Ein arabisch-normannisch-byzantinischer Traum: die Kathedrale von Monreale

Monreale, Kircheninneres (Foto: Bernhard J. Scheuvens)

Allgemein ist es nur schwer vorstellbar, dass sich arabische und normannische Kunst gegenseitig befruchtet haben könnten. Während die Araber höchstens noch in Nordafrika als wohnhaft angesehen werden, sollten sich die Normannen in kalten, stürmischen Nordmeeren tummeln und höchstens noch Grönland entdecken. Dabei wird schnell vergessen, dass die Normannen zu ihrer Zeit, also um 1.000 nach Christus und wenig später, ordentlich herum gekommen sind. So gründeten sie nicht nur das erste russische Staatswesen (Rurik, Kiewer Rus), sondern eroberten auch zunächst die nach ihnen benannte Normandie und dann 1066 unter Wilhelm dem Eroberer ganz England. Aus der Normandie kam auch die normannische Familie, die Hauteville, die sich zur Eroberung ein Eiland aussuchte, auf welchem sich seit ein paar Hundert Jahren die Araber zu Hause fühlten: Sizilien. Und so entstand ein Kunststil, indem sogar noch byzantinische Traditionen hineinwirkten, weswegen er auch arabisch-normannisch-byzantinischer Stil genannt wird. Eines der hervorragendsten Beispiele ist die Kathedrale von Monreale, berühmt vor allem für Ihren Reichtum an Mosaiken.


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Gestiftet wurde der Bau, der der Santa Maria Nuova geweiht ist, im 12. Jahrhundert von Wilhelm II. von Hauteville (1153-1189), seines Zeichen König von Sizilien. 1176 war die Kirche fertiggestellt. Entstanden ist ein Gebäude mit einer Grundfläche von 102 mal 40 Metern. Die normannischen Einflüsse finden sich unter anderem im kompakten, romanischen Baukörper. Arabisch sind die spitzen, etwas bauchigen Bögen, die auch die Mittelschiffsarkaden beherrschen, am Äußeren aber vor allem in den Blendbögen zu finden sind. Insbesondere die Außenmauern der drei Apsiden zeigen ein solches Dekor, in ihrer Wirkung noch unterstützt durch Einlegearbeiten aus drei verschiedenfarbigen Kalk- und Lava-Gesteinen. Im Äußeren finden sich zusätzlich Kreuzbogenfriese, so zum Beispiel an der Westfassade. Die Friese sind heute nicht mehr besonders gut zu erkennen, da der Fassade im 18. Jahrhundert ein klassizistischer Portikus vorgesetzt wurde.

Monreale, Westfassade (Foto: Bernhard J. Scheuvens)

Erhalten hat sich in der Westfassade jedoch das bronzene Mittelportal, ein Werk des Bonanno Pisano aus dem Jahr 1189. Das größte Bronzeportal seiner Zeit (7,8 mal 3,7 Meter) zeigt 42 Darstellungen biblischer Szenen. Die beiden Seitenportale entstanden zwischen 1547 und 1569. Ein altes Portal gibt es auch an der Nordseite. Es wurden 1179 von Barisanus von Trani geschaffen.

Flankiert wird die Westfassade von zwei Türmen, wobei der eine nur noch ein Stumpf ist (beschädigt durch Blitzeeinschlag im 16. Jahrhundert) und der andere, der südliche, einen Glockenturm aus späterer Zeit trägt.

Im Innern zeigt die Kathedrale, dass sie eine Basilika ist, wobei das Mittelschiff mehr als doppelt so breit ist, wie jeweils eines der beiden Seitenschiffe. Die Mittelschiffsarkaden werden von Säulen getragen, die korinthische Kapitelle besitzen. Der Chorraum und die Vierung sind baulich besonders hervorgehoben. Die Decke aus Holz zeigt sehr hübsche Formen und Farben.

