Mehr als ein schiefer Turm: Piazza del Duomo in Pisa
9. November 2007Auch Pisa ist eines dieser sympathischen Städtchen, die es überall in Europa gibt und denen man heute kaum noch ansieht, dass noch sie im Mittelalter zu den bedeutenderen und mächtigeren Städten gehört haben. Doch noch im 12. Jahrhundert war die rund 88.000-Einwohner-Stadt eine der führenden Seemächte am Mittelmeer. Eine verlorene Seeschlacht gegen den Konkurrenten Genua und schließlich die Eroberung durch Florenz beendeten Pisas Vormachtstellung. Nichtsdestotrotz gelang es den Pisanern eine der beeindruckendsten Ansammlungen sakraler Gebäude überhaupt zu errichten, von denen der Schiefe Turm von Pisa nur das berühmteste unter lauter Berühmtheiten ist.
Beinahe ebenso bekannt ist der Dom von Pisa, der auf Italienisch Santa Maria Assunta heißt, womit die Kirche Mariä Himmelfahrt geweiht ist. Der Dom steht gemeinsam mit dem Turm, der eigentlich sein Glockenturm, sein Campanile, ist, und dem Baptisterium sowie dem Camposanto Monumentale auf oder an der Piazza del Duomo, einer großen Rasen begrünten Freifläche.
Die Bauzeit des Doms dauerte über 200 Jahre. Er besteht beinahe durchgehend aus Carrara-Marmor und zeigt eine recht einheitliche Gestaltung. So wurde die Kirche zum Vorbild späterer Bauten in Florenz, in Siena und auch an anderen Orten. Begonnen wurde der Bau im Jahre 1063 auf einem Schwemmboden in der Nähe der Stadtmauer. Finanziert wurden die Bauarbeiten durch Schätze, die im Jahr zuvor von den Sarazenen erobert worden waren. Die Pisaner hatten die Sarazenen während einer Seeschlacht vor Palermo vernichtend geschlagen.
Noch heute finden sich in der Kirche oder im Dom-Museum bronzene Kunstgegenstände, die ihren Ursprung aus der islamischen Kunst nicht verleugnen können, so auch ein Greif.
Der Dom von Pisa zeigt einen kreuzförmigen Grundriss, der in Italien 1063 noch neu war. Über dem Grundriss erhebt sich eine fünfschiffige Basilika mit einer Kuppel über der Vierung. Das Querschiff ist dreischiffig. Die Kuppel selbst ist elliptisch, erhebt sich aber über einen achteckigen Tambour. Sie kam erst 1380 hinzu und ist somit im Stil der italienschen Gotik ausgeführt. Architekt war Lupo di Gante.
Schaut man sich die Steine des Domes genauer an, so kann man überall am Gebäude Zeichen sehen, die völlig ohne Bedeutung sind. Der Bau wurde nämlich aus Steinen zusammen- gesetzt, die zuvor schon in anderen Gebäuden eingesetzt waren. Die Pisaner haben offensichtlich in den von ihnen eroberten Orten Bauten geschleift, um die Steine nicht nur kostengünstig sondern auch symbolisch weiter zu verwenden.
Die Westfassade der Kirche stammt vom Ende des 12. Jahrhunderts und wurde von einem Künstler namens Rainaldo geschaffen. Sie entstand im Stil der Pisaner Gotik, die von hier ausgehend, Vorbild für die ganze Toskana wurde. Die Fassade besteht aus sieben Blendarkaden im Portalgeschoss. Darüber befinden sich vier Etagen mit Loggien, die von insgesamt 52 Säulchen gebildet werden.
Oben auf dem Giebel der Westfassade steht die Madonna col bambino, eine Madonna mit Kind, geschaffen von Andrea Pisano (um 1290 – um 1348). An der Seite der Madonna stehen zwei Engel. Jene sowie zwei der vier Evangelisten, die sich gleichfalls auf dem Dach befinden, stammen von Schülern des Giovanni Pisano (um 1250 bis um 1328), der nicht mit Andrea verwandt oder verschwägert war.
