Knorpelig: Architektur des deutschen Manierismus
12. September 2007In der Architektur verfolgte der Manierismus zwei Trends. Vor allem im Süden kam der italienische Manierismus als Bauidee mit den Jesuiten über die Alpen. Kennzeichen der Bauten dieser Zeit ist – ähnlich wie in Italien – eine monumentale Formensprache. Der Zentralbau der italienischen Renaissance verändert sich zum Langbau des italienischen Manierismus. Beispiele sind vor allem die Kirche St. Michael in München (1583-97) und das Mausoleum für Ferdinand II. in Graz (1614-38), welches schon zum Frühbarock vermittelt.
Im Stil des so genannten internationalen Manierismus entstand die Münchner Residenz. Hier arbeiteten italienische und niederländische Künstler zusammen mit bayerischen Kollegen. Der schönste Raum ist das Antiquarium (1570/78).
Ansonsten entwickelte sich der Manierismus in Deutschland zwar oft anhand italienischer Ideen, aber bar jeder Anschauung. Gearbeitet wurde zumeist anhand von Musterbüchern, in denen zumeist Dekorbeispiele abgebildet haben. So ist ein wesentliches Kennzeichen des Manierismus nördlich der Alpen, dass hinter dem immer üppiger werdenden Dekor die ursprünglich antikisierende Architektur der Renaissance kaum noch zu erkennen ist.
Im Dekor entstehen neue Schmuckformen, die für die Epoche kennzeichnend sind. Da sind vor allem das Rollwerk, welches scheinbar aus verschlungenen, aufgerollten Steinbändern zu bestehen scheint, das Beschlagwerk, mit Bändern und Leisten aus Stein, die wie genietet erscheinen (die Herkunft aus dem Metallhandwerk ist unübersehbar) und das Ohrmuschel- oder Knorpelwerk, welches – wie der Name schon sagt – aus Ohr förmigen Dekorelementen mit „verknorpelter“ Oberfläche besteht.
Ein Beispiel für den Manierismus in der Architektur ist die Schlosskapelle in Celle (1565-76). Sie ist ein Gemeinschaftswerk deutscher und niederländischer Künstler und zeigt eine interessante protestantische Ikonografie. Während die Raumgestaltung noch der Renaissance entstammen könnte, sind die reichen Dekorelemente reinster Manierismus.
Ein Meisterwerk des deutschen Manierismus ist auch die Grabkapelle des Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg (1634) in der mittelalterlichen Abteikirche von Bad Doberan.
Die Wettiner Gruft im Freiberger Dom hingegen (ab 1885), die ein Gemeinschaftswerk des Florentiner Künstlers Carlo di Cesare mit sächsischen Bildhauern ist, besteht aus einer bombastischen Scheinarchitektur, die in Innere einer spätgotischen Kapelle eingebaut wurde. Über den Einbauten, also über der abgehängten Decke mit teils vollplastischen Engeln mit echten Instrumenten, könnte man sogar noch das spätgotische Netzgewölbe finden.
Bildnachweis: 1
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