Leichter und lichter: Baukunst der Früh- und Hochgotik
9. Juli 2007Für die meisten Betrachter unterscheidet sich die Gotik – neben den Spitzbögen - von der von ihr abgelösten Romanik zunächst durch das völlig neue Raumgefühl der gotischen Kirchen. Plötzlich entstanden Licht durchflutete Basiliken und Hallen, die auf schlanken Pfeilern und Säulen zunehmend in buchstäblich in den Himmel strebten. Romanische Kirchen waren hingegen vielmehr eine Zusammensetzung aus kompakten Einzelräumen.
Wesentlich für die architektonischen Möglichkeiten der Gotik war dabei die Erfindung des Kreuzrippengewölbes in der späten Romanik. Mit den Kreuzrippen war es möglich geworden, Gewölbe nicht komplett aus dicken Steinen zu bauen, sondern nur die Rippen tragend zu gestalten und die Flächen zwischen den Rippen mit leichteren Füllsteinen zu schließen. Somit wurden die Gewichte der Gewölbe wesentlich geringer, was sich auf die statischen Begebenheiten des ganzen Kirchenbaus auswirkte. Da die Gewölberippen das Gewicht, also der Druck, zudem auch noch sehr zielgenau auf bestimmte Mauerpunkte lenkte, konnten diese Mauerpunkte besonders gestärkt, dafür aber die Mauerbereiche zwischen diesen „Stützen“ zunehmend verringert werden. Zumeist wurden die Mauern zwischen diesen Stützen im Verlaufe der gotischen Entwicklung durch immer größer werdende Fenster ersetzt.
Eine weitere Erfindung der Gotik, die es ermöglichte die Wandfläche weiter aufzulösen, war das Strebewerk. Strebewerk besteht aus senkrechten Strebepfeilern und mehr oder weniger waagerecht verlaufenden Strebebögen. Über die Strebebögen wird der Druck der Gewölbe auf die Strebepfeiler ab- und weitergeleitet. Bekannt wurde das Strebewerk vor allem, da es maßgeblich das Außenbild gotischer Basiliken beeinflusst. Wie eine Art Außenskelett wird das höhere Mittelschiff vom gut sichtbaren Strebewerk gestützt. Das Strebewerk konnte aber auch unsichtbar nach Innen verlegt werden. Dann boten sich die Strebepfeiler an, um im Innern zwischen ihnen längs der Seitenschiffe Einsatzkapellen zu konstruieren.
In der Frühgotik endeten die Rippen der Gewölbe zunächst noch auf den Kapitellen recht einfach gestalteter Pfeiler oder Säulen. In der Hochgotik wurden die Rippen zunehmend durch Säulen mit nur kleinem Durchmesser nach unten fortgeführt, die Dienste genannt werden, und an den Hauptsäulen und – pfeilern drangesetzt wurden. Es handelt sich bei den Diensten in der Tat um „echte“ kleine Säulen, da sie zumeist über das komplette Säulenprogramm verfügen: Basis – Schaft – Kapitell.
Die Hauptpfeiler wurden also in der Hochgotik zunehmend durch Dienste ergänzt. Man spricht dann von Bündelpfeilern. Zumeist haben die Bündelpfeiler einen insgesamt quadratischen oder rautenförmigen Grundriss. Dienste können nicht nur von den Gewölben kommen, sondern auch die Gurtbögen oder die Scheitelbögen fortführen.
Auch die Spitzbögen ermöglichten eine größere konstruktive Vielfalt. Sie ersetzten die romanischen Rundbögen und haben gegenüber diesen den Vorteil, dass der Seitenschub geringer wird. Die Verwendung von Spitzbögen ermöglichte zudem engere, also dynamischere Jochfolgen, sowie die leichtere Abkehr vom gebundenen System der Romanik.
Eines der bekanntesten Konzepte aus der Gotik ist das sogenannte französische Kathedral-Schema. Kirchen, die diesem Schema folgen, sind eine dreischiffige Basilika (breites Mittelschiff und schmale Seitenschiffe) mit einem in Richtung Chor gelegenen Querhaus. Die beiden Seitenschiffe ziehen sich weitergeführt als Chorumgang um das Chorhaupt herum. An den Chorumgang ist nach außen ein Kapellenkranz angeschlossen. Die Arkaden zu den Seitenschiffen sind mit Spitzbögen versehen. Kennzeichnend für gotische im Gegensatz zu romanischen Kirchen, ist auch der völlige Verzicht auf eine Krypta.
Zum Kathedral-Schema gehört des weiteren, dass sich zwischen den Arkaden und dem eigentlichen Obergaden ein Triforium befindet. Somit entsteht eine dreigeschossige Gliederung der Innenwand. In der französischen Frühgotik wurde zuerst nicht auf die aus der Romanik übernommenen Emporen über den Seitenschiffen verzichtet. Da es auch hier zwischen Emporen und Obergaden ein Triforium gibt, sind diese frühgotischen Kirchen in der Innenwandgestaltung viergeschossig.
