Halb und halb: Kathedrale St. Veit in Prag

7. Januar 2008

Veitsdom in Prag, Ansicht von Süden (Foto: Ludek)

Es gibt britische Kunsthistoriker, die meinen, der bedeutende, mittelalterliche Architekt Peter Parler hätte dereinst England bereist, dort die in der Tat großartigen englischen Kathedralen gesehen und hätte anschließend voll der Inspiration das innovative Netzgewölbe erfunden. So wäre der Perpendicular Style, der in der späten englischen Gotik so mannigfaltige Gewölbeformen hervorbrachte, weiterhin eine rein englische Entwicklung. Ansonsten müsste man nämlich fragen, ob die Gewölbekunst der Insel nicht doch ursprünglich auf Parler und den Veitsdom in Prag zurückginge. Wie auch immer: das Netzgewölbe im Chor der Prager Kathedrale entstand um 1400. Ungefähr zur gleichen Zeit begann man in England mit ähnlichen Gewölben. Es ist also durchaus möglich, das Parler Einfluss in England hatte.

Doch auch schon vor der so einflussreichen Entwicklung des Netzgewölbes am Ende des 14. Jahrhunderts gab es auf der Prager Burg kirchliches Leben an der Stelle, an der sich heute die St. Vitus, St. Wenzel und St. Adalbert-Kathedrale erhebt, kurz Veitsdom genannt.

Um 925 gründete nämlich der böhmische Herzog Wenzel I. (903, 908 oder 910 bis 929 oder 935) eine erste Kirche und weihte sie dem heiligen Veit (oder Vitus). Grund für die Wahl des Heiligen könnte gewesen sein, dass Wenzel um diese Zeit vom Kaiser Heinrich I. eine Armreliquie des Veits geschenkt bekommen hatte. Eine andere mögliche Erklärung ist, das Sankt Veit so ähnlich klingt wie Svanterit. Svanterit war der Name des slawischen Sonnengottes. Wenzel, den man später den heiligen Wenzel nennen sollte, wollte den Slawen den Wechsel der Religion vielleicht einfacher gestalten. Noch bis in das 11. Jahrhundert sollten auf der Prager Burg Christen und die Anhänger des slawischen Pagan-Kultes nebeneinander leben können.

Die erste Kirche am Ort war eine frühromanische (ottonische) Rotunde. Als 1060 Prag Bischofssitz wurde befand man diese Rotunde jedoch als für zu klein und unter Spythinev II. und dessen Bruder und Nachfolger Wratislav II. wurde eine neue, größere Kirche erbaut.

Veitsdom in Prag, Chor (Hynek Moravec)

Bislang konnte jene Kirche im Stil der Romanik noch nicht genau rekonstruiert werden, aber es handelte sich wohl um eine dreischiffige Basilika mit zwei Chören, zwei Querschiffen und zwei Türmen am westlichen Querschiff. Die Architektur dieses Baues orientierte sich wahrscheinlich an Kirchen im Reich, namentlich St. Michael in Hildesheim und dem Dom zu Speyer.

In den Neubau war die südliche Apsis der Rotunde Wenzels integriert worden, da in der besagten Apsis Wenzel nach seinem Tode seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Schon in dieser frühen Zeit entwickelte sich der Kult um den heiligen Wenzel als wesentlich anziehender als der um den eigentlich Patron Veit.

Da Prag nun Bischofssitz war, baute man südlich der Kirche auch einen Bischofspalast, der im 12. Jahrhundert wohl auch noch einmal vergrößert wurde.

Die heutige gotische Kathedrale fand ihre Grundsteinlegung am 21. November 1344. Initiiert wurde der Bau von Karl IV. König von Böhmen, der elf Jahre später auch Kaiser im Reich werden sollte. Die neue Kirche plante Karl als Krönungskirche und als Grablege der böhmischen Könige, aber auch als Aufbewahrungsort der bedeutendsten Reliquien des Königreiches. Eine weitere, sehr bedeutende Aufgabe war natürlich auch die Kirche als Grab des heiligen Wenzel, welches als Pilgerziel immer bedeutender wurde und entsprechenden Rahmen und Raum brauchte.

Veitsdom in Prag, Mosaiken an der Golden Pforte (Foto: Ludek)

Erster Baumeister der Kathedrale war der Franzose Matthias von Arras, der auch am Bau des Papstpalastes in Avignon beteiligt war. Als Franzose entwarf Matthias eine Kirche, die sich am Stil der französischen Gotik orientiert. Die Grundlage dieses Entwurfes ist heute noch Basis des Baus. So entstand eine dreischiffige Basilika mit Strebewerk, kurzem Querschiff, fünfjochigem Chor, einem zehneckigen Chorabschluss, Chorumgang und einem Kranz aus Chorumgangskapellen.

