Echt ottonisch: Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode
27. Oktober 2007Auch um das Jahr 1000 gab es in Europa eine Art High Society. Beschränkte sich diese auch auf eine kleine Schicht der herrschenden Feudalherren und den gehobenen Klerus, so gab es doch nichtsdestotrotz auch so etwas wie gesellschaftliches Leben. Die Fürsten führten nicht nur Krieg gegeneinander, sondern sie besuchten sich auch. Deren Ehefrauen war zwar in der Regel die Macht vorenthalten, aber sie hatten wichtige repräsentative Pflichten zu erfüllen. Eine der gängigen Wege, die jungen Damen für ihre Aufgaben fit zu machen, war es, sie bis zu ihrer Heirat in ein Damenstift zu geben, indem sie alles notwendig lernen konnten. Praktischerweise waren so auch jene Damen versorgt, für die kein Ehemann gefunden werden konnte. Eines jener Damenstifte stand auch im kleinen Nordharz-Städtchen Gernrode.
Gegründet wurde das Damenstift von Markgraf Gero im Jahre 961. Sein Beweggrund war das absehbare Aussterben seines Geschlechtes. Geros Sohn Siegfried war im selben Jahr kinderlos gestorben. Durch das Frauenstift erhoffte sich Gero das tägliche Gebet für sich und seine Familie auch noch in Jahrhunderten.
Gero war eine wichtige Stütze des sächsischen Königs Otto I. So bekam die Stiftung schon im Gründungsjahr königlichen Schutz. Auf einer Reise nach Rom erreichte Gero auch ein päpstliches Privileg, sodass das Stift dem Zugriff des Bischofs von Halberstadt entzogen war. Aus Rom brachte Gero auch eine Armreliquie des heiligen Cyriakus mit, dem die Stiftskirche daraufhin geweiht wurde.
Erste Äbtissin wurde Hathui, die Schwiegertochter Geros und Witwe seines Sohns Siegfried. 55 Jahre lang versah sie ihr Amt. Ihr folgten 34 weitere Äbtissinnen. Als Hathui im Jahre 1014 starb, dürfte auch die Stiftskirche vollendet gewesen sein. Man sieht es dem Kirchlein heute vielleicht nicht mehr an, aber die Stiftskirche St. Cyriakus ist sicherlich eines der bedeutendsten ottonischen Baudenkmäler und auch eines der besterhaltenen.
Von außen präsentiert sich die Stiftskirche als ein recht schmuckloser Bau aus Bruch- und Quadersteinen über dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Während die Kirche wohl schon vor dem Jahr 1000 abgeschlossen gewesen sein dürften, entstand der Westchor mit dem Westwerkriegel und der Apsis erst um 1130.
Im Westen dürfte ursprünglich auch das Hauptportal gewesen sein. Gleichzeitig mit der Errichtung des Westchores, wurde der Eingang in die Nord-West-Ecke verlegt. Dort betritt man heute die Kirche durch ein schlichtes, zweifach zurückgetrepptes Portal mit einem schmucklosen Tympanon. Auffällig sind hier über dem Portal zwei Löwenfiguren aufgestellt. Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, das sich die Löwen menschliche Masken vor die Gesichter halten und ihren Schweif zwischen den Beinen verstecken. Es sind also keine Löwen, sondern Dämonen. In der mittelalterlichen Vorstellung konnten Dämonen ihre Spiegelbild nicht sehen. Die Löwen am Portal sollten die Dämonen also davon abhalten, die Kirche zu betreten. Die Dämonenfiguren wurden von oberitalienischen Steinmetzen in der Mitte des 12. Jahrhunderts geschaffen.
Im Innern zeigt sich die Kirche im Langhaus als eine dreischiffige Basilika mit Emporen. Die Seitenschiffe öffnen sich durch Doppelarkaden zum Mittelschiff. Da hier auf eine Säule ein Pfeiler folgt, wird vom rheinischen Stützenwechsel gesprochen. Allerdings gibt es nur einen Pfeiler pro Seite, die das Langhaus in zwei Joche unterteilen. Da die Säulen höher sind, als die Pfeiler, wirken die Arkaden recht dynamisch. Zudem zeigen die Kämpferplatten der Säulen ein optisch entlastend wirkendes Winkelmotiv. Die Kapitelle selbst zeigen Akanthusblätter und –blüten; ein antikes Motiv, welches hier ottonisch, also etwas grob, umgesetzt wurde. Das Kapitell der südwestlichsten Säule zeigt auch kleine Gesichter, der Bedeutung nicht bekannt ist.
Die Emporen, die begehbar sind, befinden sich über beiden Seitenschiffen auf der ganzen Länge des Langhauses. Zum Mittelschiff hin sind sie durch jeweils zwölf Säulenarkaden geöffnet, wobei jeweils zwei Säulen durch einen Überblendbogen zusammengefasst werden. Über dem Pfeiler der Mittelschiffsarkaden befindet sich auch an den Emporen ein Pfeiler, der die Unterteilung der Mittelschiffswand in zwei Hälften optisch noch verstärkt.
