Ein Meisterwerk Balthasar Neumanns: Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen

Vierzehnheiligen (Foto: Schubbay)

Es ist schon etwas ungewöhnlich, den unterlegenen Konkurrenten eines Architektenwettbewerbes mit der Bauleitung zur Umsetzung des Gewinnerentwurfs zu beauftragen. Das kann gut gehen, tut es aber wahrscheinlich nicht. So war es auch im Fall der Basilika von Vierzehnheiligen bei Staffelstein in Franken. Gewonnen hatte den Auftrag der berühmte Balthasar Neumann (1687-1753), mit der Umsetzung wurde der Verlierer Gottfried Heinrich Krohne (1703-1756) beauftragt, der die Pläne sofort änderte. Aber auch hier war vermutlich der Bauherr nicht ganz unschuldig, der, wie so oft, versuchte die Kosten zu drücken.

Notwendig geworden war der Bau einer Kirche fernab einer größeren Stadt, weil wieder einmal eine Wallfahrtskirche zu klein geworden war. Dabei sollte die neue Kirche vermutlich sogar an der ersten Wallfahrtsstätte der Christenheit entstehen, die auf eine Erscheinung zurückgeht. Am 17. September 1445 sah ein Schäfer, der vermutlich zur nahe gelegenen Zisterzienserabtei Langhein gehörte, auf einem Acker ein Kind sitzen, welches auf der Stelle verschwand, als der Schäfer sich ihm nähern wollte. Im Laufe des kommenden Jahres sah der Schäfer das Kind an der selben Stelle nochmals, bis am 29. Juli 1446 das Kind umgeben von 14 weiteren Kindern zu sehen war. Diesmal versuchte der Schäfer Kontakt aufzunehmen und fragte mutig, wer die Kinder den seien und was sie wollten. Sie seien die 14 Nothelfer und hätten gerne eine Kapelle, antwortete ihm die frohe Kinderschar.

Vierzehnheiligen, Fassade (Foto: F.C.)Doch der Schäfer hatte es zunächst schwer, andere von seiner Erscheinung zu überzeugen. Erst als eine Magd des Zisterzienser- klosters nach Anrufung der 14 Heiligen von einer schweren Krankheit genesen konnte, begann man mit dem Bau der geforderten Kapelle. Schon ab 1448 fleißig durch Ablässe gefördert, konnte die Kapelle 1456 oder 1457 eingeweiht werden.

Schon 1525 wurde die Kapelle von marodierenden Bauern während der Bauernkriege abgebrannt. Erst 1543 war der Neubau fertig, da während der Reformation die Wallfahrt beinahe vollständig zum Erliegen kam. Erst mit der Gegenreformation bekam sie wieder Aufwind. Dieser wiederum fiel so deutlich aus, dass bis 1700 die Wallfahrtstätigkeit so zu nahm, dass das kleine Kapellchen bald viel zu klein und wohl auch zu schmuddelig war.

Trotzdem sollte es wegen Streitereien zwischen dem Erzbistum Bamberg und dem Kloster Langhein noch einmal 43 Jahre dauern, bis 1743 der Neubau nach Plänen Balthasar Neumanns beginnen konnten. Neumanns Entwurf sah eine Basilika mit kreuzförmigem Grundriss und einer großen Rundkuppel über der Vierung vor, unter der der Gnadenaltar errichtet werden sollte. Der als Bauleiter beauftragte Gottfried Krohne, Sachse und Protestant, änderte die Pläne Neumanns, wahrscheinlich mit Wissen des Bauherren, also des Abtes des Zisterzienser-Klosters. Wesentliche Änderung war, dass Krohne den Bau nach Osten, mehr an den Berg heran, verschob. Diese Änderung war folgenreich, da der Ort, an dem der Gnadenaltar entstehen sollte, gVierzehnheiligen, Gnadenaltar (Foto: Asio otus)enau der Ort war, an dem die Kinder erschienen waren und mithin nicht verschoben werden konnte. Durch die Kirchen- verschiebung rückte der Ort nun von der exponierten Stelle in der Vierung in das Langschiff. Balthasar Neumann musste also seine Pläne des Kircheninneren völlig ändern, da an einen Abriss des schon bestehenden Außenbaus nicht mehr zu denken war.

Seine Lösung war brilliant. Am Ort des Gnadenaltars schuf er ein von Säulen umstelltes Längsoval über dem sich eine große Kuppel erstreckt. Östliche und westlich schließen sich je zwei kleinere Ovale an. Von Außen ist die ganze Konstruktion nicht zu sehen. Baltasar Neumann hat in einem Langbau eine Art Zentralbau geschaffen, der sich nun wiederum auf den Ort des Gnadenaltars bezog. Dabei wurde das ursprüngliche Prinzip einer dreischiffigen Basilika nicht angerührt und umgesetzt.

