Fünf Jahre Bauzeit für ein Weltwunder: die Hagia Sophia in Istanbul
4. Juli 2007Als 1453 der osmanische Herrscher und Sultan Mehmed II., genannt der Eroberer, Konstantinopel (das heutige Istanbul) eroberte, endete nicht nur die Geschichte des römischen Reiches, sondern kurz darauf auch die Geschichte einer der bekanntesten Kirchen der Welt. Zumindest endete die Geschichte der Hagia Sophia als Kirche, nicht jedoch als Gotteshaus. Denn der Bau wurde bis in das 20. Jahrhundert als Moschee genutzt. Bis zu der osmanischen Eroberung sollte die Kirche die Hauptkirche des byzantinischen Reiches und Mittelpunkt der gesamten Orthodoxie sein.
Auch nach 1553 blieb die Hagia Sophia als Gotteshaus bedeutend. Die Osmanen machten sie zu ihrer Hauptmoschee, was auch damit zusammenhing, dass der Bau gleich gegenüber des Sultanspalastes gelegen war, dem berühmten Topkapı Sarayı. Später sollte die Hagia Sophia als Bau sogar Vorbild für weitere Moscheen in Istanbul und darüber hinaus werden.
Die Bezeichnung Hagia Sophia kommt aus dem Griechischen. Dort bedeutet Ἅγια Σοφία „Heilige Weisheit“. Im Türkischen wird das Gebäude Aya Sofya oder Ayasofya genannt. Im Deutschen würde die Hagia Sophia vermutlich Sophienkirche genannt werden.
Der heutige Bau gilt als letztes Hauptwerk der Spätantike. Gleichzeitig gilt das Gebäude aber auch als erster Repräsentant eines neuen spezifisch byzantinschen Baustils, was vor allem die Kuppel betrifft, die Vorbild für viele byzantinisch beeinflusste Kirchen werden sollte.
Am Ort des heutigen Gebäudes ließ bereits Konstanin I. ab 325 eine Kirche errichten, die allerdings 404 nach einem Aufstand bereits wieder abbrannte. Bald schon baute man die Kirche wieder auf, bis sie 532 erneut niedergebrannt wurde. Das geschah schon während der Herrschaft Justinian I., eines bedeutenden byzantinischen Kaisers, der von 482 bis 565 lebte.
Justinian war ein weitsichtiger Herrscher. Deshalb beauftragte er 560 Prokopios von Caesara einen Bericht zur Bautätigkeit seiner Herrschaft zu verfassen. So gelangte die Nachwelt zu recht detaillierten Informationen über den Bau der Hagia Sophia. Angeblich soll Justinian jeden Tag selber auf die Baustelle gefahren sein und aktiv an den Planungen mitgewirkt haben. Zuvor war ihm die Form seiner Kirche sogar schon in einem Traum erschienen.
Um die Bauarbeiten zu beschleunigen, investierte der Kaiser 145 Tonnen Gold. Dafür konnten, so die Berichte, 100 Meister mit je 100 Gesellen gleichzeitig an der Errichtung der Kirche arbeiten. So konnte nach nur fünf Jahren Bauzeit die Hagia Sophia schon 537 als Rohbau geweiht werden. Am 27. Dezember 537 fuhr Justinian auf einem Wagen in die Kirche und soll ausgerufen haben: „Salomo, ich habe Dich übertroffen.“ Die Hagia Sophia als Triumph über den Tempel in Jerusalem.
Schon 558 stürzte jedoch die erste, flachere Kuppel in Folge eines Erdbebens wieder ein. Zwischen 558 und 563 wurde dann die noch heute existierende Kuppel gebaut. Sie ist stärker gerundet als ihr Vorgänger, was den Seitendruck abmindert. Auch später noch – so 989 und 1346 – bröckelte die Kuppel zumindest teilweise. So wurden außen an die Kirche stützenden Zusatzmauern angebracht, die heute die Erscheinung des Baus ein wenig trutzig erscheinen lassen.
Ein Jahrtausend lang war die Hagia Sophia die größte Kirche der Christenheit und wurde erst Ende des 15. Jahrhunderts durch den Bau der Kathedrale von Sevilla übertroffen. Ab 1453 wird die Kirche schrittweise in eine Moschee umgebaut. Das erste der Minarette entstand noch unter der Herrschaft Mehmeds II. Die letzten beiden entstanden erst im 16. Jahrhundert. Im Innern wurden die christlichen Zeichen durch moslemische ersetzt. Die Ikonen wurden entfernt und die Mosaike verschwanden hinter einer Putzschicht, was vor allem dem islamischen Bilderverbot geschuldet war. Auch das große steinerne Kreuz auf der Kuppel wurde abgenommen. Die Steine verbaute man in der Eingangstreppe.
