Größer, schöner, weiter. Diese Devise gilt für die Menschheit nicht erst, seit sie Kirchen baut. Doch zur Hybris gehört auch das Scheitern. Selten kann man dabei das Ende ambitionierter Pläne so schön sehen, wie in Siena. In der beliebten Touristen-Hochburg in der Toskana stehen neben dem Dom die Reste eines unvollendeten Baus aus dem 14. Jahrhundert. Die fertige Kirche hätte den bestehenden Bau um das Doppelte überboten. Die große Kathedrale wäre ein beredtes Beispiel für die damalige Macht der Adelsrepublik Siena gewesen. Doch die große Pest 1348 und vor allem der schlechte Untergrund beendeten das Unternehmen. Heute zeugen nur noch das nördliche Seitenschiff und die fragmentarische Fassade von der gescheiterten Größe.
Dabei kann sich auch die bestehende Kirche durchaus sehen lassen, obschon auch dieser Dom auf den Resten eines Vorgängerbaus entstand. Vermutlich im 9. Jahrhundert entstanden hier eine Kirche und Bischofspalast, doch nur wenig ist über diese Bauten bekannt. Ein gesichertes Ereignis ist für 1058 belegt. In diesem Jahr wurde im Dom auf einer Synode Gerhard von Burgund zum Papst Nikolaus II. gewählt.
1196 entschloss sich die Baumeistergilde von Siena dann zum Neubau. Für 1215 sind erste Steinanlieferungen dokumentiert, 1226 auch die Anlieferung von Marmor.
Im Großen und Ganzen zeigten die ersten Bauteile der Kirche noch romanische Formen. Die weiteren Zugaben entstanden dann schon im Stil der Gotik. Zwischen 1259 und 1260 wurde erstmalig das Mittelschiff gewölbt und das Querhaus errichtet. Zu der Zeit entstand auch die eigenartige Kuppel über der Vierung, die einen sechseckigen Grundriss hat.
1284 begannen die Bauarbeiten an der Westfassade. Als Baumeister für den unteren bis 1296 abgeschlossenen Fassadenteil gilt – nicht unumstritten – Giovanni di Pisano. Die unter Fassadenhälfte entstand im Stil der toskanischen Gotik und zeigt drei Portale, über denen sich jeweils ein Giebel befindet. Zwischen den Portalen finden sich Säulen, die mit Akanthus-Motiven und Reliefs von Giovanni di Pisano geschmückt sind, welche biblische Motive zeigen.
Schon 1270 entschloss man sich, das Mittelschiff erstmals zu erhöhen. Aus der Zeit nach 1270 stammt auch der gotische Chor des Doms, in den ein großes Rosettenfenster eingebaut wurde. Die dazugehörigen Glasmalereien entstanden 1288 nach Entwürfen Duccio die Buoninsegnas und gehören zu den frühesten, erhalten Glasmalereien Italiens.
1339 dann begannen die Baumeister mit der Umsetzung ihrer großen Neubaupläne, die aber schon 1356 entgültig als gescheitert wieder begraben werden mussten. Dafür entschlossen sich die Bauherren das Mittelschiff ein weiteres und letztes Mal zu erhöhen.
Diese Umstand ermöglichte es, bis 1376 auch den oberen Teil der Fassade abzuschließen, der offensichtlich nicht zum unteren Teil passt und sich auch nicht an dessen Maß-Vorgaben hält. Die drei großen Mosaiken in den drei oberen Giebeln der Fassade stammen übrigens erst aus dem Jahr 1878.
Kennzeichnend für die Fassade ist, dass hier Marmor in drei verschiedenen Farben verwendet wurde: weiß, grünlich-schwarz und rot. Der restliche Dom ist nur in weiß und schwarz gehalten, aber dafür gestreift. Gestreift ist auch der Glockenturm, oder Campanile, der freistehend neben dem Dom steht. Schwarz und Weiß sind auch die Wappen-Farben der Stadt Siena.