Die Kapitelle der Emporensäulchen zeigen typische ottonische Trapezkapitelle. Die Emporen öffnen sich zum Querschiff durch eine Doppelarkade. Die Kapitelle der dortigen Säulchen haben schon eine frühe romanische Würfel-Form.
Die Funktion der Emporen ist nicht sicher belegt. Vielleicht saßen hier die Stiftsdamen während der Gottesdienste. In der Hochzeit des Stiftes gab es ihrer 24. Der Chorraum selbst war den Geistlichen vorbehalten, das Gesinde des Stiftes stand vermutlich im Mittelschiff. Vermutlich gab es anstelle des Westchores eine Westempore.
Die Emporenbasilika, wie sie in Gernrode erhalten ist, war ein typischer und alter Kulturraumtyp des christlichen Orients. Früher gab es auch Beispiele in Hildesheim und in Quedlinburg. Eine Zeit lang wurde angenommen, Theophanu, die byzantinische Gattin Kaiser Otto II., die 973 auch in Quedlinburg weilte, könnte den Kirchentyp aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Heute sind Emporenbasiliken nachgewiesen, die längst vor Ankunft der byzantinischen Prinzessin bestanden haben, obwohl die Raumform unzweifelhaft byzantinisch ist.
Die Fenster im Obergaden, sieben einfache Rundbogenfenster auf jeder Seite, sind recht unsymmetrisch verteilt und zeigen keinen Bezug zu Emporenarkaden und Mittelschiffsarkaden. Die kompletten Mittelschiffswände sind fast quadratisch. Dadurch entfaltet das Längsschiff kaum eine Längenwirkung.
Die ganze Kirche ist mit einer hölzernen Decke versehen. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde von Ferdinand von Quast entworfen. Von Quast war oberster preußischer Denkmalkonservator und hatte die Kirche 1859 in einem beklagenswerten Zustand übernommen. Das war vor allem eine der Folge des Verkaufs des gesamten Stiftsbereiches an einen Herren, der die Kirche säkularisierte und sämtliche Gebäude für die Landwirtschaft nutzte.
Eine fürstliche, landwirtschaftliche Domäne war das Stift jedoch schon 1619 geworden, nachdem die letzte Äbtissin verstorben war. Die Reformation erreichte das Damenstift 1521, als die Äbtissin Elisabeth von Weida den evangelischen Glauben einführte.
Ferdinand von Quast ließ die Stiftskirche bis 1865 restaurieren. Zu der Zeit kam auch die neue Decke hinzu. Die Malereien an der Decke sind teilweise auf Papier gemalt und anschließend aufgeklebt worden. Das Programm entspricht der mittelalterlichen Vorstellungswelt. Von Westen nach Osten sind zuerst Tiergestalten, die das Paradies symbolisieren, dann Patriarchen und Propheten des Alten Testaments dargestellt. Über der Vierung finden sich die zwölf Apostel, im Hohen Chor eine Darstellung des Paradieses mit Engeln.
Die Vierung der Stiftskirche St. Cyriakus scheint ausgeschieden zu sein, doch der Eindruck täuscht. Ursprünglich war das Querhaus durchgehend, eine typisch karolingische Situation. Die Bögen ließ erst Ferdinand von Quast einbauen.
Die Emporen in den Querhausarmen stammen aus dem 12. Jahrhundert. Sie wurden eingebaut, als die Zahl der Kanonissen auf zwölf sank und der Platz in den Querhausarmen ausreichte. 1358 wird erstmals erwähnt, dass auf dem der Nord-Querhausempore ein Zither, also eine Schatzkammer, eingebaut wurde. Zu der Zeit gab es nur noch acht Stiftsdamen. Für sie gab es aus der Klausur einen eigenen Zugang zur Süd-Querhaus-Empore.
Der Hohe Chor im Osten erhebt sich neun Stufen über dem Mittelschiff. Die Apsis ist voll ausgebildet. Während der Restaurierung des 19. Jahrhundertes fanden sich Reste einer Bemalung aus dem 13. Jahrhundert. Es handelt sich um die stark restaurierten oberen Teile in der Apis, die Christus als Weltenherrscher zeigen. Darunter befinden sich Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert. Sie zeigen die heiligen Cyriakus, Metronus, Paulus, Petrus und Stephanus. In der Reihe darunter sind Gero, seine Söhne Siegfried und Gero, ein Brudes des Grafen und ganz unten, ganz außen die erste Äbtissin des Stifts, Hathui, zu sehen.
Im Chor steht auch die Grabtumba des Stifter Geros. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert. Auf der Deckplatte befindet sich eine Liegefigur Geros, die vielleicht von einem Künstler aus der Schule Riemenschneiders stammen könnte. An den Seitenfläche der Tumba sind Reliefs, die Heilige darstellen. Die Kanzel der Kirche stammt gleichfalls von Ferdinand von Quast und passt sich stilistisch an das Ältere an.
Die Ostkrypta ist der älteste Teil der Kirche. Es handelt sich um eine der ersten Hallenkrypten in Deutschland mit einem dreischiffigen Tonnengewölbe mit drei Quertonnen. So entstehen Stichkappen, die das Gewölbe zu einem Vorläufer des in Romanik entstandenen Kreuzgratgewölbe werden lassen. In einer Nische im Westen stand früher die Armreliquie des heiligen Cyriakus.
