Mord und frühe Gotik: Kathedrale von Canterbury

Kathedrale von Canterbury, mittelalterliches Glasfenster zeigt St. Thomas Becket (Foto: Holly Hayes)

Die Kathedrale von Canterbury ist mit einem der berühmtesten Morde der Geschichte verbunden.Am 29. Dezember 1170 erschlugen Ritter des englischen Königs Heinrich II. den Erzbischof Thomas Becket im Nord-Ost-Querhaus der Kirche. Kurz zuvor hatte Heinrich, der des öfteren mit dem energischen Kirchenmann in Streit geraten war, etwas zu laut geseufzt. „Wer befreit mich von diesem lästigen Priester,“ soll der König dabei gesagt haben. Diese Worte hatten einige umstehende Ritter wohl zu ernst genommen und in die Tat umgesetzt. Doch die Ungeheuerlichkeit, einen Bischof in einer Kirche zu erschlagen, führte schon bald dazu, dass Canterbury einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der britischen Inseln wurde. Die Geschichte der Kathedrale reicht jedoch wesentlich weiter zurück, nämlich bis ins sechste nachchristliche Jahrhundert.


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597 schickte der Papst Gregor der Große den späteren heiligen Augustinus von Canterbury zur Mission der Angeln und Sachsen nach England. Der Erfolg der Mission zeigte sich 602 in der Gründung einer Kirche an der Stelle der heutigen Kathedrale von Canterbury. Augustinus weihte seinem Bau Christus dem Erlöser. Reste der Kirche wurden bei Grabungen 1993 gefunden. Dabei stellte sich auch heraus, das die Kirche quer über einer alten Römerstraße errichtet war.

Augustinus beließ es nicht bei der Kirche, sondern legte auch den Grundstein für ein Kloster St. Peter und Paul außerhalb der Stadtummauerung. Das Kloster wurde später seinem Gründer geweiht und diente lange als Grablege der Erzbischöfe von Canterbury.

Kathedrale von Canterbury, Blick von Südwesten (Foto: Hans Musil)

Unter Erzbischof Cuthbert (740-758) entstand an der Stelle des ersten ein zweiter Kirchenbau, der Johannes dem Täufer geweiht war. Zwei Jahrhunderte später musste auch diese Kirche weichen. Oda (941-958) erneuerte das Gebäude und verlängerte das Langhaus. Erzbischof Dunstan (um 909-988), auch er später heilig gesprochen, schloss an die Kirche ein Benediktiner-Kloster an, welches, aber erst 997 formal gegründet wurde.

1011 führte der Dänensturm genannte Feldzug dänischer Wikinger zur Beschädigung der Kirche. Nichtsdestotrotz fügte man kurz darauf einen Westchor an.

Schließlich eroberten die Normannen von Frankreich aus kommend unter Wilhelm dem Eroberer 1066 England. Der erste normannische Erzbischof von Canterbury war Lanfranc (1070-1077), ein Vertrauter Wilhelms. Er erneuerte die von den Dänen schwer beschädigte Kirche im normannisch-romanischen Stil. Vorbild war die Abteikirche St-Etienne in Caen, woher Lanfranc stammte.

Kathedrale von Canterbury, Blick in den Chor des 12. Jahrhunderts (Foto: Nina Aldin Thune)Der berühmte Anselm von Canterbury (1033-1109) erweiterte schließlich die Kirche umfangreich. So ließ er nach Osten anstelle des vorhandenen Abschlusses mit drei Apsiden einen umfangreicheren Chor errichten, um mehr Platz für die Mönche des prosperierenden Klosters zu schaffen. Die zwei seitlichen Apsiden bestehen heute noch und bilden das östliche Querhaus der Kathedrale.

