Erfindungsort des Maßwerks: Kathedrale von Reims

21. September 2007

Kathedrale von Reims, Westfassade (Foto: Yann Grossel)Der Beschuss dauerte vier Tage. Dann war die deutsche Artillerie mit ihrem Zerstörungswerk zufrieden. Das Dach war vernichtet und viele der mittelalterlichen Skulpturen verloren. Ziel des Bombardements im Ersten Weltkrieg war es, die Franzosen zu demütigen und angeblich, die Zerstörung des Doms zu Speyer im Jahre 1689 durch die Truppen Ludwig XIV. zu vergelten. Erst 1938 konnte die Kathedrale zu Reims wieder in Gebrauch genommen werden. Zum Ziel der Aggression wurde die Kirche auch in Folge ihrer Bedeutung als Krönungsort der französischen Könige.

Als Krönungsort erfuhr die Kathedrale von Reims tatsächlich beinahe den Status eines Nationalheiligtums der Franzosen. Die große Ehre kam Reims zu, da hier Ende des 5. Jahrhunderts der Frankenkönig Chlodwig I. – so will es die Legende – vom heiligen Bischof Remigius (St. Remis) nicht nur getauft, sondern auch mit einem vom Himmel gesandten Öl gesalbt wurde. Die Taufe des wichtigen Merowinger-Herrschers war ein entscheidender Schritt zur Christianisierung Frankreichs und Europas.

Kathedrale von Reims, Hauptportal, Verkündigung und Heimsuchung (links) (Foto: Vassil)Wie so oft, stand zu Beginn des Baus ein verheerendes Feuer. 1210 war die alte Kirche abgebrannt. Bereits 1211 begann man mit den Bauarbeiten zur heute noch stehende Kathedrale. 1311 waren die Arbeiten, abgesehen von der Westfassade, abgeschlossen. Anschließend wurde noch einmal das Langschiff verlängert, um die große Zahl der Krönungsbesucher aufnehmen zu können. Ende des 14. Jahrhunderts war der Bau abgeschlossen.

Die Kathedrale von Reims präsentiert sich noch heute als dreischiffige Basilika, die im Innern 139 Meter lang ist. Der beein- druckendste Teil der Kirche ist die Westfassade, die wohl zwischen 1252 und 1275 errichtet wurde und nicht nur als das klassische Beispiel einer Westfassade der französischen Hochgotik gilt, sondern auch als deren gelungenstes Werk, welches besonders dynamisch und ausgewogen ist.

Die beiden Haupttürme der Westfassade erreichen eine Höhe von 81 Metern. Ursprünglich sollten die Türme noch behelmt werden, mit denen die Türme dann 120 Metern hoch gewesen wären. Doch dazu kam es, wie bei allen anderen Kathedralen Frankreichs, nie.

Kathedrale von Reims, Chor (Foto: Vassil)

Bestimmend für den Eindruck der Fassade ist insbesondere die Portalzone mit ihren weit nach vorne gezogenen Portalen. Die Wimperge der drei Portale reichen nach oben über die eigentliche Portalzone hinaus. Die zentrale Rosette der Westfassade stammt aus der Zeit zwischen 1215 und 1220. Das Maßwerk ist original, den an dieser Stelle wurde es von Jean d’Orbais entwickelt.

Das Maßwerk fand dann auch Anwendung in den Tympanons der Portale, die gleichsam mit Fenstern bzw. einer Rosette versehen sind. Durch die Rosetten sollten und sollten der Innenraum hinter der Fassade belichtet werden.

Auffällig ist nicht nur die architektonische Gestaltung der Westfassade, sondern in großem Maße auch ihrer reicher Skulpturen- und Reliefschmuck. So befindet sich über der zweiten Fassadenebene die berühmte Königsgalerie von Reims.

Kathedrale von Reims, Blick in den Chor (Foto: Peter Huyghe)Diese heute als originärer Bestandteil des französischen Kathedral- Schemas geltende Galerie wurde vermutlich gleichfalls in Reims erfunden und nicht in Paris. Die Königsgalerie zieht sich rund um das Turmgeschoss und besteht aus 56 ursprünglich vergoldeten Statuen, die jeweils 4,30 Meter hoch sind und wohl zwischen sechs bis sieben Tonnen wiegen. Damit bildet die Königsgalerie ein optisches Gegengewicht zur Portalzone. Die Statuen zeigen im Zentrum die Taufe Chlodwig I. und flankierend seine Nachfolger. Insgesamt gibt es an und in der Kathedrale von Reims 2302 Skulpturen. Davon sind alleine 211 Figuren am Außenbau zwischen drei und vier Meter hoch.

Reich sind vor allem auch die Portale der Westfassade mit Figuren besetzt. Dabei wurde das Hauptportal der heiligen Jungfrau Maria geweiht. So finden sich am Portal Gruppen der Heimsuchung und der Verkündigung, aber auch die Darbringung im Tempel. Insgesamt wird deutlich, dass an den Portalskulpturen verschiedene Künstler gearbeitet haben. Die Skulpturen in Reims zeigen sich aber im Gegensatz zu den noch älteren Skulpturen in Chartres, vollständig von den Säulen befreit, vor denen sie stehen. So können die Figuren zueinander in Beziehung treten. Vielen Figuren gemeinsam ist, dass sie breite Schultern, kräftige Glieder und große und schwere Köpfe haben.

Zu Beginn der Bauplastik waren die Skulpturen in Frankreich noch auf die Portale beschränkt. Die Ausbreitung auf die ganze Kirche, zeigt, Kathedrale von Reims, Blick von Innen auf die West-Rosetten (Foto: Magnus Manske)dass sich der Blick zu ändern begann. Beginnend mit Chartres (1150) sollte nun das Religiöse wesentlich sinnlicher gezeigt und erfahrbar gemacht werden.

Auch im Inneren findet sich das französische Kathedral- Schema vor allem in der Basilika und im Chorumgang mit Chorumgangs- kapellen. Das Mittelschiff ist 39 Meter hoch, der Wandaufbau ist dreiteilig, wobei das Triforium nur noch sehr schmal ist. Die Mittelschiffs- pfeiler sind hochgotische Bündelpfeiler mit einer frühen Kapitell-Zone zwischen Pfeilern und Arkadenbögen. Die Fenster zeigen frühes Maßwerk.

Chor und Querschiff wurden trotz der basilikalen Struktur als einheitlicher Raum gestaltet. Damit wurde ein großer Raum geschaffen, die auch dringend nötig war, um Platz für die Krönungen schaffen.

1481 brannte das Dach der Kathedrale ab. Der Dachstuhl des 15. Jahrhunderts wurde ein Opfer des Beschusses durch die deutsche Artillerie. In den Jahren 1919 bis 1939 musste die Kirche umfassend renoviert werden, bis sie wieder genutzt werden konnte. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Kathedrale weitestgehend unbeschadet.

Cathedrale von Reims, Beschuss durch deutsche Artillerie, vor 1919

1974 konnten in der Achskapelle, also der Chorscheitelkapelle, Fenster geweiht werden, die der Künstler Marc Chagall geschaffen hatte.

Als eine der bedeutendsten Kirchen Frankreichs, sowohl geschichtlich, als auch kunsthistorisch, steht das Bauwerk seit 1991 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

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