Drastisch, aber auch still: das Andachtsbild in der deutschen Spätgotik
22. August 2007Die Pest hatte die mittelalterliche Gesellschafte in ihren Grundfesten erschüttert. Jeder Mensch sah unzählige andere Menschen aus seinem engsten Umkreis an der Seuche sterben und musste sich oft gefragt haben, warum gerade er die Krankheit überlebt hatte. Doch auch schon vor der Pest hatte der Mystizismus eine wachsende Rolle gespielt. Große katholische Mystiker, wie Hildegard von Bingen (gest. 1179), Mechthild von Magdeburg (gest. 1280) und Meister Eckart (gest. 1327) bereiteten den Boden für eine im persönlich empfundene Frömmigkeit. Werke wie das Buch von der Nachfolge Christi von Thomas von Kempen (1380-1471) gehörten zu den meistgelesenen Schriften ihrer Zeit. Sie beförderten durch ihren Einfluss die Laienbewegung und die private Andacht.
Während der privaten Andachten versuchten die Gläubigen vor allem die Leiden Christi und Mariens nachzuempfinden. Dieser Zweck bedurfte neue Bildmotive. So entstand im Spätmittelalter unter anderem die Pietà. In den Darstellung hält Maria den gerade vom Kreuz genommenen toten Christus im Arm. Mit der Zeit wurden solche Darstellungen immer wirklichkeitsnaher, aber auch drastischer, sodass bisweilen sogar Echthaar verwendet wurde.
Drastischer wurde auch die Darstellung des Gekreuzigten. Um die compassio, die Anteilnahme der Gläubigen zu stärken, schuf man Kruzifixe, an denen die durch die Folter blankgelegten Knochen des geschundenen Körpers Christi zu sehen sind.
Zusammen mit dem verheerenden Zug der Pest entstanden auch die Gabelkreuze. Christus wird gleichsam aufgespannt zwischen dem nicht mehr waagerechten, sondern den schräg nach oben gerichteten Querbalken.
Doch auch stillere Szenen wurden oft dargestellt, wie der Tod Mariens und so genannte Christus-Johannes-Gruppen, in denen als Ausschnitt aus der Abendmahlsszene der Lieblingsjünger Johannes seinen Kopf an die Schulter Christi lehnt. Auch das ab 1400 öfters gezeigte Bild des Schweißtuches der Veronika gehört in diese Gruppe.
Ein weiteres Motiv, welches im ausgehenden Mittelalter zunehmend Verwendung fand, ist der Gnadenstuhl. Gott und der heilige Geist als Taube reichen dem Betrachter den gekreuzigten Christus hin, der für die Sünden des Gläubigen starb.
Die Andachtsbilder sind ein sehr deutscher Weg in der Kunst der Spätgotik gewesen, doch sie strahlten auch in die Nachbarländer aus. Sogar Michelangelo schuf schon 1499 seine Pietà, die so anders wirkt, als die deutschen Werke mit dem selben Motiv.
Zwischen 1380 und 1430 entstanden in Böhmen die Schönen Madonnen. Gezeigt wird in den lieblichen Figuren das innige Verhältnis zwischen der Gottesmutter und dem Jesuskindes. Verweise auf die Passion kommen vor, werden aber zumeist nur dezent angedeutet. Das Motiv der Schönen Madonnen wurde bis weit in die Barock-Zeit dargestellt und in neue Formen variiert.
Bildnachweis: 1 - 2 - 3
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