Sowohl als auch: Straßburger Münster

Straßburger Münster, Blick von Nordosten auf den Turm (Foto: Rama)

Das Elsass, so scheint es, konnte sich nie richtig entscheiden, ob es nun zu Deutschland oder zu Frankreich gehört. Mag das irgendwann politisch entschieden gewesen sein, so lässt sich doch zumindest die größte Stadt der Region – Straßburg – nicht eindeutig einer der Kulturen zuordnen. Das Gleiche gilt auch für die größte Kirche der Stadt, das Straßburger Münster. Zum einen gilt das Münster als eine der stilreinsten gotischen Kathedralen der deutschen Gotik, zum anderen folgt die Kirche eindeutig französischen Vorbildern. Die überkommenden romanischen Teile des Baus hingegen zeigen Merkmale der rheinischen Spätromanik, wie sie in Worms und anderen deutschen Städten anzutreffen ist.

Anders als viele deutsche Kirchen wurde das Straßburger Münster jedoch schon im Mittelalter vollendet, wenn man einmal von der eigentlich noch fehlenden Südturmhaube absieht. Die Bauzeit der heutigen Kirche reichte vom Ende des 12. Jahrhunderts bis zum Abschluss der Haube des Nordturms 1439.

Das Münster war allerdings nicht der erste Bau am Platz. Frühestens im 8. Jahrhundert – aus dieser Zeit stammt die erste Erwähnung – entstand ein karolingischer Bau. Im Jahr 1015 begann der Bischof Wernher die karolingische Kirche durch einen eigenen Bau ersetzen zu lassen. Vermutlich handelte es sich um eine flachgedeckte Basilika mit Doppelturm- fassade, wie sie für die frühe Romanik nicht untypisch war. Von diesem „Wernher-Bau“ haben sich bis heute nur Teile der Krypta erhalten.

Straßburger Münster, Blick auf die Westfassade und den Turm (Foto: Rama)1190 begannen die Bauarbeiten für die heutige Kirche. Wie üblich starteten die Baumeister mit dem Chor und dem Querhaus und bedienten sich der Formensprache der rheinischen Spätromanik. Allerdings wurde ab 1225 der südliche Querhausarm bis 1235 schon im Stil der französischen Hochgotik vollendet.

1245 begannen die Bauarbeiten am Langhaus, welches bereits 1275 abgeschlossen werden konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt gingen die Bauarbeiten sehr zügig voran. Von 1275 an sollte es jedoch noch einmal rund 150 Jahre dauern, bis auch die Westfassade vollendet werden konnte.

Auch nach der Vollendung der Kirche 1439 wurden noch einige Anbauten zugefügt. So entstand 1340 auf der Südseite die Katharinen-Kapelle und auf der Nordseite die Laurentiuskapelle und die Laurentiussakristei, die 1500 und 1521 vollendet waren.

Im Jahre 1521 erreichte die Reformation auch Straßburg. Viele Kunstwerke wurden in der Folge zerstört. 1681 gab der Sonnenkönig Ludwig IV. den Katholiken die Kathedrale zurück.

Straßburger Münster, Törichte Jungfrauen und Fürst der Welt (Foto: Rama)

Eine für die äußere Erscheinung der Kirche nicht unwesentliche Veränderung erfuhr der Bau 1772 bis 1779. In dieser Zeit wurden die kleinen Läden beseitigt, die sich im Norden und im Süden unordentlich an die Kirche drängten. Anstatt der Läden entstanden Arkaden im neogotischen Stil, in die wieder Läden einzogen, diesmal aber ordentlich. Doch auch diese Läden mussten irgendwann wieder weichen.

Die französische Revolution führte 1793 zum Verlust von über 200 Statuen. Im 19. Jahrhundert wurden viele der Statuen wieder ergänzt. Zudem entfernte man im Innern die barocken Zutaten. Seit dieser Zeit, vor allem aber im 20. Jahrhundert, wurden viele der Skulpturen des Außenbereiches durch Kopien ersetzt. Die Originale befinden sich heute im Frauenhausmuseum unweit des Münsters.

Straßburger Münster, Engelspfeiler und Astronomische Uhr (Foto: Rama)Rund um die Kirche gibt es zahlreiche Skulpturen und Skulpturenportale. Am Südportal finden sich so unter anderem in zwei Bogenfeldern eine Marientod von 1230 und eine Marienkrönung aus dem gleichen Jahr. Hier stehen auch die berühmten Figuren der Ecclesia und der Synagoge, die ebenfalls 1230 entstanden. Die erstere wird nicht triumphierend gezeigt, die zweite nicht gedemütigt, denn am Jüngsten Tag wird Christus beide wieder vereinen.

Beeindruckend ist der Anblick der Westfassade. Sie entstand in mehreren Bauabschnitten und stellt eigentlich eine riesige, rechteckige Schauansicht dar. Berühmt ist die Fassade für ihr kostbares Schleiermaßwerk, welches die vertikale, gotische Ausrichtung der Architektur enorm betont. Das untere Fassadengeschoss war 1277 abgeschlossen, das zweite Geschoss bis 1318. Um 1340 entstand die große Fensterrose nach Plänen des Meister Erwin. Bis 1372 stand die Westfassade bis zur heutigen Plattform. Nach 1383 verband Michael von Freiburg, ein Mitglied der Parlerfamilie, die beiden Türme durch die sogenannte Glockenstube. Die Gestaltung der Fassade ist hier schon wesentlich zurückhaltender, als bei den unteren Geschossen. Das Schleiermaßwerk wurde aufgegeben. Bis 1439 konnte dann auch die Turmhaube abgeschlossen werden. Sie besteht aus 56 kleinen Türmchen, einer originellen und in der Form einzigartigen Lösung. Der Turm ist 142 Meter hoch.

