Es gab sie (vielleicht) doch: Renaissance in Deutschland
9. September 2007
Die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war in Deutschland eine Zeit der Umbrüche, die von folgenreichen Ereignissen begleitet war. 1492 hatte Christopher Columbus Amerika entdeckt. Im gleichen Jahr wurden in Granada als letzte Stadt in Spanien die Araber besiegt und zum Abzug aus Europa gezwungen. 1517 schlug der Reformator Martin Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosstür von Wittenberg und 1525 zeigten die Bauernkriege, dass die alte Feudalordnung in Europa endgültig am Ende war. Protestanten und Bauern war dabei gleichermaßen eine Erfindung in der Mitte des 15. Jahrhunderts hilfreich. Da hatte Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Dadurch war es möglich geworden nicht nur Bücher, sondern auch religiöse Schriften in großen Auflagen herzustellen und zu verteilen. Profiteure des Umbruchs waren die Reichsstädte und einzelne Familien in ihnen, wie die Fugger, aber auch die regionalen Könige und Fürsten.
In der Kunst wirkten sich die neuen Zeiten zumindest in Deutschland nur allmählich aus. Bis weit ins 16. Jahrhundert wurde hier die Spätgotik gepflegt, wenn auch in einer barock anmutenden Spätform. In Italien hingegen blühte schon fast seit dem 14. Jahrhundert die Renaissance. Geschaffen hat den Begriff der Florentiner Künstler und Michelangelo-Biograf Giorgio Vasari um 1550. Das italiensche Wort „rinascimento“ bedeutet genau wie der gebräuchlichere französische Begriff renaissance „Wiedergeburt“. Gemeint war die „Wiedergeburt der Antike“. Einflussreicher Denker vor allem am Hofe der Medici in Florenz strebten nach Erneuerung der Gesellschaften. So wurde nicht nur das klassische Latein wieder belebt, sondern auch ein humanistisches Bildungsideal entwickelt, was auf eine hohe Allgemeinbildung und das Interesse für alle Wissenschaft als geistige Ideale abzielte.
Das hatte auch Auswirkungen auf die Kunst. Die Darstellungen wurde naturalistischer. Menschen wurden in ihrer natürlichen Anatomie und Bewegung abgebildet. Die umliegenden Landschaften entstanden – oft nach Naturstudien – in dre
idimensionalen Bildräumen. Die Zentralperspektive wurde Allgemeinprinzip in Malerei und Skulptur. Die Mittel der Kunst waren also: Komposition, Perspektive und Proportion. Das genaue Zeichnen war beinahe unabdingbare Voraussetzung, zumindest nach der Florentiner Schule.
In den Jahren um 1500 entwickelten sich zudem beinahe alle bis heute gültigen Genre der Malerei. Neben dem Porträt waren das neben anderen auch die Aktmalerei und die Landschaftsmalerei. Nichtreligiöse Themen fanden Einzug in die Kunst.
Trotz allem blieben auch in der Renaissance religiöse nach wie vor die am häufigsten dargestellten Themen. Dabei blieben die in den Jahrhunderten zuvor festgelegten ikonografischen Motive beinahe unverändert, nur dass sie jetzt im Stil der Renaissance ausgefertigt wurden. Die Renaissance war auch der Höhepunkt der Altarbild-Malerei, die ihr Ende schließlich in den Bilderstürmereien der Reformation fand.
Nun ist es umstritten, inwieweit es die Renaissance aus Italien überhaupt nach Deutschland geschafft hat. Es gibt Meinungen, die sagen, dass nördlich der Alpen die barocke Spätphase der Gotik fließend in den Nachfolgestil der Renaissance, den Manierismus, übergegangen ist und dass – vor allem in der Architektur – echte Renaissance-Werke ausschließlich von eingewanderten italienschen Künstlern geschaffen wurden. Bis 1860 wurde sogar angenommen, dass sich die Renaissance überhaupt auf Italien beschränkt hat.
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