Silberbergbau und Goldene Pforte: Dom zu Freiberg
18. September 2007Bodenschätze können eine Region reich machen. Sind die Lagerstätten allerdings abgebaut, kann es mit den Landstreichen allerdings auch wieder bergab gehen. Im 12. Jahrhundert ging es mit der Gegend um das heutige Freiberg in Sachsen erst mal bergauf, denn hier wurden Silbervorkommen entdeckt. Unter Markgraf Otto von Meißen (reg. 1156-1190) begann man zwischen 1156 und 1162 planmäßig Siedlungen anzulegen. Das Silber zog zahlreiche Menschen ins Land und 1170 verkündete der Markgraf die Bergfreiheit. Jeder, der nach Silber graben wollte, konnte das auf eigene Rechnung tun. Die Erträge aus dem Bergbau sollten eine wichtige Stütze für das Herrscherhaus der Wettiner werden.
Freiberg entstand so aus mehreren Siedlungen und einem Herrenhaus, die zusammenwuchsen und 1188 das Stadtrecht bekamen. Ab 1180 wird der Herrenhof zu einer landesfürstlichen Burg ausgebaut. Für das Burglehen baut man die Pfarrkirche St. Marien. Seit 1280 heißt der Flecken dann auch Freiberg. Die Stadt wird reich. Es kommen Kaufleute und andere kluge Leute. Mit der Zeit werden aus den selbständigen Bergleuten Knappen, also Angestellte in den Mienen der klugen Leute.
Die zwischen 1180 und 1190 entstandene Marienkirche wird wohl eine kreuzförmige Pfeilerbasilika im gebundenen System, also im romanischen Stil, gewesen sein. Um 1230 wird ein repräsentatives Westportal eingebaut, welches das früheste Stufenportal im deutschsprachigen Raum werden sollte. Nicht nur die einzigartige figurale Plastik trug dem Portal den Namen Goldene Pforte ein.
Im 14. Jahrhundert sind die oberflächlichen Silbervorkommen erloschen. Es geht bergab mit Freiberg. Dazu kommen die Pest und Brandkatastrophen. 1386 erfolgt nach einem Stadtbrand der Umbau der Kirche. Anstelle der alten Apsis wird ein Joch im Osten angefügt, welches zudem mit einem dreiseitigen polygonalen Abschluss versehen wird. Der alte romanische Chor ist nur noch Chorvorhalle. Über das ganze Gebilde aus Vorchor und Chorvorhalle baut man noch ein die Joche schleifendes, also durchgehendes Netzgewölbe im Stile der Parler-Gotik.
1480 enthält die Kirche ein angegliedertes Kollegiatsstift. Die Kirche wird also zum Dom. Initiator ist Papst Sixtus IV., dessen Name durch die Sixtinischen Kapelle unsterblich wurde. 1484 wird bei einem weiteren Stadtbrand die Kirche beinahe vollständig zerstört. Erhalten blieben nur der Chor aus dem 14. Jahrhundert und die Goldene Pforte. Beide Teile wurden in den Neubau integriert, der möglich wurde, da um 1500 im oberen Erzgebirge neue Silberfunde gemacht werden und der Reichtum zurück nach Freiberg kehrt.
1487 ist der östliche Teil der Kirche bereits wieder benutzbar. Ab 1487 beginnt man mit dem Bau des Langhauses, das 1500 abgeschlossen werden kann. Der neue Bau wird eine der frühesten Hallenkirchen Sachsens. Nach 1510 wird auch noch ein Kreuzgang im Süden hinzugefügt. In der Westecke des Kreuzganges entsteht zur gleichen Zeit die kleine Annenkapelle.
1537 wird die Gegend unter Herzog Heinrich von Mecklenburg protestantisch. Der Herzog beschloss auch, anders als seine Vorgänger nicht im Dom zu Meißen, sondern in Freiberg bestattet zu werden. Dazu wird 1441, im Todesjahr Heinrichs, der Chor durch eine Mauer von der Halle abgetrennt und zur Grablege für die lutherischen Wettiner der albertinischen Linie umgestaltet.
