Eigentlich gab es keine Frühgotik in Deutschland. Während die Franzosen schon seit 1140 mit dem Baubeginn des berühmten Chorumganges in der Abtei St. Denis bei Paris sich gotischen Formen widmeten, schwelgten die Deutschen noch über 50 weitere Jahre in ihrer beinahe barock anmutenden Spätromanik.
Der Begriff „Gotik“ als solcher setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch. Erfunden wurde er aber bereits in der Renaissance vermutlich von dem Architekten und Maler Giorgio Vasari. Der aus Arezzo stammende Vasari, bekannt geworden insbesondere als Biograph Michelangelos, benutzte das Wort gotico jedoch als Schimpfwort und bezeichnete die Gotik manchmal in völliger Missachtung der Herkunft des Stils als maniera tedesca, also als deutschen Stil. Die Renaissance feierte Giorgio Vasari als Überwinder der in seinen Augen wohl hässlichen Gotik. Im 19. Jahrhundert begriff man die Gotik – wieder entgegen der historischen Realität – dann als den deutschen Nationalstil. Deshalb betrachtete es auch Johann Wolfgang von Goethe als eine nationale Aufgabe, den Kölner Dom endlich fertig zu bauen. So wurde die Gotik – oder besser: die Neogotik – als Überwinder des sich an der Antike orientierenden Klassizismus betrachtet und auch gefeiert.
Die Gotik ist der letzte Baustil des Mittelalters. Nach ihr folgte die Renaissance. Auch hier beschritt Deutschland einen Sonderweg. Während die Italiener – besonders in Florenz – seit cirka 1440 die neuen Ausdrucksformen der Renaissance entwickelten und erkundeten und von da auch allmählich die anderen Länder und Regionen befruchteten, blieben die Deutschen bis zum Teil weit in die Mitte des 16. Jahrhunderts der Gotik treu. Manche gehen sogar so weit und bezeichnen die Spätphase der Gotik als eine Art deutschen Sonderweg, weswegen die Spätgotik in einem eigenen Teil behandelt werden wird.
Europaweit war die Gotik zwischen 1200 und 1330 der herrschende Stil. Werden die frühen Anfänge in Frankreich und die späten Ausläufer vor allem in Deutschland als Zeitgrenzen gesetzt, dauerte die Gotik sogar von 1150 bis 1550 und war somit der bislang am längsten bestehende europäische Kunststil überhaupt.
Doch die Gotik war nicht nur der am längsten existierende Baustil Europas, sondern auch die erste eigenständige Neuschöpfung der Architektur seit der Antike. Vor allem in der Architektur bestehen die gotischen Formen parallel zum Kanon der römischen Baukunst, wie sie Vitruv in seinen Werken festgehalten hatte.
Die Gotik entstand – wie schon erwähnt – in Frankreich, genauer im Île-de-France genannten Landstrich im Herzen des Landes. Ausgehend von St. Denis entstanden eine Reihe von großen Kirchbauten, die von der Zentralgewalt des französischen Königs protegiert wurden. So entstand die berühmte französische Kathedral-Gotik, auf die sich auch viele Folgebauten in anderen Ländern beziehen würden.
Die Gründung der Gotik kann sogar mit einem Namen verbunden werden: mit dem Abt Suger von St. Denis. Er beschrieb in seinen Schriften seine Vision von einer neuen Kirche nach dem Abbild des himmlischen Jerusalems. Somit entstand – gleichfalls wieder das erste Mal seit der Antike – eine Theorie von der Baukunst als einer ästhetischen Kategorie.