1743 war Gottfried Krohne dann entlassen worden. Da Neumann bereits 1753 starb, wurde vermutlich der Staffelsteiner Maurermeister Johann Thomas Nißler (1713 – 1769) Bauleiter. Erst zwanzig Jahre nach Baubeginn war endlich der Rohbau fertig, da die Arbeiten während des siebenjährigen Krieges stockten.

Die gesamte Innenausstattung der Wallfahrtskirche ist prachtvollstes Rokoko. Mit den Stuckarbeiten beauftragte man die Wessobrunner Künstler Johann Michael und Franz Xaver Feichtmayer sowie Johann Georg Ublher. Da Ublher und Franz Xaver bereits 1763 und 1764 verstarben, wird Johann Michael Feichtmayer die meisten Arbeiten alleine ausgeführt haben. Als sicher gilt seine Urheberschaft für den zentralen Gnadenaltar mit den Skulpturen der 14 Nothelfer, sowie die Kanzel.

Vierzehnheiligen, mittleres Oval mit Gnadenaltar (Foto: Asio otus)

Die Fresken und die Altarblätter schuf zwischen 1763 und 1769 Joseph Ignaz Appiani (1706 – 1785), der Hofmaler des Erzbischofs von Mainz war und so gleich eine ganze Reihe von Kirchen in Süddeutschland und der Schweiz ausmalen durfte.

Am 14. Oktober 1772 war es dann endlich soweit: Der Bamberger Bischof konnte die Kirche einweihen, 19 Jahre nach dem Tod des Architekten.

Die Kirche wurde seitdem mehrfach verändert. Wichtigster Anlass war ein Feuer im Jahre 1835, in dessen Folge die Turmhauben und das Dach abbrannten. Das Notdach war nur so notdürftig, das es reinregnete und die Fresken Appianis schwer beschädigt wurden. 1848 bis 1871 ersetzte daraufhin der böhmische Maler Augustin Palme (1808 – 1897) alles Fresken und auch die Altarblätter durch eigene Werke im Stil der Nazarener, wobei Palme auch nicht alle Motive des Appiani beibehielt. 1848 folgte das Orgelprospekt durch August Bittner.

Vierzehnheiligen, zentrales Deckenfresco von Appiani (Foto: Asio Otus)Während des Ersten Weltkrieges nahmen sich dann die Münchner Maler Anton Ranzinger (1850 – 1924) und Kaspar Schleibmeier (1863 – 1931), sowie der Staffelsteiner Hans Theodor Steigel (1868 – 1945) die Fresken des Augustin Palme vor und rück-restaurierten die komplette Kirche. Ganz gelang das nicht, da die Altarblätter Appianis verloren waren. Es ist erstaunlich, dass sich bis heute sogar unter der Orgel einige Fresken Palmes erhalten haben. Drei Fresken Appianis waren allerdings so zerstört, dass Nachschöpfungen aushelfen mussten.

1951 mussten dann auch die Altarblätter Palmes der östlichen Seitenaltäre dran glauben und wurden durch Arbeiten von Paul Plontke (1884 – 1966) ersetzt. 1961 folgten die westlichen Seitenaltäre. Hier ersetzen barocke Gemälde Johann Martin Speers (1702 – 1765) die nazarenischen Malereien Palmes.

Letzte Restaurierungen fanden in den Jahren 1983 bis 1990 statt. Hatte Augustin Palme Joseph Ignanz Appiani übermalt und wurde Palme von Anton Ranzinger übermalt, entfernte man nun – soweit es noch ging – die Deckenfresken, vor allem in der zentralen Kuppel, von den Übermalungen Ranzingers.

Das heute wieder mehr oder weniger hergestellte Deckenfresko über dem Gnadenaltar zeigt Maria, der die Kirche Vierzehnheiligen wie alle Gotteshäuser der Zisterzienser zusätzlich geweiht war, sowie die Gründer und Patrone der Diözese Bamberg, den heiligen Kaiser Heinrich I. und dessen Gemahlin Kunigunde. Die übrigen Deckenfresken beschäftigen sich mit Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, in denen Visionen als Thema vorkommen. Zu sehen sind die Heiligen Drei Könige, die vom Stern von Bethlehem geleitet werden, die Hirten, die ein Engel über die Geburt Jesu informiert, die Verkündigung an Maria und die Flucht nach Ägypten, der der Traum Josephs vorausging.

Die Szenen aus der neu-testamentlichen Heilsgeschichte werden ergänzt durch den brennenden Dornbusch vor Mose und die Vision der Himmelsleiter des Jakob aus dem Alten Testament.

Die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen erhebt sich heute weit über einem Tal und steht antagonistisch und sehr wirkungsvoll dem gleichfalls barocken Kloster Banz gegenüber.

Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen

Bildnachweis: 1234 5

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