiken Tempels, aber auch die Ziegel in den Neubau einbezogen, auch wenn der Marmor zumeist zu Kalkmörtel gebrannt wurde. Trotzdem finden sich auch heute noch, vermutlich in der Südwand des ehemaligen Kreuzganges, Reste des römischen Mauerwerks. Brunos Kirche sollte allerdings nur wenige Jahrzehnte Bestand haben.

St. Maria im Kapitol in Köln, Blick in die Südkonche mit Pestkreuz von um 1300 (Foto: Welleschik)

In den Dreißiger Jahren des zweiten Jahrtausends wurde eine Dame namens Ida Äbtissin des an der Kirche ansässigen Klosters. Ida hatte einen Bruder, der Hermann hieß und Bischof von Köln und eine Schwester Theophanu, die Äbtissin in Essen war. Alle drei waren Kinder einer Schwester Otto III., des vorletzten ottonischen Kaisers, und fühlten sich deshalb dem sächsischen Haus nahe, auch wenn 1030 bereits der Stern der Salier zu steigen begann.

Während Ida und Hermann nun St. Maria im Kaptiol zum Ruhme „ihrer“ Familie neu begründeten, wirkte Theophanu gleichzeitig in Essen. So findet sich das Zitat des Aachener Münsters nicht nur in Köln, sondern auch in der Stiftskirche in Essen. Der Aachener Zentralbau, geweiht um 800, war Kern der Pfalzkapelle Karls des Große. Mit dem Zitat der Pfalzkapelle setzten die Äbtissinnen und der Bischof ihre Kirchen und damit das von ihnen repräsentierte Herrscherhaus in einen Bedeutungszusammenhang mit Karl dem Großen.

St. Maria im Kapitol in Köln, Grabplatte der Plektrudis von um 1280 (Foto: Hans Peter Schaefer)In Köln ging Ida jedoch noch einen Schritt weiter. Der Gesamtbau zitiert – wie schon erwähnt – noch eine andere Kirche. Der Grundriss von St. Maria im Kapitol stimmt in Form und Größe weitgehend mit der frühchristlichen Geburtskirche in Jerusalem überein. So sollte angedeutet werden, dass Christus mit den Ottonen war, und ihre Herrschaft unter dem Segen des Allmächtigen stand.

Das Zitat der Geburtskirche ist weitgehend, jedoch nicht vollständig. Zwar finden sich auch in Jerusalem halbkreisförmige Apsiden am Ende des Chores und an den Enden der Querhausarme. Die Apsiden sind jedoch wesentlich schmaler als der Chor und die Querhausarme. In Köln gingen die Baumeister noch einen Schritt weiter. Die halbkreisförmigen Abschlüsse haben die gleiche Höhe und Breite wie Querhaus und Chor. In St. Maria im Kapitol liegt somit die früheste der berühmten Drei-Konchen-Anlagen vor, die für andere romanische Kirchen Kölns zum Vorbild wurde. In St. Maria im Kapitol verfügen alle drei Konchen zusätzlich noch über Umgänge. Zudem sind die Konchen basilikal konstruiert. Die Umgänge sind niedriger als die Mittelteile oder der Chor.

Im Westen schließt an die Vierung ein dreischiffiges, basilikales Langhaus an, auf das ein typisches ottonisches Westwerk folgt. Im Äußeren wird das Westwerk von zwei Türmen mit kreisrundem Grundriss flankiert.

Für den Besucher ergibt sich aus dem Gesamtaufbau ein einzigartiges Raumerlebnis. Das Langhaus wirkt eher klein und kompakt. Aus dem Langhaus tritt der Besucher dann in die weitaus größere Drei-Konchen-Anlage. Der Raum öffnet sich sozusagen.

Unter dem Ostteil der Kirche befindet sich auch noch eine große Krypta, die wichtige statische Aufgaben erfüllt. Vor allem die Ostwände der Krypta, in die auch noch mehrere Kapellen eingebaut sind, haben bis zu sieben Meter dicke Wände. Auf diesem Fundament, ruht der ganze Oberbau. Das Fundament ist notwendig, weil schon der antike Tempel auf einem schönen, aber schwierigen Baugrund errichtet wurde. An dieser Stelle fällt das Land zum Rhein hin ab.

St. Maria im Kapitol in Köln, Holztür von um 1150 (Foto: Welleschik)

St. Maria im Kapitol ist trotz weitgehender Zerstörung im Zweiten Weltkrieg noch reich mit Kunstschätzen ausgestattet. Bedeutendste Stücke dürfte die beiden Holztüren von um 1050 sein. Auf den Türen, die vormals das Portal in den Nordkonche abschlossen und nun im Innern stehen, sind als Relief Szenen aus dem Leben und der Passion Christi dargestellt. Die Türen, die trotz des empfindlichen Materials wie durch ein Wunder fast 1000 Jahre überstanden haben, sind eines der wichtigsten Beispiele der ottonischen Bildhauerkunst.

Langhaus und Vierung werden heute von einem großen Lettner getrennt, der im 16. Jahrhundert im Stil der Renaissance angefertigt wurde, die meiste Zeit jedoch im Langhaus an der westlichen Wand stand und erst anlässlich des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg an die Stelle kam, für die er ursprüngliche geschaffen wurde. Kleine Figuren und Reliefs zeigen Propheten und Szenen aus dem Leben Christi.

Bedeutend sind auch zwei Grabplatten für die Gründerin Plektrudis. Die ältere wurde um 1180 angefertigt, die jüngere um 1280. Obwohl nur rund hundert Jahre zwischen beiden Kunstwerken liegen, zeigen die Grabplatten, die beide lebensgroße Figuren der Plektrudis tragen, deutliche unterschiede. Während die ältere noch der Romanik verhaftet ist, zeigt die jüngere Grabplatte blühende Gotik.

St. Maria im Kapitol

Bildnachweis: 12345

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