1352 starb Matthias bereits. Sein Nachfolger wurde der erst 23jährige Peter Parler (ca. 1330-1399), der als Sohn des Baumeisters Heinrich Parler bereits am Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch-Gmünd beteiligt war. Peter Parler orientierte sich in Prag zunächst an den Plänen des Matthias und baute auf der Nordseite des Chores die Sakristei und auf dessen Südseite eine Kapelle. Als die von Matthias begonnenen Teile der Kirche abgeschlossen waren, begann Peter Parler eigene Ideen umzusetzen.

Seine folgenreichste Idee war das schon eingangs erwähnte Netzgewölbe, mit dem er den Chor einwölbte. Nach dem Architekten und seiner Familie wird das Netzgewölbe in dieser Form auch Parler-Gewölbe genannt.

Man sieht dem Werk Parlers an, dass er gelernter Bildhauer und Holzschnitzer war. Während sein Vorgänger Matthias vor allem eine intensive Ausbildung in der Geometrie genossen hatte, weshalb seine Entwürfe auch von einem strengen System an Proportionen und klaren, mathematischen Kompositionen geprägt waren, betrachtete Peter Parler Architektur eher als Skulptur. Darum „spielte“ Parler mit dem Stein, welches sein Baumaterial war und schuf eine Vielzahl von Formen.

Veitsdom in Prag, neogotische Westfassade (Foto: Wizzard)

Ein Beispiel für die Arbeit Peter Parler sind sicher die Säulen der Kirche, die Parler wieder in ihrer reinen, runden Form verwandte, die zuvor noch in der Hochgotik und deren Bündelpfeiler vergessen war. Weitere Beispiele sind das Kuppel-Gewölbe in der neuen St. Wenzel-Kapelle, das Vor- und Zurückschwingen der Wände im Obergaden und das Maßwerk seiner Fenster. Kein Fenster im Veitsdom zeigt das gleiche Maßwerk, alle sind verschieden.

Von Peter Parler stammen auch die Büsten, die im Triforium aufgestellt sind. Die berühmten Skulpturen zeigen die Gesichter der königlichen Familie, Heilige, Prager Bischöfe, aber auch die zwei Baumeister des gotischen Domes, also auch Peter Parler im Selbstporträt.

Sicherlich ein herausragender Teil der Kirche ist die Wenzel-Kapelle. Hier werden auch heute noch die sterblichen Überreste des Heiligen aufbewahrt. Die Kapelle wurde zwischen 1344 und 1364 nach Plänen Peter Parlers erbaut. Besonders das Netzgewölbe verdient Beachtung. Die unteren Wandteile der Kapelle sind mit 1300 Halbedelsteinen geschmückt, zwischen denen Bilder die Passionsgeschichte illustrieren. Schmuck und Bilder stammen aus den Jahren 1272-73. Der obere Teil der Kapellen-Wände zeigt Lebensbilder des heiligen Wenzel und entstanden zwischen 1506 und 1509. In der Mittel der Wenzelkapelle befindet sich die berühmte Skulptur des Heiligen, die ein Werk des Jindrich Parler, eines Neffen des Peter, ist und gleichfalls 1373 entstand. Von der Kapelle ab geht eine kleine Pforte mit sieben Schlössern. Sie führt zur Kronkammer, in der die Kronjuwelen Böhmens aufbewahrt wurden und werden.

Veitsdom in Prag, Grab des hl. Wenzel in der Wenzel-Kapelle (Foto: Rémi Delligent)

Die Bauarbeiten an der Prager Kathedrale zogen sich hin. Das war auch dem Umstand geschuldet, dass Peter Parler zeitgleich mehrere weitere Kirchen-Projekte betreute. Auf jeden Fall starb der Architekt 1399. Zu diesem Zeitpunkt waren erst der Chor und Teile des Querschiffes vollendet. Nachfolger Peter Parlers wurden ab 1406 seine Söhne Wenzel und vor allem Johannes. Zu den beiden kam Meister Petrilk, ebenfalls aus der Parler-Schule. Die drei Architekten schafften es, das Querschiff zu vollenden und den großen Turm auf der Südseite – der Schauseite der Kathedrale – in beachtliche Höhe zu bringen. Zu ihrer Zeit entstand auch der Giebel, der auf der Südseite den Südturm und das südliche Querhaus verbindet. Aufgrund der goldenen Mosaike am Südgiebel, die das Jüngste Gericht zeigen, wird das Südportal auch Goldenes Tor genannt. Durch dieses Portal betraten die Könige zu ihrer Krönungszeremonie die Kathedrale.

