Perle der norddeutschen Backsteingotik: Münster in Bad Doberan
4. Januar 2008Die Vorliebe der Zisterzienser für abgelegene Plätze ist bekannt. Auch das Kloster in Bad Doberan machte da keine Ausnahme, obwohl es wie so oft im deutschen Nordosten auf eine fürstliche Stiftung zurückgeht. Die Gründung fiel in das Jahr 1171 und ging auf den gerade erst getauften Fürsten Pribislav zurück, der über ein Gebiet an der Ostseeküste herrschte, welcher von den Obotriten, einem slawischen Stamm, besiedelt war. Mitbegründer des Zisterzienserklosters war der Schweriner Bischof Beno. Das erste Kloster entstand nicht am heutigen Standort, sondern rund drei Kilometer davon entfernt. Doch schon 1179 wurde das Kloster zerstört, nachdem Pribislav gestorben war und sich seine Erben um die Thronfolge stritten. 1186 erfolgte dann ein neuer Anlauf am heutigen Ort.
Das Zisterzienserkloster Bad Doberan entstand wie so viele Klöster des selben Ordens an einem Bach; genauer: am Zusammenfluss dreier Bäche. Baugrund war eine Sandinsel inmitten ausgedehnten Sumpflandes. Die erste Klosterkirche war der Bauzeit entsprechend eine Kirche im romanischen Stil. Sie wurde 1232 geweiht, aber schon 1291 durch Blitzschlag schwer beschädigt. Die Beschädigungen waren daraufhin Anlass eine neue Kirche zu bauen. Die romanische Kirche war inzwischen auch zu klein geworden für das wirtschaftliche prosperierende Kloster.
74 Jahre baute man an der neue Klosterkirche im Stil der Backstein- Gotik. Elf Äbte verstarben über den Bauarbeiten. Am 4. Juni 1386 konnte die neue Kirche endlich geweiht werden. Kurz darauf begann auch schon die Blütezeit des Klosters. Von 1402 bis 1478 profitierte das Zisterzienser- Kloster von den eigenen Leistungen, dass heißt den Leistungen seiner Bauern, aber auch vom allgemeinen wirtschaftlichen Fortschritt.
1552 spätestens war es mit der Zisterzienser-Herrlichkeit dann auch schon wieder vorbei: das Kloster wurde in Folge der Reformation aufgelöst. Doch Zisterzienserklöster bestanden nicht nur aus betenden Mönchen in Klausur, sondern waren umfangreiche landwirtschaftliche Betriebe. Bad Doberan ging darum nach seiner Auflösung als eben ein solcher Betrieb in herzoglichen Besitz über. Obwohl die Kirche eigentlich nicht mehr gebraucht wurde, entging sie doch dem Abriss. Die Münsterkirche von Bad Doberan ist seitdem und bis heute eine evangelische Pfarrkirche.
Der Ort Bad Doberan nahm trotz des nicht mehr vorhandenen Klosters ab 1793 noch einmal einen ordentlichen Aufschwung, als Großherzog Friedrich Franz I. das erste deutsche Seebad gründete: Heiligendamm. Der Großherzog bestimmte Bad Doberan auch als den Ort seiner Sommerresidenz.
Im 19. Jahrhundert war die gotische Kirche reichlich baufällig geworden und es begann eine Zeit umfangreicher Restaurationen, aber auch Ergänzungen. Die umfassendsten Änderungen erfolgten in den Jahren 1882 bis 1896, als der Baurat Gotthilf Ludwig Möckel die Klosterkirche neugotisch sanierte. Dafür überstand die Anlage den Zweiten Weltkrieg beinahe unbeschadet.
Trotz der Säkularisierung und der neugotischen Überformungen ist in der Klosterkirche von Bad Doberan viel von der ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben, die auch deshalb so umfangreich war, weil viele mecklenburgische Herzöge und andere heimische Adlige die Kirche als Grablege aussuchten und mit zahlreichen Stiftungen aufwerteten.
Eine große Besonderheit der Klosteranlage in Bad Doberan ist auch heute noch, das ein großer Teil der ursprünglichen mittelalterlichen Klostermauer e
rhalten geblieben ist. Die Mauer entstand um 1291 und umfasst ein Gelände von knapp 1 ½ Quadratkilometern Fläche. Von der Mauer sind gut 1,4 Kilometer erhalten.
Die Nordseite des Klostergelände
s besteht heute aus einem englischen Landschaftspark mit Bachläufen, Teichen und einem zum Teil über 200 Jahre alten Baumbestand. Der Park wurde ab 1793 angelegt.