Bis 1932 blieb die Hagia Sophia Moschee. Auf Anregung Atatürks wurde das Gebäude schließlich zum Museum säkularisiert. Zu der Zeit versuchte man auch den byzantinischen Eindruck wieder herzustellen, vor allem, indem die Mosaike wieder freigelegt wurden. Nach Protesten von Muslimen hängte man auch wieder die aus den 30iger Jahren des 19. Jahrhunderts stammenden großen runden Holzschilde auf. In arabischer Schrift sind auf ihnen die Namen des Propheten Mohammeds und der ersten vier Kalifen verzeichnet.
Die Hagia Sophia verfügt nicht nur über eine Vorhalle (Narthex), sondern sogar über zwei, also zusätzlich noch über ein sogenannten Exonarthex. Durch beide betrat man den Hauptraum. Im Exonarthex finden sich noch ornamentale Mosaiken aus der Bauzeit der Hagia Sophie. Im Narthex haben sich Mosaiken aus dem 10. Jahrhundert erhalten. Dargestellt sind die Kaiser Konstantin I., Justinian II. sowie im Zentrum Maria mit dem Jesuskind. Dabei halten Konstantin ein Modell Konstantinopels und Justinian ein Modell seiner Kirche in der Hand.
Über dem Kaiserportal, dem Hauptzugang vom Narthex zum Hauptraum, der einst dem Kaiser vorbehalten war und dessen Rahmen aus Bronze ist, befindet sich ein schönes Mosaik gleichfalls aus dem 10. Jahrhundert, welches den thronenden Christus zeigt.
Am Hauptraum beeindruckt natürlich vor allem die Kuppel. Sie hat einen Durchmesser von 31 Metern und eine lichte Höhe von 56 Metern. Weitere Kuppeln und Halbkuppeln finden sich im Westen und im Osten des Baus.
Mosaike unterhalb der Kuppel zeigen Engel. In der Apsis hat sich ein Mosaik aus dem 9. Jahrhundert erhalten. Zu sehen sind die thronende Mutter Gottes und die Erzengel Gabriel und Michael. Dereinst waren alle Kuppeln und Decken mit goldgründigen Mosaiken bedeckt.
In der Hagia Sophia haben sich auch Ausstattungsstücke aus der muslimischen Zeit erhalten. So findet sich ein Mihrab, eine Gebetsnische. Hier hatte der Imam, der Vorbeter, seinen Platz. Der Mihrab zeigt auch die Gebetsrichtung an. In der Nähe der Apsis befindet sich ein Minbar, was als „Kanzel“ einer Moschee bezeichnet werden könnte. Erhalten hat sich auch eine Sultansloge aus dem 18. Jahrhundert.
Alle Säulen des Innenraums sind mit prachtvollen Marmorintarsien besetzt. Der Marmor wurde hierzu im 6. Jahrhundert aus allen Teilen des byzantinischen Reiches herangeschafft.
Die Hagia Sophia verfügt auch über eine große Empore. Auf ihre mussten sich sowohl während der byzantinischen Kaiserherrschaft, also auch zur Zeit der muslimischen Sultane, die Frauen aufhalten. Auf den Emporen haben sich wertvolle Mosaiken aus dem 10. Jahrhundert erhalten, sowie eine Deesis aus dem 14. Jahrhundert.
Die Hagia Sophia steht heute auf der Welterbeliste der UNESCO. Noch immer zerbrechen sich die Bauforscher die Köpfe, wie es Menschen aus dem 6. nachchristlichen Jahrhundert gelungen sein kann, eine Kuppel diesen Ausmaßes zu konstruieren.
Die Hagia Sophia war übrigens nicht durchgehend orthodox. In Folge des 4. Kreuzzuges, als christliche Kreuzfahrer 1204, angestiftet von geschäftstüchtigen Venezianern, das christliche Konstantinopel plünderten, wurde die Kirche bis 1261 im römisch-katholischen Ritus genutzt. Aus dieser Zeit haben sich auch noch Reste eines Glockenturms und das Grab eines venezianischen Dogen erhalten.
Eine der wichtigsten Nachfolger der Hagia Sophia – sowohl baulich als auch religiös - war die Sophienkathedrale in Kiew, die als Staatskirche der Kiewer Rus auch als Mutter aller russischen Kirchen gilt.
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