Die drei Bronzetüren der Westfassade stammen aus dem 17. Jahrhundert und der Werkstatt des berühmten Giambologna (1529 – 1608). Die Originale von Bonanno Pisano (aktiv in den 80iger und 90iger Jahren des 12. Jahrhunderts in Pisa) von 1180 wurden bei einem Großfeuer 1595 zerstört. Von Bonanno Pisano stammt jedoch auch die bronzene Porta die San Ranieri. Durch das Portal, welches dem Campanile zugewandt ist, betreten die Besucher heute den Dom. Derzeit wird das Portal ins Museum überführt und durch eine Holztür ersetzt. Das Werk Bonannos zeigt Szenen aus dem Leben Christi, ist aber nach dem Schutzpatron Pisas benannt, dem heiligen Ranieri. Die bronzene Tür ist sicher eines der Hauptwerke des Metallgusses im romanischen Italien und wurde auch in Italien gegossen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle bronzenen Kunstwerke aus Byzanz importiert worden.
Auch der Innenraum des Doms verrät den Einfluss Byzanzens, insbesondere in Form der Emporen rechts und links über den Seitenschiffe. Ansonsten wurde der Innenraum des Pisaner Doms beim Brand von 1595 weitestgehend zerstört. Die auffällige vergoldete Kassettendecke stammt deshalb aus dem 17. Jahrhundert, wurde von den Medici in Auftrag gegeben und zeigt deshalb auch deren Wappen.
Einer der Höhepunkte des Kircheninneren ist das Mosaik in der Chorapsis, welches den thronenden Christus zeigt. Das Mosaik wurd am Ende des 12. Jahrhunderts von Francesco di Simone begonnen und von dem berühmten Cimabue (ca. 1240 bis ca. 1302, eigentlich Camino di Pepo) vollendet wurde. Begleitet wird Christus von der Jungfrau und Johannes dem Evangelisten. Die Vorbilder für das Mosaik sind in Byzanz, aber auch im damals normannischen Monreale zu suchen.
Ein weitere Höhepunkt ist die Kanzel. Sie ist ein Werk des Giovanni Pisano und wurde in den Jahren zwischen 1302 und 1310 geschaffen. Die Kanzel hat den großen Brand wie durch ein Wunder überstanden, da sie zu Restaurierungszwecken vor dem Feuer auseinander genommen worden war. Allerdings erfolgte die Zusammensetzung erst wieder 1926. Die Kanzel zeigt eine umfangreiche Bilderzählung, die trefflich die Erneuerung des religiösen Empfindens im 13. Jahrhundert illustriert. Dargestellt sind Themen aus dem Leben Christi in einer für die Zeit sehr expressiven Bildsprache. Erstmals sind die Bildreliefs auch nicht eben, sondern in der Form des Kanzelkorbes leicht gewölbt. Sie zeigen deutlich, warum Giovanni Pisano zu den bedeutendsten Bildhauern der Gotik gezählt wird.
An dem großen Leuchter, der in das Mittelschiff hängt, soll Galilei Galileo (1564 – 1642) angeblich seine Entdeckungen zur Pendelbewegung gemacht haben. Allerdings ist der Leuchter erst nach den Versuchen des frühen Naturforschers entstanden.
Campanile
Auch der berühmte Schiefe Turm wird mit Galileo in Verbindung gebracht. Von dem Turm soll der Wissenschaftler seine Versuche über die Fallgeschwindigkeit verschieden großer Körper angestellt haben.
Die Grundsteinlegung des Campanile, den die Italiener il torre pendente nennen, war am 9. August 1173. Als jedoch die untersten drei Stockwerke fertig waren, hatte sich der Turm bereits in Richtung Südosten geneigt. Dieser Umstand unterbrach die Bauerarbeiten für rund hundert Jahre. Die nächsten Stockwerke wurden dann bereits schief auf die unteren aufgebaut, um die Schieflage auszugleichen. Trotzdem mussten die Bauarbeiten nochmals unterbrochen werden und konnten so erst 1372 durch ein aufgesetztes Glockengeschoss vollendet werden.
Heute ist der Turm 54 Meter hoch. Sieben Glocken hängen im Turm, die wegen der drohenden Einsturzgefahr aber lange nicht geläutet werden durften.