Unter dem Chor ließ Anselm eine große und kunstvoll geschmückte Krypta einbauen, die heute noch besteht und die größte in England ist. Gleichfalls in dieser Zeit entstanden die beiden Westtürme und ein Vierungsturm, die sich allerdings nicht erhalten haben. Aus der Epoche Anselms stammt eventuell auch der sogenannte Thron des heiligen Augustinus, dessen Gebrauch aber erst für das Jahr 1205 erstmalig dokumentiert ist. Auch die Westkrypta entstand am Ende des 11. bzw. am Anfang des 12. Jahrhunderts in der Formensprache der Romanik. Hier liegt heute der Eingang zur Schatzkammer. In der Westkrypta wurde zwischen 1170 und 1270 auch der Schrein des Thomas Becket aufbewahrt, der schon drei Jahre nach dem Mord 1173 heilig gesprochen war.

1174 zerstörte ein Feuer die gesamten östlichen Kirchenteil. Der aus Frankreich stammende Architekt Wilhelm von Sens erneuert daraufhin den Chor im Stil der Gotik. Es finden sich alle wichtigen Elemente des Stils: Spitzbögen, Strebebögen und Kreuzrippengewölbe. Der Chor der Kathedrale von Canterbury gilt heute als Beginn der Gotik in England, aber nicht als Beginn der englischen Gotik. Denn der Stil ist hier noch vollständig französisch. Die englische Frühgotik, das Early English, zeigte sich erst in den Kathedralen von Wells 1180 und in Lincoln 1182.

Für seinen Chor verwandte Wilhelm von Sens Steine, die er aus seiner Heimat mühevoll heranbringen ließ. Das hatte mehrere Gründe. Zunächst war in England noch kein brauchbarer Steinbruch erschlossen worden. Zum anderen waren die Steine schon teilweise fertig behauen, als sie Canterbury erreichten und konnten so als Vorlagen für die Anfertigung weiterer Steine dienen. Die Aufmauerung des Chores dauert trotzdem nur zwei Jahre. 1178 stürzte Wilhelm von Sens vom Baugerüst. Sein Nachfolger wurde William the Englishman (1179-1184), der den Chor vollendete. Aus der Zeit William des Engländers stammt auch die merkwürdige Verjüngung des Chores.

Kathedrale von Canterbury, Normannische Krypta (Foto: Saxon Mosely)

Der Chorabschluss wird als Trinity-Chapel bezeichnet. Ihr folgt im Osten die 1184 eingewölbte Chorscheitelkapelle, die Beckets-Crown genannt wird und zur Aufnahme des Schreins des Heiligen bestimmt war. 1220 wurde der Schrein hierher überführt, wo er bis ins 16. Jahrhundert stand und einer umfangreichen Wallfahrt diente. Einer der Besucher war auch Geoffrey Chaucer (um 1343-um 1400), der Autor der Canterbury Tales. Die Wallfahrt brachte das nötige Geld für den Weiterbau und den Unterhalt der großen Kathedrale. Im Chor fanden auch einige weitere berühmte Engländer ihr Grab. So König Heinrich IV. (1367-1413) und Edward von Plantagenet (1330-1376), der der Schwarze Prinz genannt wurde und dessen Grabmal eine der bedeutendsten Plastiken der englischen Gotik darstellt.

Unter dem Erzbischof Simon von Sudbury (1375-1381) organisierte der Prior Chilenden (1390-1411) schließlich den Abriss der alten romanischen Langhauses und den Neubau eines Langhauses im Stil der englischen Spätgotik, also des Perpendicular Style. Im Innern stammt aus der selben Zeit eine Chorschranke, die sich aber an einem älteren Vorbild von 1304 orientiert und darum noch die Formensprache des Decorated Style, der englischen Hochgotik, zeigt. Das Langhaus selbst, welches auf den Grundmauern des romanischen Vorgängerbaus errichtet wurde, ist ein dreischiffiger basilikaler Bau.

