Byzanz in Italien: Markusdom in Venedig

Markusdom, Detail mit Löwensymbol des Markus (Foto: QMeuh)

Im Mittelalter wimmelte Italien von Handelsstädten, die Zentren reicher Adelsrepubliken waren. Neben Florenz dürfte Venedig das bekannteste Beispiel sein. Die Stadt im Meer überzeugt heute jedes Jahr Millionen Touristen von einem Besuch, war aber vor 800 Jahren kein Freiluftmuseum, sondern eine wirtschaftliche Großmacht, die die Plünderung Konstantinopels durchsetzen und organisieren konnte. Ein beredter Zeuge der großen Bedeutung Venedigs bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, als Napoleon die Stadt besetzte, ist die Basilica di San Marco, im Deutschen zumeist schlicht Markusdom genannt. Bis 1797 war die Kirche zentrales Staatsheiligtum der Stadt Venedig und nahm die Reliquien des Stadtheiligen auf, des Evangelisten Markus. Auch heute noch ist die Stadt mit Löwen übersät, die das Symbol des Heiligen sind.


Weitere Bilder des Markusdom finden sich hier.


Die Basilika des heiligen Markus liegt an der zentralen Piazza San Marco im Viertel San Marco, an der auch der Dogenpalast liegt, die weltliche Zentrale Venedigs. Bis 1807 war sie kein Bischofssitz, da die Venezianer versuchten, den politischen Einfluss der Kirche auf ihre Republik zu minimieren. Der Bischof von Venedig saß mit seinem Palast weit ab vom Dogenpalast im Distrikt San Pietro di Castello am Rande der Stadt. Die Basilika neben dem Dogenpalast war funktional nicht mehr als die Palastkapelle der Dogen, der gewählten Vorsteher Venedigs.

828 wurde an gleicher Stelle die erste dem heiligen Markus gewidmete Kirche gestiftet. Dazu wurde die Hauskapelle der Dogen abgerissen und zwischen 829 und 832 eine neue Kirche gebaut. Vermutlich schon im 6. Jahrhundert hatten die Venezianer die Gebeine des heiligen Markus in Alexandria geraubt, um sie in ihre Stadt zu bringen und dort anzubeten. „Leider“ verlegte man die Gebeine jedoch an unbekanntem Ort. Markus ersetzte als Stadtheiligen damals den heiligen Theodor.
Die alte Markuskirche wurde 976 durch ein Großfeuer zerstört, dem auch der Dogenpalast und 200 weitere Häuser zum Opfer fielen. Unter dem Dogen Pietro I. Orseolo begann der Wiederaufbau, der 1094 beendet war. Im selben Jahr „fand“ man auch die Gebeine des heiligen Markus wieder. Der 26. Juni wird seitdem als Inventio Sancti Marci gefeiert.

Venedig hatte als Handelsstadt und kulturell enge Beziehung zu Byzanz. Deshalb arbeiteten auch in Venedig die Künstler nach byzantinischen Vorbildern. Der Markusdom entstand so über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes und ist somit annähernd ein Zentralbau. Die Fläche der Kirche misst 76,5 mal 62,6 Meter. An seiner höchsten Stelle, der Kuppel über der Vierung, erreicht der Bau 45 Meter. Gemäß seinen byzantinischen Vorbildern hat San Marco nicht nur eine Kuppel über der Vierung, sondern auch über jedem Kreuzarm. Damit handelt es sich um eine Kreuzkuppelkirche. Vorbild für den Markusdom war die Apostelkirche in Konstantinopel, die 536 bis 546 erbaut wurde, aber 1452 bei der Einnahme der Staat durch die Türken zerstört wurde. Auch die Apostelkirche war also eine Kreuzkuppelkirche mit fünf Kuppeln. Dieser Kirchentyp stellt im Kirchenbau die letzter gemeinsam Entwicklungsstufe der christlichen Kunst dar, bevor sie sich in einen östlichen und in einen westlichen Zweig teilte.

