Gefühl und Körperlichkeit: Skulptur der Früh- und Hochgotik

10. Juli 2007

Kathedrale von Reims, Gewändefiguren, links: Verkündigung von 1252, rechts: vielleicht Heimsuchung von 1575 (Foto:

Nicht nur, dass die Kirchen in der Gotik wesentlich großzügiger mit skulpturalem Dekor geschmückt wurden als es noch in der Romanik geschah: Fialen krönen Strebepfeiler, Kreuzblumen und Krabben schmücken die Türme, Wimperge und Fialen. Insbesondere jedoch die figürliche Skulptur erlebte einen großen Aufschwung.

1140 bis 1150 entstanden die berühmte Figurenportale in der Westfassade der Kathedrale von Chartres. Sie gelten als die ältesten gotischen Skulpturen überhaupt. Anfangs band sich die figurale Skulptur ganz an den Kirchenbau. In Chartres ist die Einheit und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Architektur und Skulptur noch vollkommen. Es ist so nicht abwegig, von Säulenfiguren zu sprechen. Die Figuren zeigen eine sehr langgestreckte Form und nehmen damit die Form der Säule auf, der sie entsprechen. Der Verlauf der Säule findet sogar im Gewand der Figuren seine Fortsetzung. Beide sind aus einem Block geschlagen.

Kathedrale von Chartres, Gewändefiguren, 1140 - 1150 (Foto: Cancre)Die Verbindung zwischen Figur und Säule bleibt zunächst auch erhalten, als sich die Figuren zunehmend von den Säulen lösen. Es entwickelt sich die Darstellung der menschlichen Körper im schon in der Antike bekannten Kontrapost (Stützbein und Spielbein führen zu einer leicht geschwungenen Körperhaltung). Die Figuren erlangen vorsichtig Bewegungs- freiheit.

Später wird auf die Säulen ganz verzichtet. Nicht verzichtet wird in der gotischen Bauskulptur an den Portalen und auch an anderen Stellen in den Kirchen zunächst auf die Konsole, auf denen die Figuren steht, und den Baldachin, der über ihrem Kopf schwebt. Nur so können die Figuren in den räumlichen Zusammenhang mit der Architektur eingebunden werden.

In Deutschland kommt es zu Beginn des 13. Jahrhunderts zu einer erstaunlichen Entwicklung im Bereich der Skulptur. Innerhalb weniger Jahre werden Figuren geschaffen, die eine enorme Lebenskraft ausstrahlen. Von 1220 bis 1250 entstehen so in Straßburg, Bamberg, Magdeburg, Naumburg und einigen anderen Städten großartige Skulpturen, die mit in Europa bislang unbekannter Ausdrucksstärke individuelle Gefühle zeigen. Beeindruckend an der Darstellung ist auch, wie trotz oder gerade aufgrund der Gewänder die Figuren mit ihrem menschliche Körper gezeigt werden und erkennbar sind.

Bamberger Dom, zwei disputierende Propheten, 1220 - 1230Die schnelle Entwicklung in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hat zwei Wurzeln: zum einen das Werk Nikolaus von Verduns, eines Goldschmieds, der unter anderem 1181 – 1235 den bekannten Dreikönigsschrein für den Kölner Dom geschaffen hat. Vor allem die Sitzfiguren des Schreins zeigen obgleich noch am Übergang zwischen Romanik und
Gotik mit dem Kontrapost und einer raumgreifende Fülle schon eine Körperlichkeit, wie sie vormals nur in der Antike bekannt war. Die zweite Wurzel ist natürlich die französische Portalskulptur.

Im Unterschied zu Frankreich lösten sich in Deutschland die Figuren jedoch schneller von der Architektur. Am Beispiel der Goldenen Pforte in Freiberg in Sachsen, die um 1230 entstand, lässt sich zeigen, dass hier die Architektur regelrecht ausgehöhlt wurde, um den Skulpturen Platz zu schaffen. Die „befreiten“ Skulpturen konnten nun so gestaltet und angeordnet werden, dass sie aufeinander Bezug nehmen können.

An den französischen und auch an den deutschen Portalen wurden nicht selten umfangreiche Figurenprogramme aufgebaut, wobei diese Programme in Deutschland weitaus seltener sind, als ein Frankreich. Ein bedeutender Unterschied zwischen deutschen und französischen Portalprogrammen ist auch, dass die deutschen Programme zumeist auf weniger Raum beschränkt werden mussten. In Frankreich boten die drei Portale der großen Doppelturmfassaden weitaus mehr Platz. So führte die häufig getroffene Entscheidung für nur einen Turm – wie in Freiburg im Breisgau – dazu, dass weniger Platz für Skulpturen blieb. Das Freiburger Münster verfügt nichtsdestotrotz über das kompletteste Figurenprogramm der deutschen Gotik und wurde um 1300 geschaffen.

Bamberger Dom, Bamberger Reiter (Detail), um 1237 (Foto: Matthias Derleth)Typisch für deutsche Portalprogramme ist die insgesamt moralisierendere Ausrichtung als in Frankreich. So war an deutschen Portale die Darstellung des Gleichnisses der klugen und der törichten Jungfrauen ein beliebtes Motiv. Die älteste Gruppe sind dabei die Figuren in Magdeburg, die zwischen 1240 und 1250 entstanden. Die Magdeburger Jungfrauen sind auch herausragende Beispiele für den Höhepunkt der Plastik in der ersten Skulpturkunst des 13. Jahrhunderts. Zu diesen Höhepunkten können auch die um 1220/30 geschaffenen Propheten an der Chorschranke des Georgenchors im Bamberger Dom gezählt werden. Hier werden erstmals im Mittelalter Menschen im lebhaften Zwiegespräch gezeigt. Ein weiterer Höhepunkt dieser Zeit sind die Lettnerfiguren am Westlettner des Naumburger Doms, aber vor allem die berühmten Stifterfiguren im Westchor derselben Kirche. Geschaffen wurden die Skulpturen zwischen 1244 und 1250 vom sogenannten Naumburger Meister, dessen Name unbekannt ist.

Ebenso, wenn nicht noch berühmter als Ekkehard und Uta in Naumburg, ist der Bamberger Reiter im Bamberger Dom. Er entstand um 1237 aus der Hand eines unbekannten Künstlers. Unbekannt ist auch, wer dargestellt ist. Nur wenige Jahre später, 1240 bis 1250, wurde der Magdeburger Reiter geschaffen, welcher vermutlich Kaiser Otto I. darstellen soll. Es handelt sich hierbei um das erste freistehende Reiterbild seit der Antike.

Kölner Dom, Dreikönigenschrein, Prophet Mose, Nikolaus von Verdun, 1181 - 1235Spätestens ab 1300 entmaterialisierten sich die Körper wieder und verschwanden hinter immer üppigeren Gewändern. Der durch die Verwendung des Kontrapost in der Darstellung entstandene leichte Schwung wurde so lange verstärkt, bis der „gotische Hüftschwung“, die bisweilen stark übertriebene S-Linie spätgotischer Figuren, entstanden war. Trotzdem wirken die Figuren dadurch weniger standfest. Zu dieser Zeit werden die Figuren auch wieder flacher und – gleich der Architektur - im Ausdruck spröder. Insgesamt ließe sich sagen, dass das Individuelle zugunsten des Typischen wieder aufgegeben wird.

Gleichzeitig fand jedoch die Dekorfülle erheblichen Auftrieb. Die Bildhauer verwendeten ihre Künste nun mehr auf die Gewänder der Figuren und deren Fall und Faltung.

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