Architekt der Umgestaltung war der Italiener Giovanni Maria Nosseni (1544-1620), dessen Umbauten sich auch auf den Außenbau erstreckten. Dem oberflächlichen Betrachter werden die meisten Feinheiten an der Begräbniskappelle, also dem ehemaligen Chor, entgehen. Doch Nosseni hat dort aus den Strebepfeilern römische Pilaster gemacht. Oben auf findet sich ein umlaufendes antikisierendes Traufgesims, welches von Obelisken über jedem Pfeiler gekrönt wird. Auf den Dachfirst der Kapelle findet sich noch ein Obelisk. Das Dach selbst ist eine sogenannte welsche Haube.
Der Kreuzgang wurde zwischen 1510 und 1514 mit spätgotischem Netzgewölbe und Maßwerkfenstern versehen. Die Annenkapelle hat sogar ein Schlingrippengewölbe. In der Kapelle findet sich die Madonna der Familie Monhaupt. Ein Werk, welches um 1513 entstand und Franz Maidburg zugeschrieben wird.
Im Innern zeigt das Langhaus die Ausprägung einer Wandpfeilerbasilika. Die drei sechsjochigen Schiffe der Halle sind alle gleich hoch und gleich breit. Gestützt wird das Gewölbe durch achteckige Pfeiler, deren Schaftseiten konkav gestaltet sind.
Pfeiler und Wandpfeiler gehen ohne Kämpfer direkt in das Gewölbe über, wodurch das Gewölbe nicht lastend wird. Zudem sind auch hier die Gewölbe als die Joche verschleifende Netzgewölbe gestaltet.
Rund um den Hallenraum verläuft eine Empore nicht ganz in halber Höhe. Da die Empore auch nach Osten vor der Grabkapelle besteht, wird der ehemalige Chor von der Halle aus kaum wahrgenommen. An den Längsseiten finden sich große Fensteröffnungen.
Die Goldene Pforte ist heute das Südportal der Kirche. Es besteht aus einem achtstufigen Gewände und Archivolten mit Skulpturen. Im Portal befindet sich im Tympanon ein Relief, welches die thronenden Mutter Gottes und die Anbetung Christi durch die heiligen drei Könige zeigt. In den Archivolten sind von Innen nach Außen die Krönung Mariens durch Christus, die zwölf Apostel, die vier Evangelisten, Abrahams Schoß, der heilige Geist und ganz außen die Auferstehung Christi zu sehen.
Die Gewändefiguren zeigen links Daniel, die Königin von Saba, Salomo und Johannes den Täufer, rechts den Hohepriester Aaron, die Königin Bathseba, König David und Johannes den Evanglisten. Die Figuren stehen symbolisch für die Jungfrauengeburt und die Anbetung des Kindes. Das Thema des Portals ist die Erlösung der Menschen durch die jungfräuliche Geburt.
Stilistisch stellt die Golden Pforte eine Mischung aus der französischen Kathedralplastik und der einheimischen Buchmalerei dar. Vor allem die Figuren sind in der deutschen Kunst beinahe einzigartig. Sie waren früher komplett in Rot und in Blau farbig gefasst, vor allem aber in Gold.
Größtes Grabmal in der neuen Grabkapelle wurde das für Moritz von Sachsen, der 1553 im Alter von 32 Jahren in der Schlacht starb. Geschaffen wurde das Renaissance-Grabmal von Benedetto und Gabriele de Thola ab 1555-63. Die knieende Figur des Moritz ist sehr naturalistisch gelungen und wurde in Antwerpen nach Porträts angefertigt.
Als das Grabmal aufgebaut wurde, entfernte man auch die Mauern zum südlichen und zum nördlichen Anbau des Vorchores. Auch die Scheidmauer zur Langhaushalle wurde aufgebrochen. Dort steht seit 1562 ein kunstvolles Gitter.
1589 bis 1594 erfolgte schließlich auch der Umbau des Chores nach Plänen des Nosseni. Der Stil ist manieristisch. Umlaufend an der Wand ein dreigeschossiger Aufbau mit den bronzenen Kniefiguren der Kurfürsten von Carlo di Cesare, der auch alle anderen Figuren schuf. Oben auf dem Aufbau befinden sich bronzene Prophetenfiguren. Der Altartisch wird von eine Kreuz und Liegefiguren Johannes des Täufers und Paulus gekrönt. Hinter dem Altar finden sich bronzene Tugendallegorien.
