So manche Kirchengründung wird auf eine schöne Legende zurückgeführt. Auch in Hildesheim soll der Dom nicht einfach so gebaut worden sein, sondern an einem Ort, den die heilige Jungfrau persönlich ausgesucht haben soll. Und das kam so: zu Beginn des 9. Jahrhunderts soll Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, während einer Jagd in der Gegend des heutigen Hildesheim gewesen sein. Ludwig jagte natürlich nicht allein, sondern mit großem Gefolge. Sogar ein Marienreliquiar wurde mitgeführt. Nach einer Nacht Rast stellte man plötzlich fest, dass das Marienreliquiar am Rastplatz in einen Baum gehängt und dort „vergessen“ worden war. Ein Kaplan ritt sofort zurück, fand das Reliquiar tatsächlich noch im Baum hängend und versuchte es an sich zu nehmen. Doch der Baum ließ den Behälter nicht los. Da dies als das göttliche Zeichen angesehen wurde, beschloss Ludwig an diesem Ort eine Kapelle bauen und der Mutter Gottes weihen zu lassen. Der berühmte 1000jährige Rosenstock im Hof des Kreuzganges wird gerne mit dieser Gründungslegende verbunden.
In der Tat ist für den Ort des heutigen Domes eine Kirche nachweisbar, die vermutlich im 9. Jahrhundert entstand, wahrscheinlich aber nicht in einem Jagdrevier, sondern im auf dem Gelände einer kleinen Festungsanlage, die ungefähr die Fläche des heutigen Dombezirks einnahm.
Zwischen 815 und 875 ließ Bischof Altfried eine neue Kirche bauen, die von Bischof Godehard zwischen 1022 und 1038 umgebaut wurde. Ein Neubauprojekt im Bereich des Westteils musste 1051 wegen Einsturzgefahr eingestellt werden. Schließlich ließ Bischof Hezilo zwischen 1054 und 1079 einen Neubau errichten, der aber vor allem das Langhaus betraf. Hier verwandte Hezilo auch den westfälischen Stützenwechsel – zwei Säulen auf einen Pfeiler -, der wenige Jahre zuvor (1022) auch in St. Michaelis nur unweit von der Dombaustelle eingesetzt worden war. Der Westbau blieb aber so, wie er unter Godehard gebaut worden war. Zu der Zeit entstanden auch die ausgeschiedene Vierung, das Querhaus und der Chor. Neu errichtet wurde auch die Krypta, die zur Verehrung des, inzwischen wie als einen Heiligen angesehenen, Bischofs Godehard, gebaut wurde. Unter Bischof Bernhard kam zwischen 1118 und 1130 eine neue romanische Apsis hinzu, sowie der doppelgeschossige Kreuzgang, der nicht, wie so oft, südlich der Kirche, sondern östlich rund um die Apsis errichtet wurde. Zu der Zeit entstand auch ein Turm über der Vierung.
Vielleicht gab Bernhard auch dem Westbau seine endgültige Form, wie sie auf Abbildungen bis in das 19. Jahrhundert sichtbar ist. 1840 wurde das Westwerk allerdings auf Grund tatsächlicher oder angeblicher Baufälligkeit abgerissen und bis 1849 in ähnlicher, aber nicht gleicher Gestalt wieder errichtet.
Auch das Langschiff blieb nicht unverändert. Schon im 14. Jahrhundert brach man die Außenwände der Seitenschiffe auf und fügte Kapellbauten an. Bis 1412 erhielt der nördliche, zur Stadt gelegene Querhausarm, gleichfalls einen Anbau: das sogenannte Nordparadies, einen zweistöckigen Bau.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der Bernhardsche Vierungsturm durch einen barocken Bau ersetzt. Um 1720 Begann auch die komplette Umwandlung des Kircheninneren in einen barocken Festsaal mit vielen Verzierungen und reichlich Stuck. Schon im 19. Jahrhundert aber wurden die barocken Zutaten wieder entfernt, zum Schluss in der Krypta.
Am 22. März 1945 zerstörte ein alliierter Bombenangriff Hildesheim und beinahe den kompletten Dom. 1950 begannen die Wiederaufbauarbeiten, die mit der Weihe 1960 vorerst abgeschlossen werden konnten.
Der Hildesheimer Dom stellt sich uns heute als eine dreischiffige Basilika dar, die aus Werk- und Bruchsteinen erbaut wurde. Die Kirche verfügt über ein Querhaus, eine ausgeschiedene Vierung, ein Chorquadrat und eine Apsis. Das Langhaus entstand im Wesentlichen im Stil der Romanik, die Seitenschiffkapellen sind gotisch, das Westwerk reiner Historismus, der sich aber am frühromanischen Urbestand orientiert.