Von den Wirtschafts- und Klausurgebäuden des ehemaligen Klosters ist nur weniges erhalten geblieben. Es finden sich Teile des zwischen 1278 und 1283 entstandenen Kornhauses, sowie die Ruinen der Wollscheune (1283-1291) und des Wirtschaftsgebäudes. Letzteres entstand um 1280, war rund vierzig Meter lang und beherbergte neben Vorratsräumen auch die Mälzerei und die Brennerei. Das Gebäude wurde erst 1979 durch ein Feuer zerstört.
Bedeutendster erhaltener Nebenbau der Klosterkirche ist sicher das frühgotische Beinhaus. In Süddeutschland und Österreich nicht selten, ist ein Beinhaus für ein norddeutsches Kloster eine Besonderheit. In dem achteckigen Bau wurden die Knochen der Mönche aufbewahrt, die bei den regelmäßigen Neubelegungen auf dem Friedhof zutage kamen und irgendwo bleiben mussten. Die Wände des Beinhauses sind dekorativ mit Mustern aus glasierten und unglasierten Ziegeln geschmückt. Die Rundstäbe an den acht Ecken deuten noch auf romanisches Formgut hin.
Beinahe vollständig verschwunden sind im Laufe der Jahrhunderte auch der Kreuzgang und die Klausurgebäude des Klosters. Die Steine fanden Wiederverwendung im Güstrower Schloss.
Dafür haben sich an der Klosterkirche selbst Reste des romanischen Vorgängerbaus erhalten. Der Bau war kleiner und bescheidener als die heutige gotische Kirche. Grabungen haben ergeben, dass es sich wohl um eine flach gedeckte Pfeilerbasilika gehandelt hat, die rund zwei Drittel der heutigen Grundfläche einnahm. Der Chorabschluss im Osten war gerade.
Die Reste der romanischen Kirche finden sich in der Westfassade als unterer, südlicher Teil der gotischen Wand, die einfach auf den romanischen Teil aufgeziegelt wurde. Zu sehen ist noch der flache, gestaffelt ansteigende Halbgiebel hinter dem sich das Pultdach verbarg. Die Traufhöhe des romanischen Baus wird durch ein charakteristisches Kreuzbogenfries bestimmt, welches häufig in Bauten aus der Zeit um 1200 auftaucht. In der romanischen Restfassade hat sich sogar noch ein Rundbogen-Portal erhalten, durch welches früher die Laienmönche die Kirche betreten haben.
Ein romanischer Rest findet sich auch direkt am heutigen Eingangsbereich. Dort hat sich die Ostwand des ehemaligen östlichen Kreuzgangflügels erhalten, welches der einzige noch sichtbare Rest der Klausurgebäude darstellt.
Im Äußeren zeigt die Kirche im Norden, zum Friedhof bzw. zum Park hin, eine Prunkfassade mit zwei Treppentürmchen. Die Westfassade verfügt, wie bei Zisterzienser-Klosterkirchen häufig, über ein großes Westfenster, welches wichtig für die Beleuchtung der Kirche war.
Die Sakristei der Kirche mit Treppenturm und Bibliothek ist ein Anbau des 19. Jahrhunderts. Der Kapellenkranz im Osten hatte ursprünglich ein einheitliches Dach, welches 1884 aber durch Pyramidendächer für jede einzelne Kapelle ersetzt wurde, was das Gepräge des Ostteils des Münsters doch schon ziemlich verändert hat.
Der Dachstuhl des Münsters ist im Wesentlichen noch mittelalterlich. Erhalten hat sich über dem nördlichen Querschiff sogar eine Seilwinde aus der Zeit. Das Dach war ursprünglich mit Kupfer- und Bleiplatten gedeckt, die aber im Dreißigjährigen Krieg geraubt wurden. Später wurde das Dach mit Holzplatten eingedeckt, die im 19. Jahrhundert dann auf den Seitenschiffsdächern durch Kupferplatten ersetzt wurden. Auf dem Mittelschiffsdach blieben die Holzplatten sogar bis in die 1970er Jahre erhalten, bis auch sie Kupferplatten weichen mussten.
Wie bei Zisterzienserkirche üblich, gibt es keine hohen Glockentürme, sondern lediglich einen kleinen Dachreiter am Kreuzungspunkt zwischen Lang- und Querhaus. Die heutige Gestalt erhielt der Dachreiter im 19. Jahrhundert und ist an seiner Spitze 72 Meter hoch. Die ältere Glocke stammt, wie schon erwähnt, aus dem Jahr 1301, die jüngere von 1960.