Monreale, Apsis mit Einlegearbeiten (Foto: Bernhard J. Scheuvens

Die Wände des Kircheninneren sind im unteren Bereich mit Marmor verkleidet. Dabei sind die Muster – wie auch die auf dem Fußboden – wieder arabischen Ursprungs. Der obere Teil der Wände jedoch ist mit byzantinischen Mosaiken auf Goldgrund bedeckt. Rund 6.340 Quadratmeter beträgt die von den Mosaiken eingenommene Fläche. Geschaffen wurden sie zwischen 1179 und 1182 von Künstlern aus Konstantinopel, aber auch von einheimischen Meistern.

Beherrschendes Mosaik des Innenraums ist jenes in der Apsis-Kalotte. Zu sehen ist Christus als Pantokrator, als Weltenherrscher. In der ersten Reihe unter ihm sind Maria mit dem Jesuskind, die Erzengel Gabriel und Michael, die Apostel Petrus und Paulus, sowie deren zehn Kollegen zu sehen. Noch eine Reiher darunter sind Heilige dargestellt.

Die Mittelschiffswände und die Westwände zeigen Szenen aus dem Buch Genesis (Schöpfungsgeschichte, Sechstagewerk, Vertreibung aus dem Paradies) und darunter die Stammväter Noach, Abraham, Isaak und Jakob.

Monreale, Mittelschiffsarkaden- und wände (Foto: Jerzy Strzelecki)

Die Mosaiken im Chorraum und im Querschiff sind Szenen aus dem Leben Jesu vorbehalten. Sie reichen thematisch von der Verkündung bis zur Himmelfahrt und darüber hinaus: bis Pfingsten. Die Wände der Seitenschiffe sind mit den Wundern Jesu bedeckt.

Auch in den nördlichen und südlichen Kapellen und Seitenapsiden gibt es Mosaike. Hier sind Erzählungen aus der Apostelgeschichte zu finden und was sie über Paulus (nördliche Kapelle) und Petrus (südliche Kapelle) zu berichten haben.

Kein König würde eine solche Kirche bauen lassen, ohne sie für sich als Grablege vorzusehen. Und so findet sich im südlichen Querschiff der Sarkophag von Wilhelm II. Auch des Königs Vater Wilhelm I. (1122-1166) und dessen Gattin Margarete von Navarra (1128-1183), die von 1166 bis 1171 anstelle ihres minderjährigen Sohnes die Regentschaft über Sizilien ausübte, ruhen in Monreale. Und noch ein andere berühmter König findet sich hier: Ludwig IX. von Frankreich (1214-1270), auch Ludwig der Heilige genannt, der auf dem siebten Kreuzzug 1270 vor den Mauern von Tunis starb. In Monreale liegt jedoch nur das Herz des heiligen Königs, der größte Teil des Körpers wurde nach St. Denis bei Paris überführt.

Monreale hatte über viele Jahrhunderte auch ein Benediktiner-Kloster. So findet sich als südlicher Anbau an die Kathedrale die 1569 errichtete Kapelle des heiligen Benedikt, die heute als Sakraments-Kapelle dient.

Monreale, Kreuzgang (Foto: Urban)

Von den Klostergebäuden ist nicht mehr viel übrig. Letzter Rest ist der Kreuzgang, der 47 mal 47 Meter misst, kaum minder berühmt ist als die dazugehörige Kirche und aus deren Erbauungszeit stammt. Auf jeder der vier Seiten wird der Kreuzgang von 26 Spitzbogen-Arkaden gebildet, die von Doppelsäulen getragen werden. Die Schäfte der Säulen sind in den unterschiedlichsten Dekoren verziert. Manche sind zwar auch glatt, aber zu sehen sind vor allem schrauben- und zickzackförmige Kanneluren, die zusätzlich noch mit Einlegearbeiten aus Mosaik verziert sind. Das Zickzack-Motiv dürfte auch normannischen Formengut sein.

Die Kapitelle der Kreuzgangssäulchen sind Motivkapitelle und zeigen biblische Szenen, aber neben christlichen Symbole, auch solche islamischen Ursprungs. Die Auftraggeber und Künstler in Monreale zeigten also wenig Berührungsängste mit dem islamischen, arabischen Erbe.

Kathedrale von Monreale (it.)

Bildnachweis: 12345

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