Als 1430 die Hussitenkriege begannen, stoppten die Bauarbeiten und sollten bis in das 19. Jahrhundert auch weitestgehend ruhen. Während der Kriege wurde von den bilderfeindlichen Hussiten ein Großteil der mittelalterlichen Ausstattung zerstört. Zu allem Unglück richtete 1541 auch noch ein Großfeuer in der Kirche großen Schaden an.

Die Kathedrale stand die nächsten Jahrhunderte nur halbfertig. Das Querschiff war nach Westen mit einer Wand provisorisch abgeschlossen worden. Anstelle des Langhauses, das völlig fehlte, befand sich eine Holz gedeckte Konstruktion, in der Gottesdienste außerhalb des dem Klerus vorbehaltenen Chores stattfinden konnten. Mehrere Versuche, die Bauarbeiten wieder anzuschieben, schlugen fehlt. So beauftragte Ende des 15. Jahrhunderts König Vladislav Jagiellon den großen Renaissance-Architekten Benedict Ried mit der Fortführung der Bauarbeiten, doch schon bald nach deren Beginn waren die Gelder alle.

Spätere Versuche brachten der Kathedrale einige Ergänzungen aus Renaissance und Barock; die bedeutendsten sind sicher die Barockhaube auf dem großen Südturm und die barocke Orgel im nördlichen Querhaus.

Bis 1844 blieb die Kirche nun im unfertigen Zustand. Im selben Jahr stellten der Kanoniker Vácslav Pešina zusammen mit dem Architekten Josef Kranner vor der Deutschen Architektenkammer in Prag ihre Pläne vor, wie die Kirche doch noch vollendet werden könnte. Kurz darauf gründete man eine Union zur Vollendung der Kathedrale St. Veit in Prag, die sich allerdings zunächst der dringenden Renovierung des Baus annehmen musste.

Die Leitung dieser Tätigkeiten übernahm zunächst Josef Kranner, der zwischen 1861 und 1866 nicht nur restaurierte, sondern bei der Gelegenheit auch einen Großteil der barocken Ausstattungsstücke rausreißen ließ.

1870 waren schließlich auch die Fundamente des Langhauses fertig. Nach Krannes Tod übernahm Josef Mocker 1873 das Projekt. Unter seiner Leitung entstand die nicht unumstrittene Westfassade im neogotischen Stil, die sogar mit zwei Türmen versehen wurde. Nicht unumstritten war die Fassade, da durch sie ein neuer Schwerpunkt des Baues im Westen entstand, obwohl nach den Mittelalterlichen nur die Südfassade, die zur Stadt wies, der Schwerpunkt sein sollte. Nach dem Tode Mockers vollendete der Architekt Kamil Hilbert die Kathedrale nach den Plänen Mockers.

Große tschechische Künstler trugen im 20. Jahrhundert zum Schmuck der Kirche bei. So arbeitete in den zwanziger Jahren Vojtěch Sucharda an der Westfassade. Die Glasfenster im nördlichen Langhaus schuf der bedeutende Jugendstilmaler Alfons Mucha. Die große Fensterrose, die Bilder aus der Schöpfungsgeschichte zeigt, ist ein Werk von Frantisek Kupela. Die Rose entstand von 1925 bis 1927.

1929 – zum großen Wenzel-Jubileum – war die Kathedrale endlich vollendet. 600 Jahre Bauzeit bedurfte es. Dass die Kirche fast zur Hälfte aus neogotischen Teilen besteht, sieht an ihr allerdings kaum an, da sich die Architekten des 19. Jahrhunderts an den Plänen Peter Parlers orientierten.

Der Veitsdom hatte für das Spätmittelalter eine bedeutenden Rolle als Vorbild. Viele Bauten, die in der Spätgotik entstanden, zeigen den Einfluss der Parlerschen Innovationen, was nicht nur daran lag, das der Parler-Clan an vielen Kirchenbauten beteiligt waren. Einflüsse zeigen zum Beispiel der Stephansdom in Wien, aber auch das Straßburger Münster. Besonders das Netzgewölbe sollte zu einem Kennzeichen der deutschen Spätgotik werden.

Aktuell streiten sich die katholische Kirche in Tschechien – der Veitsdom ist eine römisch-katholische Kirche und Sitz eines Erzbischofs – und der tschechische Staat darum, wem die Kathedrale gehört. Verschiedene Gerichte haben bislang verschieden entschieden. Interessant ist das auch für Touristen, da die katholische Kirche als Eigentümer den unentgeltlichen Besuch der Kirche ermöglichen möchte, während der Staat Eintritt nehmen will und wird, wenn er darf.

Katedrála St. Víta (en, cz)

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