Allerdings könnte das Stufenportal im Westbau noch aus dem romanischen Bau des Hezilo stammen und ursprünglich die Vorhalle unter dem Westbau und das Kirchenschiff verbunden haben. Hier befindet sich auch die berühmte Bronzetür des Bernward.
Das Äußere des Domes in Hildesheim wird seit dem späten Mittelalter maßgeblich durch die gotischen Seitenschiffkapellen bestimmt. Die beiden westlichsten dieser Kapellen sind sowohl auf der Nord- als auch auf der Südseite als Eingangshallen gestaltet. Im Süden betrifft das auch die östlichste Kapelle. Im Norden erfolgt der Zugang durch das Nordparadies, vom dem man direkt in das Querschiff gelangt.
Das Nordparadies wird in seiner Fassade durch drei monumentale Fenster gegliedert, die das obere Geschoss des Baus beleuchten, welcher im Innern zum Kirchenschiff geöffnet ist. An der Fassade des Nordparadieses finden sich die Skulpturen der Mutter Gottes und der beiden Dompatrone Epiphanius und Godehard.
Auch das Nordportal im gotischen Kapellenanbau zeigt Figurenschmuck. Hier sind die schon genannten Dompatrone und zusätzlich der Bischof Bernward zu sehen. Ergänzt werden die Figuren durch eine Verkündigungsgruppe.
Der heutige Vierungsturm ist ein Werk der 50iger Jahre des 20. Jahrhunderts. Er zeigt barocke Formen.
Die Innenausstattung des Hildesheimer Domes hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, da sie ausgelagert war. Jedoch wurde der Dom nicht in gleicher Weise wiederaufgebaut, wie er vor dem Krieg gewesen war. Die entscheidende Änderung betrifft den Hauptaltar, der unter die Vierung gerückt wurde, wo ursprünglich das Chorgestühl stand. Hier waren auch Chor und Vierung gegen das Langschiff durch einen Renaissance-Lettner abgeschlossen, der nach 1945 nicht wieder eingebaut wurde.
Unter dem Haupt- oder Hochaltar befindet sich der Reliquienschrein der Dompatrone. Er wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts geschaffen. An den Schmalseiten des Schreins sind sechs der Patrone abgebildet. Die Längsseite zeigt auf der einen Seite das Gleichnis der klugen und der törichten Jungfrauen und auf der anderen Seite die Talente.
Über dem Altar hängt die berühmte Lichterkrone, ein großer Radleuchter mit sechs Metern Durchmesser, der das himmlische Jerusalem symbolisieren soll. Der Radleuchter wurde 1061 von Bischof Hezilo gestiftet.
Am Eingang zum Hochchor steht die Skulptur der Tintenfassmadonna vom Anfang des 15. Jahrhundert. Sie erinnert daran, dass der Dom der heiligen Jungfrau geweiht ist. Ein Lesepult im Chor, welches – wie so oft – einen Adler zeigt, entstand im 13. Jahrhundert.
In der Georgskapelle, die vom nördlichen Seitenschiff abgeht, steht eine großes Taufbecken aus Bronze, welches um 1225 nach einer Inschrift von einem Wilburnus gestiftet worden war. Die Reliefs der sogenannten Fünte zeigen Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, die vier Evangelisten, vier Propheten, Tugenden und als Trägerfiguren, die vier Paradiesflüsse.
Im Westbau befindet sich die Bernwardstür, eines der bedeutendsten Kunstwerke aus der Zeit der Frühromanik. Die Tür, die aus zwei jeweils 4,72 Meter hohen Flügeln besteht, wurde von Bischof Bernward gestiftet und entstand 1015. Beide Flügel wurden jeweils in einem Stück gegossen.
Auf den Bildfeldern sind Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament zu sehen. Der Flügel des Alten Testaments beginnt oben mit der Beseelung Adams und endet unten mit dem Brudermord Kains an Abel. Der Flügel des Neuen Testaments zeigt unten die Verkündigung an Maria und endet oben mit der Auferstehung Christi. In der Auferstehung überwindet Christus die Schuld der ersten Menschen. So schließt sich der Kreis.
Ursprünglich waren die Bildfelder nach Außen gerichtet. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Türflügel umgekehrt wieder eingehängt, um die Bildseiten zu schützen.
In der Vorhalle des Doms befindet sich auch eine mittelalterliche Pietà. Die Orgel stammt aus dem Jahr 1989, das Prospekt aus den 1960igern.
In den Kapellen des südlichen Seitenschiffes finden sich einige Kunstwerke der ehemaligen barocken Ausstattung, so unter anderem der einzige weitestgehend erhaltene Altar aus dieser Epoche im Dom.
