Große Kirche in kleiner Stadt: Kathedrale Norte-Dame-de-Chartres
8. Oktober 2007Manche große Kirche steht in einem erstaunlich kleinen Ort. Nähert man sich dem Städtchen Chartres, ist die Kathedrale Notre-Dame-de-Chartres schon von weitem zu sehen, während sich die Ortschaft erst kurz vor der Kirche auszubreiten beginnt. Rund 42.000 Einwohner zählt die Stadt im Department Eure-et-Loir und beherbergt doch eine der berühmtesten Kathedralen Frankreichs. Heute ist die Kathedrale – wie so viele in Frankreich – der heiligen Jungfrau geweiht. Dabei ist bemerkenswert, dass hier schon in vorchristlicher Zeit eine Weihestädte für die keltische Virgo Paritura (Jungfrau, die gebären wird) bestand. Eine Kirche gibt es in Chartres seit dem 4. Jahrhundert.
867 weihte Karl der Kahle am Ort eine Kirche für eine besondere Reliquie, die der König für das Sanktuarium des Baus vorgesehen hatte: die Tunika, die Maria während der Verkündigung trug, das Sancta Camisia. Später wurde von dem Heiligen Hemd ein 30 mal 30 Zentimeter großer Ausschnitt gezeigt.
1020 zerstörte ein Brand die karolingische Kirche. Daraufhin entstand unter Bischof Fulbert ein romanischer Bau, der 1134 Feuer fing. Dabei wurden aber nur die Vorhalle und ein Turm soweit beschädigt, sodass sie nicht mehr zu retten waren. Schnell wurde der Turm wieder aufgebaut und war um 1150 fertig. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts ersetzte man dann die alte Westfassade durch einen Neubau, zu dem auch das heute noch bestehende Königsportal gehört. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 brannte schließlich die komplette Kirche nieder – mit Ausnahme des Königsportals. Wie durch ein Wunder blieb dabei die Reliquie der Tunica von Chartres unversehrt. Wäre die Reliquie verbrannt, so hätte es vermutlich das wirtschaftliche Ende des damals 10.000 Einwohner zählenden Ortes bedeutet. Chartres lebte nämlich im ausgehenden 12. Jahrhundert vor allem von der Wallfahrt.
Deshalb begannen auch schon kurz nach dem verheerenden Feuer mit vereinten Kräften die Bauarbeiten zu einer neuen Kirche. In der sehr kurzen Bauzeit von 25 Jahren errichtete der Ort die noch heute bestehende Kathedrale im Stil der französischen Hochgotik, die allerdings erst 1260 geweiht wurde, als auch die Querhausportale mit ihrem Skulpturen- schmuck fertig waren. Baumeister war Villard de Honnecourt (1230 bis 1235 nachweisbar), von dem auch das berühmte Labyrinth auf dem Boden des Mittelschiffes stammt.
Eine der Gründe für die schnelle Fertigstellung war sicher, dass die neue gotische Kathedrale auf den Fundamenten des romanischen Fulbert-Baus errichtet wurde. Reste der romanischen Kirche haben sich in der heute noch bestehenden Krypta erhalten.
Besonders die Westfassade mit den beiden Türmen ist aus Teilen verschiedener Bauzeiten zusammengesetzt. Der untere Teil der Fassade mit dem Königsportal entstand wohl in der Zeit zwischen 1134 und 1194. Das Königsportal wurde in den Jahren zwischen 1145 und 1150 geschaffen. Der ältere Südturm, der 195 Meter hoch ist, stammt aus der gleichen Zeit. Der Nordturm ist wesentliche jünger. Er entstand zwischen 1500 und 1513 und zeigt den Stil der französischen Spätgotik: das Flamboyant.
Das Königsportal in der Westfassade enthält die ältesten gotischen Skulpturen überhaupt. Die noch älteren von der Fassade von der Kathedrale von Saint-Denis wurden während der französischen Revolution zerstört. Die drei Portale in Chartres bilden auch die älteste Portalanlage, die vollständig – am Stufenportal, im Tympanon, an den Türstürzen und in den Archivolten – mit Skulpturen versehen wurde.
Auffällig sind vor allem die Säulenfiguren, die das Stufenportal besetzen. Sie sind mit der dahinter befindlichen Säule aus einem Stein gemeißelt worden. Die Darstellung ist streng frontal, die Gewänder fein gefaltet, die Gesichter ausdrucksstark und nicht mehr romanisch starr, auch wenn die Figuren etwas in die Länge gezogen wirken. Bemerkenswert ist, dass sich die Figuren von einander unterscheiden. Jede Skulptur hat einen eigenen Gesichtsausdruck, eine eigene Frisur, Schmuck, Mantel und Krone.
Das rechte Portal der Königsportal-Anlage hat als Thema die Menschwerdung Christi. Im Tympanon findet sich als zentrales Motiv die thronende Mutter Gottes mit dem Christus-Kind auf dem Schoß. Am Portal finden sich noch Szenen zum Themen rund um Christi Geburt. Die Säulenfiguren zeigen Könige und andere Gestalten des Alten Testaments.
Das mittlere Portal, das eigentliche Königsportal, wird im Tympanon von Christus als Weltenrichter in einer Mandorla beherrscht. Umgeben ist er von den vier Symbolen der vier Evangelisten. Die Säulenfiguren zeigen David, Salomo und entweder Bathseba oder die Königin von Saba. Die anderen Figuren sind gleichfalls Gestalten aus dem Alten Testament.
Das linke Portal zeigt die Himmelfahrt, so auch im Tympanon. Darunter im Türsturz finden sich Darstellungen der Apostel. In den Archivolten die Monats- und Tierkreiszeichen, Symbole für Zeit und Raum. Die Säulenfiguren zeigen unter anderem Mose und Könige des Alten Testaments.