Weitere Kennzeichen der auch „Königs- kathedralen“ genannten französischen Kirchen, ist eine Doppelturm- fassade, unterhalb dieser drei zumeist reich mit Skulpturen geschmückte Portale, darüber eine mit Maßwerk gefüllte Maßwerk- Rose als Fenster und ganz oben die namens- gebende ‚Königs- galerie’, in der zumeist Skulpturen zu finden sind, die alttestamentarischen Könige darstellen.
In Deutschland fand die Gotik erst späten Einzug. Noch 1209 entstanden mit St. Quirin in Neuss und 1215-24 mit St. Kunibert in Köln Kirchen in fast reiner Romanik und mit Rundbögen. Der erste zaghafte Versuch zur Gotik, des sich zunächst nur auf das Kathedral-Schema beschränken sollte, war der Dom in Limburg an der Lahn werden, dessen Baubeginn um 1190 lag. 1194 begann in Frankreich mit der Kathedrale von Chartres bereits die Hochgotik. Doch die Kirche in Limburg war zu klein, um das Kathedral-Schema auch nur im Ansatz verwirklichen zu können.
So sollte es den Zisterziensern vorbehalten sein, die Gotik in Deutschland publik zu machen. Schon in Frankreich hatte der Orden dem Stil zur schnelleren Verbreitung geführt. Erste Andeutungen der Gotik finden sich seit 1200 im Kloster Eberbach. Um 1210 entsteht im Kloster Maulbronn unter Ausführung eines in Laon in Frankreich geschulten unbekannten Baumeisters die sogenannte Paradieshalle, die schon ausgesprochen gotische Formen zeigt. Selbiger Baumeister wirkte später auch am Chorumgang in Magdeburg mit. Hier entstand ab 1209 die erste Kirche in Deutschland, deren Grundriss dem französischen Kathredralschema bis hin zur Zweiturmfassade entspricht. Berühmt wurde hier vor allem der Chorumgang, der zwar schon gotische Formen, wie die Spitzbögen und die Kreuzrippengewölbe zeigt, aber insgesamt noch von einem sehr gedrungenen, wenig lichten, romanischen Baugefühl geprägt wird.
Die eigentlichen Gründungen der deutschen Gotik – die Liebfrauen- kirche in Trier von 1235 bis 1260 und die Elisabeth- kirche ab 1235/36 - sind erstaunlicher- weise sehr unfranzösisch. Beide Kirche zeigen die Hochgotik in reiner Form, verbinden sie aber mit regionalen Traditionen. In Marburg wurde sogar eine Hallenkirche (die erste in Deutschland) erbaut, wie sie eigentlich erst für die deutsche Spätgotik im 14. und 15. Jahrhundert typisch werden sollte. Dafür verfügt die Elisabethkirche über eine typische französische Doppelturmfassade, die sogar Vorbild für den Kölner Dom werden sollte.
Der Ruhm der deutschen Kathedral-Gotik wird vor allem durch zwei Bauten begründet: Zum einen durch den schon erwähnten Kölner Dom, der 1248 begonnen und dessen erster Bauabschnitt mit der Vollendung des Chores 1322 abgeschlossen war. In Köln wurde das französische Kathedral-Schema in Deutschland wohl am konsequentesten umgesetzt, insbesondere auch was die Dimensionen betrifft. Der Grundriss und Aufriss des Doms orientieren sich dabei weitgehend am Vorbild aus Amiens (entstanden ab 1211). Die Raumhöhe wird dabei auf über 43 Meter gesteigert. Der Außenbau des Chores zeigt schönstes Strebewerk. Leider wurde der Dom im Mittelalter kaum weitergebaut. Erst 1842 begannen unter preußischer Regie die Bauarbeiten zu Vollendung.
Der zweite deutsche Bau steht heute in Frankreich, im deutsche geprägten Elsaß: das Straßburger Münster. Die Kirche hat die Kathedrale von Chartres als Vorbild. Sie ist niedriger, aber dafür breiter.
Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts entstehen auch an anderen Orten in Deutschland Kirchen nach dem Kathedral-Schema. Genannt sein sollen der Dom von Halberstadt (ab 1260) und der Regensburger Dom (ab 1280). Im Südwesten Deutschlands wird in den Kathedralen auf das Triforium verzichtet und die Wandfläche noch weiter zurückgenommen. Es entsteht unter anderem das Langhaus des Doms zu Freiburg.
In Freiburg zeigt sich auch eine in Deutschland nicht unbeliebte Alternative zur Doppelturmfassade: die Einturmfassade. Baubeginn des Turms war um 1300. Bemerkenswert am Freiburger Turm ist noch, dass er im Gegensatz zu so vielen anderen Türmen in Deutschland im Mittelalter schon fertiggestellt wurde.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts werden die Formen der Gotik gespannter. Schöne Beispiele sind die Katharinenkirche in Oppenheim (um 1330/40) und vor allem die Wiesenkirche in Soest. Sie wurde 1314 begonnen. Die Wiesenkirche leitet schon allmählich zur Spätgotik über. So gibt es zwar hochgotische Bündelpfeiler, aber diese enden nicht mehr in Kapitellen, sondern gehen nahtlos in die Gewölberippen über. Auch ist die Kirche bereits eine Hallenkirche. Das Mittelschiff ist zudem nur noch wenig breiter als die Seitenschiffe.
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