Keine Kleckertürmchen: Sagrada Familia in Barçelona

22. Oktober 2007

Sagrada Familia, Weihnachtsfassade (Foto: Marek Holub)Eine Bauzeit über mehr als hundert Jahre war im Mittelalter keine Seltenheit. Einige Kirchen wurden sogar erst weit in der Neuzeit abge- schlossen, wie zum Beispiel der allseits beliebte Kölner Dom. Dass aber ein Kirchenbau in der Neuzeit, zumal kurz vor 1900 begonnen, immer noch nicht fertiggestellt werden konnte, ist dann doch eine Seltenheit. Eine der Hauptgründe dürfte wohl sein, dass die Sagrada Familia in Barcelona eine sogenannte Votivkirche ist und somit nur aus Spenden finanziert werden soll. Doch obwohl der Temple Expiatori de la Sagrada Familia (Sühnekirche der Heiligen Familie) noch weitgehend unvollendet in der katalanischen Metropole steht, so ist die Kirche mit über zwei Millionen Besuchern allein 2004 wahrscheinlich die berühmteste und bestbesuchteste Baustelle der Welt.

Die Idee für den Bau und auch für seine Finanzierung entsprang dem Geist des religiösen Buchhändlers und Verfassers christlicher Schriften José Mariá Bocabella y Verdaguer. Erster Architekt war auch der Architekt der Diözese, Francisco del Villar, der einen recht schlichten Entwurf im Stil des Historismus ablieferte. Grundsteinlegung war am 19. März 1882. Schon ein Jahr später überwarf sich jedoch der Auftraggeber mit seinem Architekten und Antonio Gaudí kam zum Zug.

Kaum ein Architekt lässt sich so sehr mit nur einer Stadt verbinden, wie Gaudí mit Barçelona. Der 1852 geborene Gaudí hat in Barçelona eine ganze Reihe von Bauwerken im neukatalanischen Stil hinterlassen, die der Stadt aufgrund ihres stupenden Formenreichtums die Tourismuswerbung erheblichen erleichtern.

Gleich nachdem Gaudí die Leitung der Bauarbeiten an der Sagrada Familia übernahm, änderte er auch die Pläne grundlegend. Statt des schlichten historistischen Baus sollte nun eine gigantische Kirche im neukatalanischen Stil entstehen. Die kommenden 43 Jahre sollte sich Antonio Gaudí mit seiner Kirche beschäftigen, seine letzten 15 Lebensjahre sogar ausschließlich.

Sagrada Familia, Westseite mit Langschiff (Foto: Sergi Larripa)Trotz der neukatalonischen Ausrichtung atmet die Sagrada Familia doch in seiner Grundordnung, Raumaufteilung und Linienführung den Geist der Gotik. Über einem kreuzförmigen Grundriss aus 90 Meter langem und 15 Meter breitem fünfschiffigem Langhaus und 60 Meter langem und 7,5 Meter breitem dreischiffigem Querhaus erhebt sich eine Basilika mit erstaunlich vielen Spitzbögen, Maßwerk und Gewölben. Zudem verfügt die Kirche über eine Vierung und eine Apsis. Was die gotische Ordnung etwas stört, ist die Krypta.

Von Beginn an verliefen die Bauarbeiten nur recht schleppend, was sicherlich auch an der anspruchsvollen Finanzierung lag. Als Gaudí 1926 durch einen Unfall starb, waren nur wenige Bauteile vollendet, so zum Beispiel die vier Türme über der Fassade des östlichen Querhauses.

Die vier Türme sollen vier Aposteln gewidmet sein. Das deutet bereits darauf hin, dass noch acht weitere Aposteltürme geplant waren, von denen heute auch die über der Fassade des östlichen Querhauses abgeschlossen sind. Es fehlen noch vier Apostel über der südlichen Fassade, welches später die Hauptseite sein soll.

Neben den zwölf Aposteltürmen, die zwischen 90 und 112 Meter erreichen, sind noch vier höhere Türme geplant, die den vier Evangelisten gewidmet sein werden. Und noch zwei Türme finden sich auf dem Plan: zum einen der Turm Mariens im Osten der Vierung. Die Krönung aber wird der Jesus-Christus-Turm, der, wenn er einmal fertig sein sollte, 170 Meter erreichen könnte und somit der höchste Kirchturm der Welt wäre. Gaudí plante den Turm übrigens rund einem Meter niedriger als den Montjuïc, den Hausberg Barçelonas. Er, so Gaudí, wolle nichts höheres schaffen, als Gott selbst.

Sagrada Familia, Detail aus der Passionsfassade (Foto: Arnaud Gaillard)Am Beispiel des Turmes der Maria lässt sich auch zeigen, welche Schwierigkeiten den Bau heute noch erschweren. Als 1935 der spanische Bürgerkrieg ausbrach, stoppten die Bauarbeiten zunächst gänzlich. In den Wirren des Krieges gingen wohl auch sämtliche Baupläne Antonio Gaudís verloren, sodass die Architekten, die ab 1950 die Bauarbeiten fortsetzten, sich auf die „mündlich überlieferten“ Pläne des Architekten stützen mussten und müssen. Nun galt der Marienturm lange als höher beabsichtigt, als die Evangelisten. Jüngste Funde in einer Bibliothek ließen nun den Verdacht keimen, dass die Evangelisten höher als Maria werden müssten.

