Gotische Zwiebeltürme: Frauenkirche in München
22. Juli 2007Das himmlische Jerusalem war für die Baumeister der Gotik ein allzeit anzustrebendes Ideal ihrer Kunst. Das ging auch Jörg von Halspach nicht anders, der die Frauenkirche zu München entworfen hatte und sie auch errichten ließ. Die Kirche konnte schon im Todesjahr des Architekten, 1488, abgeschlossen werden. Halspach orientierte sich bei seinem Entwurf wohl an einem Textabschnitt aus der Offenbarung des Johannes, indem der das himmlische Jerusalem als wie aus Kristallen errichtet beschrieb. Jörg von Halspach bemühte sich den Außenbau seiner Frauenkirche kristallartig klar und kantig zu gestalten, was sich in den Profilen der Innenpfeiler fortsetzt. Auch die Verzierung des äußeren Ziegelbaus sollten wohl die Kristallstruktur der ganzen Architektur fortsetzen.
Der Gesamtbau der Kirche ging in erstaunlicher Geschwindigkeit vonstatten. Grundsteinlegung war im Jahr 1468 und schon zwanzig Jahre später war der Bau fertig. Doch die heutige Frauenkirche, die komplett Metropolitankirche zu Unserer Lieben Frau heißt, ist nicht der erste Bau an derselben Stelle. Nachdem München 1240 aus dem Besitz des Freisinger Bischofs an die Wittelsbacher gegangen war, bauten die in der Nähe ihrer örtlichen Residenz eine Kirche, die 1271 volles Pfarrrecht bekam. Die alte Kirche hatte ungefähr zwei Drittel der Ausmaße der heutigen und war im gebundenen System und im Stil der Romanik errichtet worden. Vorbild war die Franziskanerkirche in Salzburg, deren Langhaus einen guten Eindruck über das Aussehen des heute verschwundenen Baus gibt.
Die alte Kirche der Wittelsbacher hatte eine typische Doppelturmfassade. Im 14. Jahrhundert ließ Ludwig der Bayer (gest. 1347) die Kirche um einen gotischen Chor erweitern. Den neuen Chor plante der Kaiser auch als Grablege für sich und seine Frau Beatrix.
Mitte des 15. Jahrhunderts einigten sich der Wittelsbacher Hof und die Ratsfamilien auf einen spätgotischen Neubau. Voll bewusst der eigenen finanziellen Möglichkeiten, entschied man sich für einige billige Ziegelsteinvariante und den Baumeister Jörg von Halspach. Zwischen 1492 und 1495 bekam die im Schnellbauverfahren hochgezogene Kirche ihr eigenes Kollegiatsstift, für welches zwei andere zusammengelegt wurden. 1994 wurde die neue Frauenkirche geweiht, 1502 war das Chorgestühl mit den Holzschnitzereien des Erasmus Grasser fertig.
1580 gelangte die Kirche an Reliquien des 1106 verstorbenen heiligen Benno von Meißen, der heute auch Patron von München und Bayern ist. Ab dem 1600 erfolgte eine umfangreiche barocke Neuausstattung. 1620 bekam die Kirche dann einen monumentalen Hochaltar. Im 17. und 18. wurden alle Altarbilder gegen barocke Neuschöpfungen ausgetauscht. 1780 gab es eine neue Kanzel.
Nach der napoleonischen Säkularisierung des Kollegiatsstiftes wurden viele Ausstattungsstücke verkauft. Einige davon, so auch die berühmte Reliquienbüste des Benno von Meißen, konnten später von der Stadt zurückgekauft werden. Seit 1821 ist München Sitz eines Erzbischofs und die Frauenkirche Bischofskirche.
Im 19. Jahrhundert wurden, wie überall in Deutschland üblich, die barocken Zutaten wieder weitestgehend rückstandslos entfernt und durch eine neugotische Ausstattung ersetzt. Diese verbrannte vollständig während der Bombardierungen im Zweiten Weltkriege, in dessen Verlauf nicht nur die Münchner Innenstadt, sondern auch die Frauenkirche in Schutt und Asche sank.
Bis in die späten 50iger Jahre konnte die Kirche wieder soweit hergestellt werden, dass Messen mit einer provisorischen Ausstattung möglich waren. Doch erst zwischen 1989 und 1994 wurde die Kirche umfassend restauriert. Zu dieser Zeit stellte man auch die originale Farbfassung wieder her, die Jörg von Hasplach einst vorgesehen hatte.
Betritt man heute die Frauenkirche, steht man in einem weißen, lichtdurchfluteten Raum. Am westlichen Ende des Mittelschiffes gibt es einen Punkt, von dem nur das Ostfenster zu sehen ist. Erst beim Gang durch das Mittelschiff in Richtung Osten werden die großen Fenster in den Seitenschiffen sichtbar.
