Hallen statt Basiliken: Architektur der Spätgotik

21. August 2007

Hallenkirche in Schwäbisch-Gmünd, Heinrich Parler, Netzgewölbe und Blick in den Chor (Foto: Beckstedt)Eine der folgenschwersten Entscheidungen für die Kunst war sicher Karls Entschluss, die Familie der Parler zu fördern und zu sich nach Prag zu holen. Die Parler brachten gleich mehrere bedeutende Architekten und Bildhauer hervor, deren Werke für die folgende Zeit stilprägend wurden. Am folgenreichsten war sich die Neuerfindung der Hallenkirche durch den ältesten bekannten Parler: Heinrich Parler (nachweisbar um 1330 bis 1371). Er erbaute ab 1351 den Chor des Heiligkreuzmünster in Schwäbisch Gmünd. Zwar gab es Hallenkirchen schon vor 1551, jedoch gelang es Heinrich Parler in Schwäbisch Gmünd, den Kapellenumgangschor der französischen Kathedralgotik so elegant auf das Prinzip Hallenkirche um zusetzten, dass er Vorbild für viele Nachfolgebauten bis um 1500 in Deutschland wurde. Elegant wirkt des Parlers Hallenchor vor allem, weil er die beiden östlichsten Säulen aus der Flucht der anderen Säulen herausgelöst und enger zusammengestellt hat. Dadurch wirkt die Kirche nach Osten schon durch die Säulen abgeschlossen und nicht erst an einer Wand.

Der Sohn Heinrichs, Peter Parler (nachweisbar um 1333 bis 1399), begann ab 1356 mit den Bauarbeiten am Veitsdom in Prag. Das Grundkonzept des Doms, eine Basilika, folgt zwar noch der französischen Kathedralgotik, doch Peter Parler konstruierte das Triforium über den Mittelschiffsarkaden so, dass es leicht vor und zurück schwingt. Dadurch wird der optische Längszug der Prager Basilika gebremst.

In der Folgezeit hinterließen Johann von Gmünd (der Bruder von Peter Parler) mit dem Chor des Freiburger Münsters ein Werk der Nachwelt. Der Sohn Johanns, Heinrich von Gmünd (nachweisbar um 1354 bis 1387) trat mehr als Bildhauer hervor.

Hallenkirche, Marienkirche in Pirna (Foto: Frank Schilter)

Die Hallenkirchen waren vor allem auch in Süddeutschland erfolgreich. In München (Frauenkirche, 1468-94) und in Landshaut (St. Martin, ab 1389) wurden sogar Hallenkirche in der Größe ausgewachsener Kathedralen errichtet.

In der Spätgotik traten erstmals die Architekten aus der Dunkelheit ans Licht, wurden berühmt und gefeiert. Peter Parler, der Baumeister des Prager Veitsdoms, setzte sich selbst und anderen Mitgliedern seiner Familie mit Büsten im schwingenden Triforium seiner Kirche kleine Denkmäler. Dem Architekten von St. Martin in Landshut zu Ehren, Hans von Burghausen, schuf die Stadt eine Porträtbüste, die sich noch heute in der Kirche befindet.

Hallenkirche St. Johannis in Dingolfing, spätgotisches Sterngewölbe (Foto: Sue107)1421 wurde in der Pfarrkirche St. Martin im bayerischen Amberg erstmals eine Empore eingebaut. Die Emporen schufen nicht nur Platz für mehr Gläubige und erlaubten es, die städtischen Schichten räumlich zu trennen, sie hatten für die hoch aufstrebenden Hallenkirchen auch statische Funktion.

Beinahe typisch wurden die Emporen für eine Reihe von Hallenkirchen, die im ausgehenden Mittelalter in einigen sächsischen Städten entstanden, welche durch den Silberbergbau reich geworden waren. Erste unter ihnen war der so genannte Dom zu Freiberg, der zwischen 1487 und 1499 entstand. Hier findet sich auch ein frühes Beispiel für den Denkmalschutz, da in die spätgotische Kirche die berühmte Goldenen Pforte aus dem frühgotischen Vorgängerbau einbezogen wurde.

Eine letzte Blüte in Deutschland zeigte die Gotik in einer anderen sächsischen Kirchen, der Annenkirche in Annaberg-Buchholz, die von 1495 bis 1521 entstand. Hier findet sich ein Schwingrippen- oder Schleifensterngewölbe, welches in seiner geschwungen Dynamik schon auf die deutsche Renaissance zu verweisen scheint.

Hallenkirche, St. Wolfgang in Schneeberg (Sachsen), Halle mit umlaufender Empore (Foto: André Karwath)

Deutlicher noch wird das beginnende Wirken der Renaissance in der Marienkirche in Halle, die schon während der Reformation und in deren direktem Umfeld entstand (1528-38). Es handelt sich um einen beinahe rechteckigen Saal mit Emporen, der mehr einem profanen Versammlungsraum der Gemeinde gleicht, als einer gotischen Kirche. Hier in Halle zeigt sich auch, dass die deutsche Renaissance im Gegensatz zur italienischen keine Anleihen aus der architektonischen Formensprache der Antike nahm.

Peter Parler (um 1333-1399), Büste aus dem Veitsdom in Prag (Foto: Yaago)Mit dem Beginn der Renaissance in Deutschland endete auch der Bau an den großen Kathedralen in Deutschland. Während im 14. und 15. Jahrhundert manchmal mehr, oft auch weniger kontinuierlich an den Groß-Kirchen in Köln, Straßburg, Regensburg und Ulm weitergebaut wurde, kamen Bauarbeiten nach 1500 beinahe überall zum erliegen. So wurden die meisten der genannten Bauten, vor allem der Kölner Dom, erst im 19. Jahrhundert vollendet.

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