Ein Pfingstwunder: Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay

Zu ihrer Hochzeit in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts hatte das Städtchen Vézelay im französischen Burgund rund 10.000 Einwohner. Heute sind es vielleicht knapp über 500. Im 12. Jahrhundert war Vézelay einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas, doch schon Ende des 13. Jahrhunderts verschwand der Ort in der Bedeutungslosigkeit. Dabei behielt es bis heute den Gegenstand, welcher seinen Ruhm begründete, nämlich die angeblichen Reliquien der heiligen Magdalena nach der auch die Kirche am Ort benannt ist: Ste-Madelaine. Eine mutmaßlich politische Entscheidung des Papstes machte von einem Tag zum anderen aus einem Wallfahrtsort ein abgeschiedenes im Morvan gelegenes Kloster.

Begonnen hatte die Geschichte im 9. Jahrhundert, als am Fuße des Hügels, auf dem Vézelay heute liegt, ein Nonnenkloster gegründet wurde. Das Kloster zerstörten kurze Zeit später marodierende Normannen. Bald darauf erfolgte die Neugründung, dieses Mal auf dem Hügel und mit Mönchen.

Die Reliquien der hl. Magdalena kamen schon vor der Jahrtausend-Wende nach Vézelay. Der berühmte Abt Odo von Cluny und seine Cluniazenser sahen in Magdalena das Urbild der Bußfertigen und beförderten von Herzen die Wallfahrt nach Vézelay.

Zusätzliche Bedeutung als Wallfahrtsort bekam Vézelay noch, da hier die Via Lemovecensis begann, einer der wichtigen Routen für die Wallfahrt nach Nordspanien und zum Grab des heiligen Jakobus nach Santiago de Compostela. Die hohe Bedeutung zog viele illustre Zeitgenossen nach Vézelay.

Sainte-Marie-Madelaine, Vèzelay, Westfassade (Foto: Darjeeling)1146 hatte hier der heilige Bernhard von Clairveaux, der Spiritus Rektor der Zisterzienser, seinen großen Auftritt. Im Beisein König Ludwig VII. und dessen Frau Eleonora von Aquitanien rief Bernhard zum Zweiten Kreuzzug auf. Andere folgten: 1190 schaute am Ort Richard Löwenherz auf seinem Weg zum Dritten Kreuzzug vorbei. 1217 gründete Franz von Assisi hier sein erstes Kloster auf französischem Boden. 1240 und 1270 sammelte der heilige König Ludwig IX. seine Truppen für zwei weitere vergebliche Kreuzzüge.

Ende des 13. Jahrhunderts war es dann mit der Herrlichkeit vorbei. Das Haus Anjou war in den Besitz der Provence gelangt, von wo dereinst auch die Reliquien der heiligen Magdalena ins Burgund gekommen sein sollen. Karl von Anjou war allerdings nicht sehr beliebt in seinem neuen Landstrich und suchte nach einen Zeichen der Legitmation seiner Herrschaft. Sein Sohn, Karl II., fand das Zeichen. Im Traum verrieten ihm zwei Engel, das die echten Reliquien von Magdalena immer noch in der Provence seien. Sofort ließ der Anjou graben, fand antike Gräber und nun musste der Papst entscheiden. Leider hatten die Anjou kurz zuvor Neapel und das ganze südliche Italien in ihren Besitz gebracht. Der Papst wollte seinen neuen mächtigen Nachbarn gewogen bleiben und so wurden St-Maximin-le-Sainte-Baume, die betreuenden Dominikaner und natürlich die Anjou die Gewinner.

Der Abstieg Vézelays wurde erst im 19. Jahrhundert gestoppt, als sich Viollet-le-Duc des Ortes besann. Er ließ die arg mitgenommene Kirche restaurieren, die während der Jahrhunderte und vor allem während der Französischen Revolution gelitten hatte. Im 20. Jahrhundert gewann das Städtchen zusätzliche Bekanntheit, als sich Romain Rolland, einer der bekanntesten französischen Schriftsteller seiner Zeit, 1937 nach Vézalay zurück zog und dort bis zu seinem Tod 1944 blieb.