Obwohl die Bauarbeiten an der gotischen Nachfolgekirche bis ans Ende des 14. Jahrhunderts reichten, war der wie so oft zu erst begonnene Ostteil wohl schon um 1300 fertig. Beweis ist die heute noch bestehende ältere Glocke der Kirche im Dachreiter, die als Jahreszahl 1301 trägt. Der Ostteil, der Chor, wurde dann wohl provisorische eingedeckt und ab 1310 als Kirche genutzt. Eine Wand trennte den noch im Bau befindlichen westlichen Kirchenteil vom schon genutzten Chor. Parallel zum Baufortschritt der gotischen Kirche nach Westen wurde dann die romanische Kirche abgerissen und die Steine wieder verwendet. Dabei wurde das alte Material vor allem zum Verfüllen der Pfeiler und Wände gebraucht. Grund war, dass einmal geweihte Steine nicht für profane Zwecke verwendet werden durften. Außerdem war das Vorgehen sparsam, da es mehrere Jahre dauerte um Ziegelsteine herzustellen.
Neben starken Strebepfeilern und anderen Stabilisierungssystemen verfügt die Klosterkirche auch über so genannte Holzjochbalken, die heute noch sichtbar im Innern das Mittelschiff der Kirche überfangen. Die Holzjochbalken liegen nur lose in ihren Lagern. Erst bei stärkerer Belastung der Mauern, wie sie zum Beispiel durch Winddruck entstehen kann, entfalten die Balken ihre Funktion, auch heute noch.
Die Klosterkirche in Bad Doberan ist vom Typ her eine im Grundriss kreuzförmige, dreischiffige Basilika ohne Vierung. Das Mittelschiff besteht aus neun Jochen. Der Chor ist ein 5/8-Polygon und verfügt über einen Chorumgang mit Kapellenkranz. Das Langschiff ist 78 Meter lang, das Querschiff 39 Meter. Die Kirche entspricht somit weitgehend dem französischen Kathedralschema. Vorbilder sind die Lübecker Marienkirche, die Nikolaikirche in Stralsund und die Marienkirche in Rostock. vor allem was die Gestaltung der Chorumgangskapellen betrifft.
Das Innere wird beherrscht von 24 gleichförmigen Pfeilern, die die zwölf Apostel und zwölf Propheten symbolisieren. Fünf Joche des Langhauses sind etwas länger als d
ie übrigen, was ein Hinweis darauf ist, dass beim Bau der gotischen Kirche die romanischen Fundamente wieder verwendet wurden.
Die Höhe des Kreuzrippen- gewölbes, welches übrigens erst nach dem Eindecken des Daches gewölbt wurde, beträgt im Mittelschiff 26 Meter. Die Seitenschiffe der Basilika sind nur 12,5 Meter bis zum Gewölbe- scheitel hoch.
Die Querschiffarme sind so hoch wie das Mittelschiff. In ihrer Mitte steht jeweils ein schlanker, hoher Pfeiler, dar mit farbig glasierten Ziegeln reich gemustert ist.
Zu Klosterszeiten war der Raum dreigeteilt in westlichen Laienchor, östlichen Mönchschor und dem daran anschließenden Presbyterium.
Hübsch sind die Konsolen der Dienste im Mittelschiff. Sie bestehen aus Laubwerk im Stil der Hochgotik und wurden als Kalkmörtel in Formen gegossen und im Anschluss ans Abbinden fein modelliert.
Die Triforiumsgalerie zwischen Mittelschiffsarkaden und Obergaden ist nur aufgemalt, es handelt sich also um ein Scheintriforium. Ein echtes Triforium war nach den Bauregeln der Zisterzienser verboten, eine kahle Wand wollte man aber auch nicht.
Sehr auffällig ist für den heutigen Besucher die Farbgestaltung des Innenraumes. Sie stellt eine weitgehende Rekonstruktion des mittelalterlichen Zustandes dar und entstand seit 1980. Die vorherrschenden Farben sind rot, blau und weiß, welche als Marien-Farben gelten, der die Klosterkirche wie alle Zisterzienser-Kirchen geweiht war. Auch die backsteinfarbende Bemalung der Wände mit den weißen Fugenstrichen geht auf mittelalterliche Originalzustände zurück. Die häufig in Backsteinkirchen zu findende Farbgebung wurde wohl gewählt, da die echten Backsteine zu unregelmäßig geformt, aber auch gefärbt waren.
Von den mittelalterlichen Glasmalereien haben sich nur marginale Reste erhalten.
Bemerkenswertestes Ausstattungsstück ist der Flügelalter, der um 1300 entstand und somit eines der ältesten Exemplare seiner Art ist. Flügelaltäre entstanden ursprünglich wohl als funktionelle und konstruktive Mischung aus steinerner Alterrückwand und Reliquienschrein.