Da zu Gaudís Tod nur wenige Bauteile abgeschlossen waren und auch noch die Originalpläne verloren gingen, konnte, kann und wird wohl auch in Zukunft vieles nachgeschöpft werden müssen. Das wird jetzt schon deutlich an den Schaufassaden an den beiden Querhausarmen. Die östliche Fassade, die Weihnachtsfassade, wurde im Wesentlichen noch zu Lebzeiten des Architekten fertig, auch wenn sie erst 1935 abgeschlossen werden konnte. Sie zeigt wohl am ehesten den Einfluss des Meisters und den neukatalanischen Stil. Es bordet über vor Dekorelementen. Die erst nach 1976 vollendete Passionsfassade auf der Westseite hingegen, zumindest was die Figurenausstattung betrifft, zeigt einen deutlich schlichteren Stil und kaum Verzierungen. Dafür bilden sechs schräg stehenden Pfeiler einen Raum um die Fassade, der auf der Ostseite so nicht zu finden ist und wohl noch zu Lebzeiten des Architekten fertig war. Auch die Aposteltürme der Westseite waren erst in den siebziger Jahre vollendet. Die bestehenden acht Türme zeigen übrigens farbenfrohe Spitzen, die mit sakralen Symbolen, Tiermotiven und kleinen goldenen Kreuzen geschmückt sind. In ihrer Form sollen die Türme an den Krummstab eines Bischofs erinnern.

Sagrada Familia, Langhausinneres mit Gewölbe (Foto: Paolo da Reggio)

Erst in jüngster Zeit begonnen wurde die Hauptfassade der Kirche, die Fassade der Herrlichkeit. Sie soll dereinst aus 21 Pfeilern und elf Portalen bestehen. Die Portale sollen in den Kreuzgang führen, der um die ganze Kirche herum angelegt werden soll, in zwei Kapellen, die den Sakramenten geweiht werden oder das Baptisterium enthalten sollen, sowie in das Kirchenschiff. Auch über dem Südportal sollen vier Aposteltürme entstehen.

Aktuell sind neben den acht Aposteltürmen die Krypta und die Apsis mit sieben Seitenkapellen komplett fertig. Auch das Langhaus ist schon beinahe vollständig eingewölbt und von Wänden umgeben. Wenn 2008 das Dach über Langhaus fertig gestellt sein wird, soll die Kirche geweiht werden, weil dann erstmals ein abgeschlossener Raum besteht. Der Innenraum wird übrigens nicht nur durch die Gewölbe, sondern auch von den vielen Säulen geprägt, die Bäume symbolisieren sollen. An den oberen Enden sollen dann die Gewölberippen die Äste darstellen. Sogar das Blätterdach ist angedeutet.

Seit 1980 werden auch Computer bei der Planung eingesetzt. Zu der Zeit stellte sich auch heraus, dass nunmehr kaum noch mit industriell vorgefertigten Bausteinen gearbeitet werden kann, sondern alle Werkstück individuell nachbearbeitet und eingepasst werden müssen. Dieser Umstand wird die Kosten des Baus weiter erhöhen.

Sagrada Familia, Baustellen von Norden (Foto: Year of the dragon)

2026, dem hundertsten Todestag von Antonio Gaudì, soll alles fertig sein. Bis dahin wurden schon einmal die Krypta und das Weihnachtsportal, welche entweder zu Lebzeiten des Architekten oder kurz darauf fertig waren, von der UNESCO auf die Welterbeliste gesetzt, gemeinsam mit den anderen Arbeiten von Antonio Gaudí. In der 120 Quadratmeter großen Krypta hat Gaudí in einer der sieben dort befindlichen Kapellen, der Heiliger-Christus-Kapelle, auch sein Grab gefunden. Auch Bocabella y Verdaguer ruht hier unten.

Ob die Kirche bis 2026 tatsächlich fertig wird, liegt maßgeblich an den Spendern. Heute sind das vor allem konservative katholische Gruppen und Japaner. Kein Hindernis dürften vermutlich Kritiker sein, die mehrfach den Fortgang der Bauarbeiten stoppen wollten, wobei die Gründe eher prinzipiell waren als ästhetisch, obwohl es immer wieder Menschen gegeben haben soll, die der Kirche das Aussehen einer Sandburg mit Kleckertürmchen bescheinigten.

Sollte die Sagrada Familia in 19 Jahren vollendet sein, hätten die Bauarbeiten 144 Jahre gedauert. Antonio Gaudí selbst nahm die ständigen Verzögerungen gefasst auf. „Mein Kunde hat keine Eile“, sagte er und es ist wohl eindeutig, wenn der gläubige Architekt meinte.

Sagrada Familia

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