Die zweite große Stiftung des Bernward, die Christussäule, befindet sich im südlichen Querhaus. Es ist gleichfalls ein Bronzeguss, der ursprünglich für den Ostchor von St. Michaelis geschaffen wurde, 1810 aber in den Dom umziehen musste, angeblich, da St. Michaelis seit 1542 die evangelische Stadtpfarrkirche von Hildesheim war und man das Einschmelzen der Säule befürchtete. Wie auch immer: die Protestanten ließen die Säule ziehen.
Vorbild der Hildesheimer Christussäule, die 1024 entstand, ist die antike Trajanssäule in Rom. Wie auf dieser, so ziehen sich die Bilder über der Basis beginnend auf einem Bildband spiralförmig um den Säulenschaft herum nach oben. In 24 Szenen wird das Leben Jesu dargestellt, beginnend mit der Taufe, fortfahrend über das Wunderwirken Christi und endend mit dem Palmsonntag, dem Einzug Jesu in Jerusalem (Palmsonntag).
Das Kapitell ist eine Neuschöpfung aus dem 19. Jahrhundert. Die Basis jedoch ist original und zeigt die vier Paradiesströme. Somit kann die Säule auch als Baum des Lebens gesehen werden.
Unweit der Christussäule befindet sich in der Peter-und-Paul-Kapelle das ursprünglich in der Krypta befindliche Gnadenbild des Doms, eine Madonna aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts.
Die Krypta selbst ist von Norden und von Süden her betretbar. Abgeschlossen wird sie auf beiden Seiten von zwei schmiedeeisernen Gittern, die um 1400 entstanden und mit ihren Ranken, Kreuzen und Blumen ein herrliches Beispiel für die Schmiedekunst des Spätmittelalters bieten.
In der Krypta befinden sich die Reliquien des Godehard (auch Gotthard genannt) in einem Reliquienschrein, der an der Stelle der alten Grabstätte des Bischofs steht. Der Reliquienschrein entstand wohl schon kurz nach der Erhebung der Gebeine des verehrten Bischofs um 1140 und stellt somit einen der ältesten erhaltenen Reliquienschreine des Mittelalters dar. Die Formensprache der Figuren befindet sich in der Tradition Roger von Helmershausens.
Auf der Stirnseite des Reliquienschreins ist Christus als Majestas Domini zu sehen, begleitet von Maria und Johannes dem Täufer. Auf beiden Längsseiten thronen die zwölf Apostel, womit die Darstellung des Jüngsten Gerichtes ersichtlich ist. Auf der anderen Stirnseite ist eine Figur des Godehard zu sehen.
Im Dommuseum befinden sich zahlreiche weitere Goldschmiede- arbeiten, Bronzegüsse, Seidenstoffe und Handschriften. Der Reichtum des Museums war einer der Gründe, der die UNESCO 1985 bewegte, den Dom gemeinsam mit der St. Michaeliskirche auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen.
Im Osten an die Kirche schließt sich der doppelgeschossige Kreuzgang an. Er umschließt einen Innenhof, der über mehrere Jahrhunderte als Begräbnisstätte genutzt wurde. Im Hof steht auch die St. Annenkapelle, die im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts errichtet wurde.
Direkt an den Südflügel des Kreuzgange schließt die romanische Laurentiuskapelle an, die Anfang des 12. Jahrhunderts entstand, im Spätmittelalter verändert wurde und heute die Domsakristei beherbergt. An den Wänden des Kreuzganges finden sich Grabplatten, wobei die ältesten noch aus dem 12. Jahrhundert sind.
Östlich an den Kreuzgang schließt die St. Antoniuskapelle an, die 1440 errichtet wurde und im 17. Jahrhundert für das Jesuitenkolleg ausgebaut worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kapelle nur vereinfacht wieder aufgebaut. Die Kapelle enthält heute als eine Art Altarrückwand den Renaissance-Lettner des Doms. Der zweistöckige Lettner wurde vor 1546 von Johannes Brabener, gen. Beldensnyder geschaffen. Seine Bildreliefs zeigen Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament auf beiden Lettner-Seiten. Das vergoldete Gitter, welches einst Chor und Langhaus trennte, stammt aus dem 17. Jahrhundert.
In der Antoniuskapelle befindet sich auch der andere mittelalterliche Radleuchter in Hildesheim. Der Radleuchter entstand im 11. Jahrhundert und soll wie sein größerer und ältere Vetter im Dom gleichfalls das Himmlische Jerusalem symbolisieren.
An die Apsis des Domes schmiegt sich von außen der 1000jährige Rosenstock. Obwohl auch der Rosenstock durch die Bomben schwer beschädigt worden war, soll er schon 1945 wieder ausgeschlagen haben und so auf die Dauerhaftigkeit auch des Doms verwiesen haben.

