Die Geschichte des Bistums Erfurt dauerte bislang nicht mal 30 Jahre. Und der Zeitraum war noch nicht mal am Stück. Bemerkens- wert ist dabei nicht nur, dass die zweite Hälfte dieser Epoche erst 1994 begann und noch andauert, sondern auch der Umstand, dass die ersten rund 15 Jahre zwischen 741 bis 742 und irgendwann in den 750iger Jahren lagen. In den 1250 Jahren zwischen beiden Zeiten war Erfurt also ohne Bischof.
Die erste Gründung geht auf den heiligen Bonifatius zurück, der auch bekannt wurde als ‚Apostel der Deutschen’. Er bat im besagten Jahr 741 den damaligen Papst Zacharias, in der damals noch Erphesfurt genannten Stadt ein Bistum einrichten zu dürfen. Aber wie gesagt: schon in den 50iger Jahren des gleichen Jahrhunderts – vermutlich bald nachdem Bonifatius 754 in Friesland das Martyrium erlitten hatte – wurde das Bistum wieder aufgelöst und Erfurt dem Erzbischof von Mainz unterstellt.
Die Legende erzählt, dass Bonifatius 752 in Erfurt auch eine Kirche bauen ließ. Allerdings sind bislang keine Überreste von ihr gefunden worden, sodass sowohl über das ob als auch über das wo Unklarheit herrscht. 1991 fand man zwar bei den Bauarbeiten zur neuen Orgel die Überreste einer alten Apsis, deren Reste man auch zuerst mindestens ins 9. Jahrhundert datierte. Inzwischen haben neuere Untersuchungen aber eine Bauzeit im 12. Jahrhundert wahrscheinlicher gemacht. Immerhin ist für das Jahr 802 die urkundliche Nennung einer karolingischen Pfalz für Erfurt belegt.
Eine Kirche St. Marien auf dem Domberg wird erstmals 1117 in einer Urkunde überliefert. Ob es sich dabei um die Kirche des Bonifatius handelte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall melden die Quellen für 1153 den Einsturz der Erfurter Hauptkirche. Vielleicht wurde aber auch nur von einem ‚Einsturz’ gesprochen, um einen Neubau sinnvoll erscheinen zu lassen. Denn den wollten die Herren, weil die auf dem Domberg benachbarte St.-Severi-Kirche auch bereits größer und schöner neu gebaut wurde. 1154 begann jedenfalls der Bau einer spätromanischen Basilika. Da im gleichen Jahr am Bauplatz zwei Gräber entdeckt wurden, deren Bestattete man als die beiden heiligen Bischöfe Adolar und Eoban identifizierte, die nicht nur Gefährten des Bonifatius waren, sondern auch mit ihm das Martyrium erlitten hatten, ging mit dem anschwellenden Spendenboom auch der Bau der neuen Kirche recht zügig voran.
Bereits 1170 muss die Kirche benutzbar gewesen sein, da in dem Gebäude in diesem Jahr der spätere thüringische Landgraf Ludwig III. von Friedrich I. Barbarossa zum Ritter geschlagen wurde. Aus der Zeit, nämlich von 1160, stammen auch die beiden ältesten Ausstattungsstücke des Doms, der Wolframleuchter und eine romanische Madonna. Der Leuchter ist eine freistehende Bronzeplastik, wurde wahrscheinlich in einer Magdeburger Gießhütte gefertigt und gilt heute als eine der ältesten Bronzeskulpturen Deutschlands.
1192 erfolgte vermutlich die Gesamtweihe, auch wenn die Kirche wohl noch nicht fertig war. Von diesem spätromanischen Bau mit kreuzförmigem Grundrissen haben sich bis heute nur die beiden Untergeschosse der Außentürme, die westlich anschließenden Chornebenräume und Teile des Querhauses erhalten. Die oberen Turmgeschosse kamen in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hinzu. 1201 wurde der Südturm, 1237 der Nordturm abgeschlossen. Allerdings wurden die Türme, zumindest die oberen Teile, später noch mehrmals umgebaut und im 15. Jahrhundert sogar neu errichtet.
In der Gotik entstand der Wunsch nach einem größeren Chor. Durch zahlreiche Zustiftungen war das Domkapital stark angewachsen – an Feiertagen waren bis zu 300 Kleriker anwesend – ,sodass der romanische Chor zu klein war. In den achtziger Jahren des 13. Jahrhunderts erfolgte deshalb der Anbau eines vergrößerten Chores mit polygonalem Abschluss.