Cathedrale von Canterbury, Blick ins Mittelschiff nach Westen (Foto: ABroke) Um 1400 wurden auch die Pfeiler des Vierungsturms mit Maßwerkbrücken auf allen Seiten in halber Raumhöhe verstärkt. 1405 wurde das Gewölbe im Langhaus, gleichfalls im Perpendicular Style, vollendet. Das Fächergewölbe im Vierungsturm stammt jedoch erst aus der Zeit um 1500. Zwischen 1490 und 1510 wurde auch der 1430 abgerissene Vierungsturm neu errichtet und erreichte schließlich eine Höhe von rund 90 Metern. Nach seinem Erbauer, dem Prior Heinrich von Eastry, wird der Vierungsturm heute auch Bell Harry Tower genannt.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert wurde auch die südliche Westturm errichtet. Um 1505 entstand an diesem Turm eine Vorhalle, die Christ-Church-Gate, die heute den Haupteingang der Kathedrale bildet.

Nach 1530wurden im Zuge der Loslösung der englischen Kirche von Rom alle englischen Klöster aufgelöst. Im März 1539 war auch Canterbury dran. Mit der Säkularisierung fand die Hochzeitspolitik König Heinrich VIII. ihren Höhepunkt. In der gleichen Zeit ließ der König auch den Schrein des Thomas Becket zerstören und die Reliquien zerstören.

Bis 1539 war das Benediktiner-Kloster von Canterbury ein bedeutendes Kloster. Aus dem Jahre 1165 existiert heute noch ein Plan, der das Kloster aus der Vogelperspektive zeigt und die deutliche Ähnlichkeit der Anlage zum berühmten St.-Gallener-Klosterplan zeigt. Allerdings gab es auch eine Ausnahme. Aus unbekannten Gründen befand sich der Kreuzgang in Canterbury und die beigeordneten Gebäude nicht wie üblich auf der Südseite der Kirche, sondern im Norden. Von den Gebäuden auf dem Plan aus dem 12. Jahrhundert existiert heute nicht mehr viel. Der Kreuzgang mit dem rechteckigen Kapitellsaal, der in die Gegenwart erreichte, entstand zwischen 1396 und 1420.

Kathedrale von Canterbury, Blick von unten in die Vierung mit Gewölbe im Perpendicular Style (Foto: Agnete)

Im späten 17. Jahrhundert wurde schließlich auch der nordwestliche normannische Turm der Kathedrale abgerissen. Erst 1830 errichtete man dann den neuen Turm als Zwilling des südwestlichen Turms, der aus der Spätgotik stammt.

Letzte große Baumaßnahme war der Ersatz des mittelalterlichen Dormitoriums, also des Schlafsaals der Mönche, durch eine neogotische Bibliothek, die im Zweiten Weltkrieg zwar zerstört, aber wiederaufgebaut wurde.

Bedeutende Ausstattungsstücke im Innern sind heute unter anderem ein Taufbecken von 1639, eine aus Holz geschnitzte Kanzel von 1898 und die Orgel von 1980. Mittelalterlich sind noch einige Glasfenster. So zeigen im Langhaus Fenster aus dem 12. Jahrhundert dreizehn Bilder aus der Abstammungsgeschichte Christi, sowie acht Könige und die zwölf Apostel. In den schräg stehenden Kapellen am Ostchor befinden sich gleichfalls noch Glasfenster aus dem 12. Jahrhundert, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zeigen.

Im Boden des Langhauses wurde 1988 eine Kompass-Rose eingelegt, die ein Symbol der anglikanischen Kirche ist. Die Kathedrale von Canterbury ist nämlich nicht nur im Mittelalter eine bedeutende Kirche gewesen. Seit dem 16. Jahrhundert ist der Erzbischof von Canterbury auch der Primas der Church of England. Mit vollen Namen heißt die Hauptkirche der Anglikaner deshalb Cathedral and Metropolitian Church of Christ at Canterbury.

Cathedral of Canterbury

Bildnachweis: 123456

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