Herzstück des ehemaligen Wallfahrtsortes ist die Kirche Ste-Madelaine. Nach dem Nonnenkloster am Fuße des Hügels, entstand ein Mönchskloster auf dem Hügel. Im 10. Jahrhundert baute man eine spätkarolingische Kirche, die 1096 von Abt Artand abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde. Der war notwendig geworden, da der Pilger-Strom immer umfangreicher wurden. 1106 fand die Weihe des neuen Chores statt. 1120 zerstörte eine Feuersbrunst den unfertigen Bau. Obwohl nach Berichten bis zu 1.000 Pilger bei dem Feuer umgekommen sein sollen, begannen sofort nach dem Brand wieder die Bauarbeiten. Zwischen 1120 und 1140 errichtet man das Langhaus. Der Chor war vom Feuer unbeschadet geblieben. Mitte des 12. Jahrhunderts schloss man im Westen den Bau mit einem großen dreischiffigen Narthex, einer Vorhalle, ab. 1165 zerstörte endlich ein Feuer den Chor, der ab Ende des 12. Jahrhunderts völlig neu errichtet wurde.

Sainte-Marie-Madelaine, Vèzelay, Tympanon über dem Hauptportal, Pfingstwunder (Foto: Urban)

Heute präsentiert sich die Kirche im Wesentlichen im Zustand des ausgehenden 12. Jahrhunderts. Leider wurde während der französischen Revolution das romanische skultpurale Werk in den Außen-Portalen des Narthex vernichtet. Viollet-le-Duc erneuerte die Bilder in den Tympana jedoch mit einer neu-romanischen Nachschöpfung. Erhalten blieben an der Westfassade die gotische Figuren in der Giebelwand über der Portalzone. Von Viollet-le-Duc stammt auch der rekonstruierte Rest des alten Kreuzganges südlich der Kirche.

Der Chor zeigt von Außen zwar rund bogige Fenster, aber auch einen Kapellenkranz. Der Chor ist eindeutig gotisch. Die Romanik kannte nur untereinander nicht verbundene Radialkapellen, keinen Kapellenkranz korrespondierender Kapellen. Auch das Strebewerk des Chores zeigt die Gotik. Das Strebewerk des Langhauses, welches aus der romanischen Zeit stammt, wurde erst während der Gotik angefügt.

Betritt man die Kirche, beeindruckt zunächst der riesige Narthex. Er war wohl auch dazu gedacht, als Notunterkunft, zumindest aber als Wartesaal, für die vielen Pilger zu dienen. Im Narthex befinden sich auch die eigentlichen Portale zur Kirche. Es sind ihrer drei, womit Ste-Madelaine einer der frühesten Drei-Portal-Anlagen der Romanik hat, welche erst in der Gotik wirklich modern werden sollte.

Sainte-Marie-Madelaine, Vèzelay, Chor (Foto: Urban)

Über den drei Portalen befindet sich einer der größten Kunstschätze der Kirche, mit dem Mittelportal als absolutem Höhepunkt. Dargestellt ist im Relief des Tympanons, wie so oft in der Romanik, Christus. Beinahe einzigartig ist, dass die Gestalt des Christus mit den Aposteln durch „Lichtstrahlen“ verbunden ist. Zu sehen ist also das Pfingstwunder, ein Thema, welches sich in Frankreich sonst nur noch einmal findet. Über dem Hauptmotiv finden sich mehrer Felder, die die Völker der Welt zeigen – so wie man sie sich im Mittelalter vorstellte. Zu sehen sind unter anderem so genannte Panotier. In deren fernen Land sollen unablässig tosende Winde geweht haben. Deshalb haben die Panotier riesige Ohren, in die sie sich zum Schutz einwickeln können. Die Inder stellten sich die Menschen damals als hundeköpfig vor, als Kynokephalen. Das Portal zeigt – auf aus heutiger Perspektive – originelle Weise den Universalitäts-Anspruch des Christentums.

Die Seitenportale zeigen links Szenen aus der Kindheit Christi (Heimsuchung, Geburt, Anbetung durch die Könige) und rechts Szenen aus der Emmaus-Erzählung sowie die Himmelfahrt.