Über allem wölbt sich die Decke. Sie wurde als Stuckdecke ausgeführt. Darüber befindet sich noch – heute unsichtbar – das spätgotische Netzgewölbe. Auf blauem Hintergrund finden sich halb gemalte, halb plastisch in Stuck aus der Decke heraustretend Engelfiguren mit echten Instrumenten. Das Thema der Decke folgt der protestantischen Ikonografie. Dargestellt ist der Christus triumphans und das Jüngste Gericht, aber auch die Tugenden Caritas, Justitia, Fides und Spes.
Im Boden der Kapelle sind 25 Grabplatten aus Messing eingelassen. Die Gießerfamilie Hilliger hat hier über fünf Generation hinweg ganze Arbeit geleistet. Als August der Starke um der polnischen Königskrone willen jedoch zum Katholizismus übertrag, wurde die neue Hofkirche in Dresen Grablege der Wettiner.
Auch das Langhaus ist reich an bedeutenden Kunstwerken. So findet sich eine spätromanische Kreuzigungsgruppe, die einst den Lettner der alten Kirche schmückte und zwischen 1220 und 1225 entstanden ist. Die drei lebensgroßen Figuren trage noch die originale Farbfassung.
Bekanntestes und bedeutendestes Kunstwerk ist jedoch die sogenannte Tulpenkanzel, die Werk eine Meisters H.W. ist, der vermutlich mit Hans Witten identifiziert werden kann. Die Kanzel ist vor 1505 entstanden. Dargestellt ist vielleicht der Lebensbau. Engel tummeln sich im Rankengewirr, welches nach oben in den Kanzelkorb strebt, in welchem die Büsten der vier Kirchenväter zu sehen sind. Der über dem Korb hängenden Schalldeckel trägt die vier Evangelisten-Symbole und eine Strahlenkranzmadonna. Geheimnisvoll sind die beiden vollplastischen Figuren am Kanzelaufgang, die vielleicht Daniel und einen jungen Bergmann, vielleicht aber auch Stifter zeigen.
Die Tulpenkanzel wird nur an Festtagen genutzt. Alltagskanzel ist die direkt daneben stehende Bergmannskanzel, die den seltenen Typ einer Epitaph-Kanzel darstellt. Das zentrale Relief zeigt die Kreuzigung mit den knienden Figuren der Stifter, dem Bürgermeister Jonas Schönlebe und dessen Gemahlin. Das Werk wurde 1638 geschaffen.
An den Wandpfeilern wurde 1505 ein Apostelzyklus angebracht. Die Skulpturen wurden vielleicht von Philipp Koch geschaffen. An den Mittelpfeilern findet sich das beliebte Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, ebenfalls in vollplastischen Figuren und vor 1505 ausgeführt.
Obwohl im Zuge der Reformation fast 30 Altäre aus der Kirche geräumt wurden, haben sich noch einige mittelalterliche Andachtsbilder erhalten. So findet sich ein Vesper-Bild (Pietá) von 1430/40. Maria hält einen toten Christus im Arm, dessen Kopf zwar erst aus dem späten 15. Jahrhundert stammt, aber dafür mit Echthaar ausgestattet ist.
In der Kirche finden sich noch einige vielfigurige Epitaphe im Stil des Manierismus, aber auch aus der Barockzeit.
Der Architekt des Zwingers in Dresden, Matthias Daniel Pöppelmann (1662-1736) gestaltete einige Fürstenlogen, die unter seiner Regie auf den Emporen eingebaut wurden.
Die Orgel von 1711-14 ist ein Werk des Gottfried Silbermann. Der Prospekt stammt von Elias Linder. Auch in den folgenden Jahrhunderten fanden zahlreiche Ausstattungsstücke ihren Weg in die Kirche.
Bei der Renovierung zwischen 1958 und 1962 wurde allerdings ein Großteil der Einbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert wieder entfernt, um den Raumeindruck des 16. Jahrhunderts wieder herzustellen. Damals wurde auch der neogotische Altar entfernt.
Eine Zugabe des 20. Jahrhunderts durfte allerdings bleiben, vielleicht auch, weil sie sich vor der Kirche befindet. Schon 1862 brach man den zur Goldenen Pforte führenden Ostflügel des Kreuzganges ab. 1902/03 baute man dafür zum Schutze der Pforte ein Vorhalle im Stil des Jugendstils.
Die Zeit nach 1945 überlebte auch die erst 1931 auf den Südturm aufgesetzte Glockenstube.
1913 schloss übrigens die letzte Silbergrube. Trotzdem blieb Freiberg bis heute die bedeutendste Stadt im Erzgebirge, was immer das auch heißen mag.
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