Alle Kapitelle der gesamten Portalanlage sind zu einem einzigen durchlaufenden Fries verbunden und zeigen insgesamt 40 Szenen aus der Heilsgeschichte und dem Leben Mariens.
Das Portal am nördlichen Querhausarm ist das Marienportal. Themen sind Leben, Tod und Himmelfahrt der Mutter Gottes. Zudem findet sich eine Figur Hiobs. Die Skulpturen entstanden zwischen 1220 und 1260, wobei die Konzeption vermutlich um 1220 erfolgte. Wie auch am südlichen Portal stammen die Figuren somit aus einer späteren Zeit, als die am Königsportal. Stilistisch verbinden sie sich mit den zur gleichen Zeit geschaffenen Figuren zum Beispiel in Reims, aber auch Naumburg oder Magdeburg. Die Figuren sind von den Säulen losgelöster und interagieren miteinander. Die Gewänder sind zum einen voluminöser, zum anderen sind die Körper der Figuren menschlicher und betonter. Nach 1270 werden die Gewänder die menschlichen Körper wieder soweit verhüllen, dass sie nicht mehr als menschliche Körper zu erkennen sind.
Das Portal des südlichen Querhauses zeigt ein sehr umfangreiches Programm, welches dem Jüngsten Gericht gewidmet ist. Zum Thema passend sind auch mehrere Heiligenfiguren zu sehen, so neben anderen die der heiligen Stephanus, Clemens, Laurentius, aber auch des heiligen Theodor.
Im Innenraum der Kathedrale zeigt sich, dass der Bau weitestgehend dem französischen Kathedralschema folgt. Es handelt sich um eine dreischiffige Basilika mit ebenfalls dreischiffigem Querhaus. Der Chor verfügt über einen doppelten Chorumgang, welcher von fünf Chorumgangskapellen begleitet werden.
Das Langschiff wurde 1220 vollendet und ist 28 Meter lang. Die ganze Kirche misst 130 Meter in der Länge und 64 Meter in der Breite. Das Mittelschiff ist mit 16,4 Metern das breiteste in Frankreich, wobei die Breite dadurch vorgegeben war, als dass sich der gotische Bau auf den Fundamenten des romanischen Vorgängers erhebt.
Der vertikale Aufbau ist dreigeschossig. Mit der Erfindung des Strebewerkes, welches von Außen das hohe Mittelschiff stützt, wurde die Emporen unnötig, die zum Beispiel in Laon für die Stabilität des ganzen Baus notwendig waren. Die nun fehlende Emporen ermöglichten es auch, die Gewölbedienste an den Mittelschiffspfeilern entlang bis zum Boden zu ziehen. Dadurch entstanden die typischen hochgotischen Bündelpfeiler, die zudem die vertikale Betonung der ganzen Gliederung des Baus zusätzlich betonen.
Das Mittelschiff ist bis zum Gewölbe 36,5 Meter hoch. Zu Zeiten des Baus war es das höchste Gewölbe überhaupt. Die Gewölbe sind vierteilig, wie in den frühesten Gewölben und nicht sechsteilig, wie in den frühgotischen Gewölben. Anders als die frühen Gewölbe sind die Joche jedoch nicht quadratisch, sondern wesentlich breiter als lang. Somit ergibt sich in West-Ost-Richtung ein dynamischerer Rhythmus, als er mit quadratischen Jochen möglich gewesen wäre.
Der Rhythmus des Mittelschiffs wird übrigens noch dadurch betont, dass die Mittelschiffspfeiler abwechselnd rund mit achteckigen Pfeilervorlagen und achteckig mit runden Vorlagen gestaltet sind.
Das unterste Geschoss und der Ober- oder Lichtgaden sind gleich hoch. Das sich zwischen ihnen befindliche Triforium ist noch nicht, wie es später üblich werden sollte, mit Fenstern versehen worden und deshalb dunkel.
Die Fenster des Lichtgadens sind als Doppelfenster ausgeführt und zeigen eine Vorform des Maßwerks, welches erst in Reims wirklich erfunden werden sollte. Die Fenster in den Obergaden des Querhauses zeigen Maßwerk. Sie sind aber auch erst – als einzige Bauteile der gesamten Kirche – später als im 12. Jahrhundert entstanden.
Sicherlich einer der größten Schätze der Kathedrale in Chartres sind die Fenster, die beinahe komplett mit Glasmalereien versehen sind und aus der Zeit zwischen 1215 und 1240 stammen. Es finden sich 186 Fenster mit einer Fläche von rund 6.700 Quadratmetern. 152 der Fenster sind original. Die restlichen entstammen einer Restaurierungsphase aus der Zeit um 1753.
Vorherrschender Farbton der Fenster in Chartres ist Blau. Ein Fenster, welches eine Madonna zeigt, bekam sogar den Namen Blaues Jungfrauen-Fenster.
Die drei großen Rosettenfenster in der Westfassade und in den Fassaden der Querhausarme zeigen das Jüngste Gericht (Westen), die Glorifizierung der Jungfrau (Norden) und die Glorifizierung Christi (Süden).
Ältestes Fenster ist des Westfenster unter der großen Rosette. Es überstand den Brand von 1194 und wurde um 1150 angefertigt.
Die Kathedrale von Chartres ist sicher einer der bedeutendsten Kirchenbauten überhaupt, die dem Besucher dank der erhaltenen Glasmalereien einen guten Eindruck über die Innenraumwirkung einer typischen Kathedrale geben kann. Auch deshalb steht die Kirche seit 1979 auf der UNESCO-Liste des Weltkultur-Erbes.
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