Der Bildschmuck der Westfassade wurde großenteils im 19. Jahrhundert erneuert. So finden sich lebensgroße 12 Reiterstatuen von Königen und Kaisern.

An den drei Portalen hingegen stehen noch die Originale aus dem Mittelalter oder Kopien der Originale. Das Südportal zeigt das Gleichnis der klugen und der törichten Jungfrauen. Zu sehen ist auch der Fürst der Welt, ein Verführer mit schöner Vorderseite und Getier, welches ihm den Rücken hoch kriecht. Die Figuren entstanden zwischen 1275 und 1280.

Straßburger Münster, Detail der Kanzel (Foto: Rama)

Das nördliche Portal zeigt die Tugenden (entstanden zwischen 1280 und 1290), die mit Lanzen die Laster zu ihren Füßen erstechen.

Auf der Nordseite der Kathedrale befindet sich eines der bemerkenswertesten Denkmäler der Spätgotik in Straßburg. Zwischen den Strebepfeilern der spätromanischen Querhausfassade entstand aus der Hand von Hans von Ache 1502 und 1503 ein Portal mit der theatralischen Ausdruckskraft der barocken Spätgotik. Zu sehen sind Figuren und architektonische Zier.

Im Innern ist zu erkennen, dass Apis, Vierung und die Nordmauern der Querhausarme noch in der Romanik geschaffen wurden, die Südmauern aber schon in der Hochgotik. Die Apsis ist heute mit einem historisierenden, byzantinisch anmutenden Mosaik aus dem 19. Jahrhunderts ausgestaltet.

Im Südarm des Querhauses befindet sich der Engelspfeiler, ein hochgotischer Bündelpfeiler, der vom Fuß bis ins Gewölbe mit dem Personal einer Darstellung des Jüngsten Tages besetzt ist. Unten sind die Skulpturen der vier Evangelisten, ganz oben der Weltenrichter zu sehen, dazwischen unter anderem Engel mit Posaunen. Da sowohl Verdammte als auch Erwählte fehlen, könnte es sich bei der Szene um die Darstellung des Tags des Erbarmens handeln.

Im Südquerhaus ist auch die astronomische Uhr aus der Renaissance zu sehen, die jeden Tag um 12:30 von zahlreichen Touristen umlagert wird, da sich zu der Zeit die meisten der Figuren bewegen. Entstanden ist das Steingehäuse 1547. Das Uhrwerk wurde von 1571 bis 1574 gebaut und zwischen 1838 und 1842 erneuert.

Straßburger Münster, Westfassade (Foto: Thomas Hirsch)

Das Langhaus des Straßburger Münsters orientiert sich an Vorbildern in St. Denis und in Troyes. Es hat einen dreigeschossigen Aufbau: Arkaden – Triforium – Obergaden, wobei der Obergaden genauso hoch ist, wie die Arkaden. Letztere verfügen über hochgotische Bündelpfeiler mit jeweils 16 Diensten. Das Mittelschiff der dreischiffigen Basilika ist 32 Meter hoch.

Die Kanzel ist gleichfalls ein Meisterwerk der Spätgotik und wurde 1484 bis 1486 von Hans Hammer geschaffen. 50 kleine Figuren schmücken das Bauwerk, wobei nur 18 aus dem 15. und alle anderen aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Dargestellt sind Apostel, Evangelisten, Kirchenlehrer und Figuren aus dem Alten Testament.

Die Orgel verfügt über eines der seltenen gotischen Prospekte. Die dazugehörige Hängeempore wurde 1385 ausgeführt und mit damals noch beweglichen Figuren verziert. Der Prospekt entstammt dem Jahr 1489, wurde aber 1716 von Adolf Silbermann durch barockes Laubwerk ergänzt, welches sich erstaunlich harmonisch mit dem gotischen Grundkunstwerk ergänzt. Silbermann hat auch das Instrument erneuert.

Straßburger Münster, Blick in die Apsis mit Mosaik aus dem 19. Jahrhundert (Foto: Arminia)Der größte Schatz des Straßburger Münsters sind jedoch seine Glasmalereien. Die ältesten stammen noch aus der Romanik und wurden im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts geschaffen. Sie befinden sich im Querhaus und zeigen Engel, das Salomonische Gericht, vier heilige Krieger und eine Madonna. Aus dem dritten Viertel des 12. Jahrhunderts stammen die beiden Johannes- Darstellung, die somit die ältesten Glasmalereien im Münster darstellen. Allen romanischen Malereien gemein ist der starke byzantinische Einfluss der Ausführung.

In den Obergadenfenstern des Langhauses sind in doppelter Reihung 83 Heilige dargestellt, an der Südwand weibliche, an der Nordwand männliche. Dieser Allerheiligenzyklus wurde zwischen 1245 bis 1275 von Osten nach Westen gemalt.

Zu der himmlischen Gemeinschaft gesellen sich im nördlichen Seitenschiff irdische Könige. Die Malereien stammen aus der Zeit von 1255 bis 1260. Im nördlichen Seitenschiff sind aus der gleichen Zeit noch Propheten zu finden. Der Großteil der Glasmalereien im nördlichen Seitenschiff stammt jedoch aus den Jahren 1330 bis 1360 und stellt eine klassische Bilderbibel dar. Zu sehen sind Szenen aus dem Marienleben, vor allem aber die mehr oder weniger komplette Darstellung des Lebens, Leidens und Wirkens Christi – von der Geburt bis zum Jüngsten Gericht.

Straßburger Münster

Bildnachweis: 1234567

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>