Zum Jüngsten Gericht wird Christus als Weltenrichter kommen, um zu richten über die Lebenden und die Toten. Soweit bekannt. In der byzantinischen Kunst entwickelte sich aus spätantiken Huldigungsszenen zu diesem Thema die sogenannte Deesis. Das Wort déesis kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Bitte“ oder „Gebet“. Eine übliche Deesis zeigt Christus im Zentrum als Weltenrichter. Zu seiner Rechten (der Linken des Betrachters) steht seine Mutter, die Jungfrau Maria. Zur Linken Christi (der Rechten des Betrachters) findet sich Johannes der Täufer. Beide werden dargestellt, wie sie sich Christus fürbittend zuwenden. Maria und Johannes der Täufer stehen also in der Deesis als Fürbitter der Menschheit im Jüngsten Gerichts.
Die Deesis bildet den Kern des Bildprogramms einer Ikonostase, einer Bild“wand“, wie sie in orthodoxen Kirchen zur Grundausstattung gehört. Doch die Deesis findet sich auch als selbständige Darstellung.
Obwohl die Deesis eigentlich zur byzantinischen sakralen Kunst gehört, wurde sie auch von der westlichen Kirche übernommen. Hier wird die Szene allerdings zumeist aus dem Zusammenhang mit dem Jüngsten Gericht herausgenommen. Stattdessen wird Christus als Herrscher der Welt (nicht als Richter) gezeigt. Maria und Johannes sind dann keine Fürbitter mehr, sondern die Darstellung betont die Offenbarung und Verehrung der göttlichen Natur Christi.
Eine der bekanntesten Darstellungen der Deesis ist das Mosaik in der Hagia Sophia in Istanbul aus dem 14. Jahrhundert. Leider wurde es größtenteils zerstört, aber die ausdrucksstarken Gesichter – besonders das des Christus – blieben erhalten.
In den klassischen Darstellungen der Deesis blickt Christus den Betrachter des Bildes direkt an. Der Betrachter kann also davon ausgehen, dass Maria und Johannes der Täufer ihre Fürbitte seinetwegen vortragen.
Das Titelbild zeigt ein russische Ikone aus der Zeit um 1190.
Bildnachweis: 1