Doch damit waren die Veränderungen noch lange nicht abgeschlossen. Bis 1307 wurde zwischen die beiden Außentürme noch ein Mittelturm gesetzt, indem heute die berühmte Gloriosa hängt, eine 11 ½ Tonnen schwere Glocke, die 1251 das erste Mal und 1497 das letzte Mal gegossen wurde. Im 14. Jahrhundert wurde auch der Chor noch ein zweites Mal erweitert. Die Bauarbeiten dazu müssen wohl um 1329 begonnen haben. Allerdings ruhten sie bis 1349 und wurden erst dann wieder aufgenommen. 1372 konnte dann der neue Chor, ‚Hoher Chor’ genannt, eingeweiht werden. Das heutige Chor-Außenbild wurde jedoch noch durch das 19. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Damals fügte man im neugotischen Stil Fialen, Skulpturen und anderen Schmuck hinzu.
Für die Chorverlängerungen waren umfangreiche Arbeiten auch am Domberg nötig. Die Kirche steht auf schwierigem Grund. Der Domberg musste erweitert werden. In diese Unterbauten, die 1329 begannen, wurde auch eine kleine Unterkirche eingebaut, in der heute die Grabtumba der beiden heiligen Bischöfe steht.
1330 entstand auch der Portalvorbau vor den nördlichen Querhausarm. Aufgrund der Baulage ist das Hauptportal des Erfurter Doms nicht wie üblich das Westportal, sondern das Nordportal. Auf dieser Seite lag im Mittelalter auch der wichtige Teil der Stadt. Das Portal wurde mit mehren Skulpturen geschmückt. Zu sehen sind die Apostel, die klugen und die törichten Jungfrauen und die Ecclesia mit der Synagoge, also ein durchaus nicht untypisches Programm.
Mitte des 14. Jahrhunderts hatte sich die St.-Severi-Kirche ein neues Langhaus gegönnt. Darum wurde das spätromanische Langhaus des Doms schon wenige Jahre später für ‚baufällig’ befunden und 1455 abgerissen. Sogleich wurde mit dem Bau einer spätgotischen dreischiffigen Halle begonnen, deren Fertigstellungsjahr nicht bekannt ist. Allerdings war die Kirche 1465 schon wieder benutzbar und das spätgotische Sterngewölbe im Südarm des Querhauses war wohl im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts abgeschlossen.
Südlich des Doms befindet sich noch eine Klausur. Der älteste Teil des Kreuzganges – der südliche Flügel – besteht aus einer zweischiffigen Halle, die zwischen 1230 und 1240 errichtet wurde. Die sogenannte Kunigundenhalle diente als Kapitelsaal.
Die Reformation ließ auch Erfurt protestantisch werden. Dom und Stift blieben jedoch erhalten. Im Dreißigjähren Krieg wechselten Stadt und Dom mehrfach den Besitzer, doch letztendlich blieb die Kirche katholisch. Vermutlich als Triumph ließ der Erzbischof von Mainz 1697 bis 1702 einen barocken Hochaltar einbauen. Danach ließ das Interesse der Mainzer an Erfurt jedoch nach und es wurde nur noch sehr wenig für den Bauunterhalt getan. 1717 brannten die Turmhelme ab und wurden nur durch Notdächer gedeckt. Während der Napoleonischen Kriege standen wieder einmal französische Pferde in einer Kirche. 1803 und endgültig 1837 wurde der Domstift aufgelöst. Seit dem diente der Dom als Pfarrkirche. Ab 1828, Erfurt gehörte inzwischen zu Preußen, begannen die preußischen Restauratoren auch im Erfurter Dom mit umfangreichen Purifizierungsmaßnahmen. Immerhin überstand die Kirche den Zweiten Weltkrieg beinahe unbeschadet.
Den größten Schatz des Doms stellt sicherlich der spätgotische Glasmalerei- Zyklus dar, einer der größten erhaltenen seiner Art. Von 1100 Scheiben stammen noch 895 aus dem Mittelalter. Die Entstehungs- zeit der Malereien liegt zwischen 1370 und 1420. Dargestellt sind die Genesis bis zum Turmbau zu Babel, die Passion Christi bis zur Auferstehung, die Geschichten der Erzväter Abraham, Jakob und Josef sowie die Apostel und Geschichten zu deren Martyrien und mehrere Heiligen-Legenden.
Bedeutend ist auch das Chorgestühl aus der Entstehungszeit des Hohen Chores, also von 1329. Das Bildprogramm stellt das Alte und das Neue Testament gegenüber. Im 19. Jahrhundert zwar besonders im Bereich der Baldachine ergänzt, gilt es als eines der schönsten mittelalterlichen Chorgestühle Deutschlands.
Obwohl der barocke Hochaltar über 16 Meter hoch und 13 Meter breit ist, beherrscht er doch nicht den gotischen Chor. Der Künstler ist unbekannt. Die Skulpturen zeigen die heiligen Petrus und Paulus sowie den heiligen Martin, Patron der Erzbistums Mainz, und den heiligen Bonifatius. Die beiden Altarbilder konnten im Laufe des Kirchenjahres ausgetauscht werden. Das untere Bild zeigt heute eine barocke Anbetung der Heiligen Drei Könige, das obere Bild eine barockisierende Darstellung einer Schutzmantelmadonna von 1950.