Der Flügelaltar in Bad Doberan ist ohne seine Filialtürme vier Meter hoch, der mittlere Filialturm ist sechs Meter hoch.
Die Skulpturen in den Flügeln stellen Gestalten aus dem Alten und dem Neuen Testament dar, die im Mittelalter gerne einander gegenübergestellt wurden, da dem Alten Testament viele Andeutungen für Ereignisse aus dem Neuen Testament zu entnehmen geglaubt wurde. Die Figuren erinnern an die französischen Kathedralskulptur der gleichen Zeit; ob sie eher aus Lübeck oder dem Raum Magdeburg/Westfalen nach Mecklenburg kamen, ist unsicher.
Die Figuren in den unteren Reihen der Altarflügel sind jünger also die oberen Figuren. Sie stammen aus der Zeit um 1370.
Aus der gleichen Zeit stammt auch der Sakramentsturm im Altarraum. Er ist 11,6 Meter hoch und gilt als ältester noch bestehender derartiger Turm in Deutschland. Der Stil der Figuren entspricht den Figuren auf dem Kreuzaltar.
Der Kreuzaltar wiederum steht inzwischen wieder an der Stelle, an der er auch im Mittelalter stand. Er trennte Mönchschor vom Laienchor. Der Kreuzaltar besteht aus einen zweiseitigen Flügelaltar. Das bedeutet, das auch die Rückseite des Altars eine Schauseite ist, die vom Mönchschor aus eingesehen werden konnte und kann. Auch der Kreuzaltar stammt aus den Jahren vor 1370. Die Figuren des Altars sind wieder eine Gegen- überstellung alt- und neutesta- mentarischer Gestalten.
Über dem Kreuzaltar hängt das 15 Meter hohe monumentale Triumphkreuz des Bad Doberaner Münsters. Auch das Triumphkreuz ist zweiseitig gestaltet. Kreuzaltar und das Triumphkreuz bilden in ihre erhaltenen Gemeinsamkeit ein bedeutendes Kunstwerk, welches sich mit dem berühmten Meister Bertram (um 1335-1415) verbinden lässt, der ab 1367 in Hamburg nachweisbar ist.
Ein weiteres bedeutendes Kunstwerk des Münsters ist ein Kelchschrank aus der Zeit um 1300, von dessen 16 Relieffiguren noch vier erhalten sind. Der Kelchschrank ist etwas älter als der Hochaltar und damit vermutlich das älteste Kunstwerk der Kirche. Er diente ursprünglich als Aufbewahrungsort für die Abendmahls-Utensilien. Auf der Innenseite des Schranks sind Melchisedek mit dem Kelch und Abel mit dem Lamm dargestellt, zwei alttestamentarische Figuren, die mit dem Abendmahl aus dem Neuen Testament in Verbindung gebracht wurden.
Im Presbyterium hängt der so genannte Marienleuchter vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Die Madonna auf dem Leuchter stammt aus der Zeit um 1300 und stand wohl ursprünglich im Hochaltar. Später wurde die Figur für den Leuchter zur Strahlenkranzmadonna umgestaltet.
Auch das Chorgestühl hat sich vollständig erhalten und stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das Gestühl ist aus Holz und zeigt als Dekoration Pflanzenornamente und symbolische Tierdarstellungen.
Das Münster in Bad Doberan enthält mehrer Gräber, unter anderem das des Gründers Pribislav, der aber erst im 19. Jahrhundert seine derzeitige Grabplatte erhalten hat. Auffälligstes Grabmal dürfte das Mausoleum sein, welches sich in der Scheitelkapelle des Chorumganges befindet. Das Grabmal entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts, zeigt aber noch manieristische Formen. Hier beigesetzt wurden der Herzog Adolf Friedrich I. (1601-1658) und seine erste Frau Anna Maria (1601-1634). Adolf Friedrich I. ist vor allem dafür berühmt geworden, dass Albrecht von Wallenstein ihn und seinen Bruder während des Dreißigjährigen Krieges vertreiben ließ und erst der Schweden-König Gustav-Adolf den Herzögen ihr Mecklenburg wiederbeschaffen konnte. Im Mausoleum finden sich zwei schöne Figuren aus der Entstehungszeit, die den Herzog und dessen Frau darstellen.
Die Klosterkirche in Bad Doberan ist heute wegen seiner schönen Ausmalung, seiner weitestgehend erhaltenen mittelalterlichen Ausstattung und des umgebenden Parks eine beliebte Touristenattraktion an der Ostsee. Nicht umsonst wird die Kirche als Perle der norddeutschen Backsteingotik gepriesen.
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