Bedeutendstes Kunstwerk der ehemaligen Stiftskirche ist das Heilige Grab im südlichen Seitenschiff. Die älteste urkundliche Überlieferung stammt zwar erst aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, jedoch wird es zwischen 1080 und 1130 entstanden sein. Somit ist das Heilige Grab von Gernrode die älteste und genaueste Darstellung eines Grabes Christi in Deutschland.
Es handelt sich bei dem Heiligen Grab um eine Doppelkammeranlage. Der Eingang war ursprünglich im südlichen Querhaus, musste aber nach Norden verlegt werden, als die Empore dort eingebaut wurde. Neben dem Eingang befand sich eine Darstellung des Jüngerlaufes – Petrus und Johannes laufen zum Grab, von dem sie gehört haben, dass es leer sein soll. Die beiden Figuren sind verloren gegangen. Noch vorhanden ist das umgebende Fries, welches unter anderem die Evangelisten-Symbole zeigt.
Das Feld neben dem Jüngerlauf ist besser erhalten. Es ist in neun Felder unterteilt. Zu sehen sind das Noli-me-tangere, also Maria Magdalena, wie sie dem Auferstandenen begegnet.
Die Hauptschau-Wand ist und war die Westseite. Im Zentrum steht die trauernde Maria Magdalena. Sie wird flankiert von zwei Säulen. Zwei Rahmen umgeben die Szene. Der äußere zeigt Fisch- und Schlangenköpfe sowie in den Achsen Masken. Die figürlichen Darstellungen werden durch Ranken verbunden. Der äußere Rahmen ist etwas nach innen gekippt. Dadurch gewinnt das Bild an Tiefe.
Der innere Rahmen ist ein Panoptikum mittelalterlicher Vorstellungswelt. In der unteren Hälfte wurzelt ein Lebensbaum, der sich um das zentrale Bildfeld rankt. Über dem Mittelbild wird der Lebensbau durch das Gotteslamm gekrönt. In den Ecken stehen Johannes der Täufer und vielleicht ein Prophet.
Im Innern des Heiligen Grabes finden sich zwei annähernd quadratische Räume. Die Hauptkammer – die eigentliche „Grabkammer“ enthält eine Darstellung der Drei Marien, wie sie mit Salbtöpfen am Ostermorgen zum Grab gehen. In der westlichen Nische steht eine überlebensgroße Figur in einem Bischofsgewand. Es wird sich wahrscheinlich um den Auferstandenen handeln, der hier auch als Guter Hirte dargestellt wird.
Im Grab haben sich Reste einer Bemalung erhalten. Ende des 15. Jahrhunderts wurden alle Wände rötlich bemalt. Einzeldarstellungen und der Mosaikfußboden sind nur teilweise erhalten.
Im Langhaus von St. Cyrikus steht noch ein romanischer Taufstein, der aus einer abgebrochen Kirche in Alsleben an der Saale stammt. Er wurde hier 1865 von Ferdinand von Quast aufgestellt und zeigt auf acht Bildseiten Christus als Weltenherrscher, zwei Engel, den Jünger Johannes, eine Kreuzigung, Maria sowie die Himmelfahrt.
Westapsis und Westchor sind erst um 1130 entstanden. Die Westkrypta ist dreischiffig. Zehn Säulen tragen ein Kreuzgratgewölbe. Die Krypta ist dem heiligen Metronus geweiht, der außer in Gernrode nur noch im oberitalienischen Verona verehrt wird.

Die Wandmalereien in der Westapsis stammen aus der Restaurierungsphase des 19. Jahrhunderts und zeigen Christus als Weltenrichter und das dazugehörige Jüngste Gericht.
Der Orgelprospekt ist wie die Kanzel und die Decke nach einem Entwurf von Ferdinand von Quast entstanden. Dabei wurde der Prospekt geteilt, damit die Malereien in der Westapsis aus dem Langhaus sichtbar bleiben. Inzwischen wurden Orgelwerk und Pfeifen mehrfach ausgewechselt, doch damals wie heute sind die 600 Pfeifen des Prospektes stumme Schaupfeifen.
Nicht nur im 19. Jahrhundert erfolgten größere Restaurierungen. 1907 erschien den Verantwortlichen der Zustand der Westtürme derart fragil, dass sie bis 1910 den Westbau komplett niederholten um ihn nach der Anfertigung eines neuen Fundaments Stein für Stein wieder zusammenzusetzen. Von 1960 bis 1984 erfolgte die Restaurierung des Stiftshofes und der Stiftsgebäude.
Vom Stiftshof bietet sich auch der schönste Blick auf die Kirche St. Cyriakus. An der Südseite der Kirche hat sich noch der komplette doppelstöckige Kreuzgangflügel erhalten. Auffällig an der Querhausfassade und im Chorquadrat sind die jeweils eingesetzten drei Fenster. Sie symbolisieren wahrscheinlich die heilige Dreifaltigkeit.
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