Seine Ursache hat die Schieflage des Turmes im Untergrund. Der Turm steht, wie Untersuchungen ergeben haben, am Rande einer Insel, die wiederum am Rande eines zur Grundsteinlegung schon lange zugeschütteten und wohl vergessenen Hafenbeckens liegt.
Der Turm war zwischen 1990 und 2001 für Besucher gesperrt und wurde in einem aufwändigen Verfahren um 44 Zentimeter aufgerichtet, indem man am Nordwest-Ende Material heraussaugte. In diese Lücke sackte der Turm langsam hinein und richtete sich auf. Heute ist der aus rund 14.200 Tonnen Carrara-Marmor bestehende Turm wieder begrenzt zugänglich und ist, wenn nichts dazwischen kommt, vorläufig für die nächsten 300 Jahre gesichert.
Baptisterium
An der Westseite des Domes steht das Baptisterium, also die Taufkirche. Sie wurde 1152 auf rundem Grundriss im romanischen Stil begonnen. Ende des 12. Jahrhunderts war dann Baustopp. 1260 nahm Niccolò Pisano (um 1206 – 1278) die Bauarbeiten wieder auf, die dann zwischen 1277 und 1284 von dessen Sohn Giovanni Pisano fertig geführt wurden.
Das erste Geschoss über dem romanischen Rundbau passte Pisano noch stilistisch an. Darüber ging es in reiner Gotik weiter. Die Segmentkuppel über dem Bau wurde bis 1358 errichtet.
Über dem Portal der Taufkirche finden sich einige weitere Skulpturen Giovanni Pisanos. Zu sehen sind Propheten und Apostel, deren Originale heute im Museum stehen.
Auf der Spitze der Kuppel steht eine drei Meter hohe Bronzefigur, die Johannes den Täufer zeigt. Die Skulptur ist Anfang des 15. Jahrhunderts entstanden.
Das Innere des Baptisteriums wird von einem großen achteckigen Taufbecken beherrscht, welches 1246 von Guido Bigareli da Como geschaffen wurde.
Die marmorne Kanzel ist ein Werk des Niccolò Pisano und entstand zwischen 1155 und 1160. Das Kanzelbecken steht auf sieben Säulen und hat sechs Seiten. Fünf davon tragen Reliefs, die Themen aus der Heilsgeschichte wiedergeben. Zu sehen sind die Geburt Jesu, die Anbetung durch die Heiligen Drei Könige, die Darstellung im Tempel, die Kreuzigung und das Jüngste Gericht.
Camposanto monumentale
Das Heilige Feld ist ein großes, lang gestrecktes Gebäude, welches einen Friedhof birgt. Die Bauarbeiten zum Camposanto begannen 1278, wurden unterbrochen und 1358 endlich abgeschlossen. Die Erde im Innenhof des Gebäudes soll aus dem Heiligen Land stammen und von dort auf Schiffen hergebracht worden sein. Während der Camposanto von außen einer langen Mauer mit Marmorblendarkaden gleicht, ist er von Innen eher ein großer Kreuzgang mit filigranen Rundbogen-Arkaden. Im Wandelgang stehen auch heute noch viele antike Sarkophage, die im Mittelalter von der Pisaner Oberschicht für Bestattungen genutzt wurden.
Der Camposanto ist berühmt geworden durch seine großen mittelalterlichen Fresken, die allerdings zu einem Großteil 1944 zerstört wurden, als eine alliierte Brandbombe das Gebäude traf und der Dachstuhl komplett abbrannte. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man dann die Reste der Fresken ab, wobei unter der bemalten Putzschicht die alten Vorzeichnungen gefunden wurden, die Synopien genannt werden, gleichfalls abgenommen wurden und heute in einem extra gebauten Museum an der Piazza del Duomo besichtigt werden können.
Berühmtestes Fresko des Camposanto ist der Triumph des Todes von Buonamico Buffalmacco (nachweisbar in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Toskana), welches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstand. Bemerkenswert ist, dass Buffalmaco den Tod als junge, blonde Frau darstellt. Das Fresko befindet sich heute in einem Nebenraum des Camposanto.
Die gesamte Anlage wurde 1987 auf die Welterbe-Liste der UNESCO gesetzt.
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