Die Streifung befindet sich nicht nur im Äußeren, sondern setzt sich im Innern fort, wo sie sogar noch auffälliger ist. Im Innern zeigt sich auch die grundsätzliche Gestalt des Domes. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika mit einem mehrschiffigem Querhaus und dem anschließenden Chor. Dadurch steht die Kirche auf einem Grundriss, der die Form eines lateinischen Kreuzes hat.
Mittelschiff und Seitenschiffe sind durch Arkaden mit romanischen, runden Bögen verbunden. Die Gewölbe des Mittelschiffs sind blau bemalt und mit goldenen Sternen versehen. Auch die Rippen sind farbig. Ein ähnlicher Sternenhimmel findet sich auch in der Kuppel, dort noch um aufgemalte Kassetten ergänzt.
Bekannt ist der Dom in Siena unter anderem auch für seine Galerie der Päpste. Etwas über der Höhe der Seitenschiffarkaden finden sich einmal rund um die Kirche die Büsten von 172 Päpsten. Erster ist der heilige Petrus, letzter Lucius III., der 1185 starb. Die Büsten entstanden im 15. und 16. Jahrhundert.
Der Dom von Siena ist reich an Ausstattungs- stücken. Sehr bekannt ist die Kanzel von Niccolò Pisano, die von 1265 bis 1268 aus feinstem Carrara-Marmor geschnitten wurde. Dabei hatte Pisano unter anderem Hilfe von seinem Sohn Giovanni Pisano und Arnolfo di Cambio. Die Kanzel ist auch das älteste Ausstattungs- stück des Doms. Auf neun Säulen steht der Korb, der aus sieben Reliefs besteht. Die Reliefs zeigen Szenen aus dem Leben Christi. Besonders die Szene des Jüngsten Gerichtes mit den Verdammten zeigt deutlich, in welcher Eindrücklichkeit Niccolò Pisano die Gefühle von Menschen darstellen konnte.
Weitere bedeutende Kunstwerke sind eine Figur des hl. Petrus, angefertigt von 1501 bis 1504 vom jungen Michelangelo Buonaroti und das Grabmal des Bischofs Giovanni die Bartolomeo Recci, ein Werk des Donatello von 1427 .
Auch in der Kapelle Johannes des Täufers findet sich in der Statue des Heiligen eine Arbeit des Donatello. Bedeutend ist hier auch der Fresken-Zyklus des Pinturrochio, der 1504 bis 1505 im Stil der Renaissance entstand.
Die Chigi-Kapelle hingegen wurde im Jahr 1659 in Auftrag gegeben und wurde so im Barock-Stil geschaffen. Sie ist ein Werk des Gian Lorenzo Bernini. Von diesem Künstler stammt auch die vergoldete Laterne, die auf die Kuppel aufgesetzt wurde. Weitere bedeutende Kunstwerke, wie eine Maestà von Duccio und Glasmalereien des Cimabue, sowie viele Originale aus dem Dom befinden sich heute im Dommuseum.
Obwohl gleichfalls sehr wertvoll und einzigartig können die berühmten Bodenmosiken des Doms von Siena aus nahe liegenden Gründen nicht in Sicherheit gebracht werden. Innerhalb von zwei Jahrhunderten entstanden hier vom 14. bis 16. Jahrhundert unter der Mitarbeit von 40 Künstlern 56 Panele, die den ganzen Fußboden des Doms bedecken. Dargestellt sind Allegorien, Sybillen und Tugenden. Die schönsten Mosaike, deren spätere Werke als Steinintarsien ausgeführt wurden, sind jedoch die Szenen aus dem Alten Testament unter der Kuppel.
Die Bodenbilder sind noch weitestgehend im Originalzustand. Da die Kunstwerke recht empfindlich sind, wird der komplette Boden nur drei Wochen im Jahr gezeigt. Sonst ist der Boden abgedeckt und nur einige wenige Werke für die vielen Touristen sichtbar, die sich zu jeder Jahreszeit den Dom von Siena nicht entgehen lassen.