Die Frauenkirche ist eine spätgotische, dreischiffige Hallenkirche. Die Schiffe werden durch die schon erwähnten Pfeiler abgegrenzt. Die Pfeiler haben einen achteckigen Grundriss, sind weiß und glatt und haben den Charakter von großen Salz- oder Zuckerkristallen. Beeindruckend ist auch das Gewölbe darüber. Die Sterngewölberippen sind hellbeige angemalt und enden im Mittelschiff in kurzen Diensten oben an den Pfeilern dicht unter dem Gewölbe. An den Wänden der Seitenschiffe jedoch ziehen sich die Dienste der Seitenschiffgewölbe bis zum Boden. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei das gesamte Gewölbe der Hallenkirche eine architektonische Einheit. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass sich die Mittelschiffsgewölbe nahtlos bis zur Ostwand der Ostkapelle erstrecken, der Chorumgang also den optischen Fortgang des Mittelschiffes nicht stört. Jörg von Halspach hat zusätzlich zu dieser ausgereiften und sehr spätgotischen Gewölbegestaltung, noch die Sterngewölbe der Seitenschiffe um 45 Grad zu den Gewölben des Mittelschiffes gedreht und durch eine besondere Dynamik entstehen lassen.
Trotz der absichtlichen und der unbeabsichtigten Zerstörungen haben sich viele Ausstattungsstücke aus allen Epochen der Kirche erhalten, auch im Äußeren. Dort sind besonders das Bennoportal im nördlichen Seitenschiff mit spätgotischem Kielbogen und bronzener Relieftür aus dem Jahre 1772 erhalten, welches von Ignaz Günter geschaffen wurde. Das zur Stadt hingewandte Südportal, das Brautportal, war als einziges reich profiliert und mit kleinteiligem Figurenschmuck aus der Zeit um 1480 versehen. Hier finden sich auch Statuen des auferstandenen Erlösers und der Muttergottes aus der Entstehungszeit der Kirche.
Im Innern finden sich in den vielen Seitenkapellen, die sich entlang beider Seitenschiffe und rund um den Chorumgang ziehen, viele Kunstwerke und Altäre. Eine Besonderheit ist auch, dass sich viele Glasmalereien erhalten haben, einige sogar noch aus dem Vorgängerbau der heutigen Kirche. So finden sich in der Katharinenkapelle Glasmalereien aus der Zeit um 1430. In der Kapelle Mariä Opferung findet sich das Heilsspiegelfenster von 1480, welches in Gegenüberstellung Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigt. Doch das Fenster enthält auch ältere Bestandteile aus der Vorgängerkirche von 1420.
In der Kapelle der Hofbruderschaft St. Anna und St. Georg überzeugen drei geschnitzte Holzskulpturen. Die heilige Anna selbdritt wurde von 1515 bis 1520 von Stephan Rottaler geschaffen, die Figuren des hl. Georg und des hl. Ritter Rasso stammen aus dem Jahr 1520 und von Hans Leinberger.
Holzschnitzereien sind auch die Büsten von Aposteln und Propheten die Erasmus Grasser um 1502 für das Chorgestühl geschnitzt hatte und die in das moderne Chorgestühl eingefügt sind.
Die bekannte Benno-Büste steht heute in der Bennokapelle. Sie entstand zwischen 1601 und 1604 und wird Paulus van Viane zugeschrieben. Der Bischofsstab des Benno ist jedoch wesentlich älter. Er besteht aus Walbein, Holz und Silber und entstand wohl im 8. oder 9. Jahrhundert in England.
Ganz im Westen des südlichen Seitenschiffes steht das Kenotaph des Kaiser Ludwig des Bayern. Es besteht aus schwarzem Marmor und stammt wie zwei lebensgroße Figuren zweier bayerischer Herzöge aus dem 16. Jahrhundert. Älter ist die im Marmorkenotaph liegende Grabplatte, die als Liegefiguren den Kaiser und seine Frau zeigen. Die spätgotische Grabplatte ist ein Werk des Hans Haldner und entstand 1468.
Unweit des Kenotaphs befindet sich auch die Grabplatte des Jörg von Halspach, der in der Frauenkirche begraben liegt. Lange Zeit war umstritten, ob eben jener Jörg von Halspach auch schon die beiden Zwiebelturmhauben geplant hatte, die auf den beiden Türmen sitzen und den wohl bekanntsten Orientierungspunkt der Münchner Stadtsilhouette bieten. Fertiggestellt wurden die Hauben jedenfalls erst 1525 und erinnern eigentlich mehr an die Renaissance. Heute nimmt man an, dass die Zwiebelhauben tatsächlich schon auf Halspach zurückgehen, der sie vielleicht auf einem Schnitt gesehen hat, der den sogenannten Felsendom in Jerusalem zeigt. Auch der Felsendom hat eine Art Zwiebelkuppel auf einem durchfensterten, trommelförmigen Sockelgeschoss, welches den Kuppeln in München doch sehr ähnlich sieht.
Frauenkirche in München
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