450px-vezelay_choeur11.jpgDas Pfingstmotiv setzt sich architektonisch in der Kirche als Ganzes fort. Bei geöffnetem Mittelportal gibt es einen Punkt im Narthex, von dem man aus ins Kirchenschiff blicken kann, ohne ein Fenster zu sehen. Obwohl der Chor erst später entstand, kann das kein Zufall sein. So wird das Pfingstwunder aus dem Tympanon von der trotz der ‚unsichtbaren’ Fenster hell erleuchteten Kirche eindrucksvoll unterstrichen.

Die Lichtgestaltung setzt sich im Innern der rund siebzig Meter langen, dreischiffigen Basilika fort: rund um den 21. Juni, den Tag im Jahr, an dem die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, fällt das Licht durch die südlichen Fenster im Obergaden so in die Kirche, dass sich die Lichtreflexe der Fenster genau in der Mittelachse des Mittelschiffes befinden. Im Tagesverlauf bewegen sich die Reflexe zusätzlich noch in Richtung Altar. Pfingsten, das Fest des Lichtwunders, wird vom Kirchenbau mit Licht gefeiert.

Im Gegensatz zu den dreigeschossigen Kirchen cluniazensischer Prägung hat Ste-Madelaine nur einen zweigeschossigen Wandaufbau. Anders als den Ersteren fehlt auch die berühmte Spitztonne. Stattdessen werden in Vézelay alle drei Schiffe durch regelmäßige Kreuzrippengewölbe überwölbt. Die Bautradition dazu stammt aus dem Südburgund. Die Kirche in Vézelay ist vielleicht deren jüngster Vertreter.

Das Querhaus ist nur einschiffig und wird nach Osten vom Licht durchfluteten gotischen Chor gefolgt. Ein besonderes Gepräge erhält die Kirche durch die Gurtbögen über dem Mittelschiff. Sie sind aus abwechselnd roten und weißen Keilsteinen zusammengesetzt, einem aus dem islamischen Spanien stammendes Motiv.

Der zweite große Schatz von Ste-Madelaine aber sind die 150 romanischen Figuren-Kapitelle, neben St-Lazare in Autun der größte erhaltene Zyklus in Frankreich. Zu sehen sind vor allem Szenen aus dem Alten Testament, aber auch Szenen aus dem Neuen Testament, Heiligen-Geschichten, Laster, Tugenden, Verkörperungen der Winde und pflanzliche Ornamente. Die Abfolge der Geschichten auf den Kapitellen scheint keinen Sinn zu ergeben. Einige sagen aber auch, dass der Sinn uns nur verborgen ist.

Sainte-Marie-Madelaine, Vèzelay, Mittelschiff - Blick nach Osten (Foto: Jean-Christoph Benoist)Viele Künstler waren an der Erstellung der Kapitelle beteiligt. Einige Bilder sind eher grob gehauen, einige haben eine sehr hohe Qualität, die zum Tympanon über dem Hauptportal vermitteln.

Bekanntestes und eins der schönsten Motive ist sicher die Mystische Mühle. Eine obere Gestalt, wahrscheinlich Moses, schüttet Getreide in eine Mühle, mit einem Kreuz als der symbolische Christus gekennzeichnet. Christus verwandelt das Getreide (den Alten Bund) in Mehl (den Neuen Bund). Aufgefangen wird das Mehl durch den Menschen des Neuen Testaments, verkörpert durch den Apostelfürsten Paulus. Das Getreide des Moses enthielt zwar die Wahrheit, war aber verborgen. Erst Christus verwandelte die Wahrheit in etwas Sichtbares, in Mehl, aus dem zudem noch Brot gebacken werden kann, welches das Neue Gesetz symbolisiert. Paulus soll das Brot dann verbreiten.

Vézalay mag heute kein Wallfahrtsort im klassischen Sinn mehr sein. Die 500 Einwohner leben aber von einer anderen Art Wallfahrt: dem modernen Tourismus. Vézelay ist heute einer der meistbesuchtesten Orte Frankreichs.

Bildnachweis: 123456

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