Markusdom, Kuppeln (Foto: Daniel Albrecht)

Neben den Kuppeln gelten als Besonderheiten des Markusdoms die antiken Säulen, die außen und innen am Bau angebracht sind, sowie die 4.240 Quadratmeter Mosaike auf Goldgrund, die der Kirche den Beinamen Goldene Basilika einbrachten. Die ältesten erhaltenen Mosaike stammen aus dem 12. Jahrhundert, der größte Teil aber aus dem 13. Jahrhundert. An der Fassade befinden sich einige Mosaike aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die auf Entwürfe von Tizian und Tintoretto zurückgehen. Diese Mosaike ersetzten ältere Vorgänger, übernahmen aber deren Bildmotive.

Die Hauptfassade des Markusdoms besteht aus zwei Etagen. In der unteren öffnen sich fünf Portale, die drei mittleren dabei zur Vorhalle. Das Haupttor selbst ist mit Löwenköpfen verziert. In den Bögen am Haupttor finden sich Skulpturen aus dem 13. Jahrhundert, die die venezianischen Zünfte, und Verkörperungen der Monate und der Tugenden zeigen. Zudem findet sich noch ein Mosaik über dem Tor, welches das Jüngste Gericht zeigt, aber erst 1816 angefertigt wurde.

In der Fensteröffnung im Stockwerk über dem Hauptportal steht auf einer Galerie eine Kopie des berühmten Viergespanns aus vergoldeter Bronze. Die vier antiken Pferde-Skulpturen und gelangen 1202 von Konstantinopel nach Venedig. Auf dem Weg zum 4. Kreuzzug hatten die Kreuzfahrer, angestiftet von den Venezianern, das christliche Konstantinopel erobert, verwüstet und geplündert. Viele der geraubten Schätze fanden ihren Weg daraufhin in die Stadt an der Adria.

Markusdom, Pferdegespann (Foto: Aleister Crowley)

Die Basilica di San Marco verfügt über eine Vorhalle, die auch Narthex genannt wird. Auch das Narthex geht auf byzantinische Vorbilder zurück. Der Mosaikschmuck der Vorhalle stammt aus der Zeit zwischen 1220 und 1290 und zeigt Szenen aus dem Alten Testament. Die Vorhalle ist 62 Meter lang und sechs Meter breit.

Das Kircheninnere von San Marco liegt heute als Folge von Absenkungen, wie alle alten Stadtteile, 23 Zentimeter unter der Umgebung. Beherrscht wird der Raum von vier mächtigen Pfeilern, auf denen und sechs Säulen die fünf Kuppeln ruhen. Zudem unterteilen Pfeiler und Säulen die Kirche in drei Schiffe.

Berühmtestes Kunstwerk des Markusdoms ist – neben den Pferden – die Pala d’Oro, was Goldenes Altarbild bedeutet. Das aus Gold, Silber, Emaille und Edelsteinen bestehende Kunstwerk ist eine Art Antependium vor dem Altar. Die Pala misst 3,45 mal 1,40 Meter und ist somit von beachtlicher Größe. Sie besteht aus 83 Emaille-Bildern, 74 Emaille-Medaillons, 38 goldenen Miniaturbüsten und 2.486 Juwelen. Unter letzteren finden sich 526 Perlen, 255 Saphire und mehrere geschnitzte Kameen.

Markusdom, Mosaiken im Narthex (Foto: Aleister Crowley)

Das Pala d’Oro ist in zwei Zonen geteilt und besteht somit aus einer Basis und einem etwas niedrigeren Aufsatz. Beide sind in einen Rahmen gefasst, der mit Filigran versehen ist. Im Zentrum der Basis befindet sich Christus als Pantokrator, als Welten- herrscher in einer Mandorla. Die Mandorla ist von vier Medaillons umgeben, die die Evangelistensymbole zeigen. Links und rechts des zentralen Motivs zeigt die Basis Darstellungen der Apostel und der Propheten. Der Rand der Basis wird von quadratischen Bildern eingenommen, die Szenen aus dem Leben Christi und aus der Überführung der Gebeine des heiligen Markus zeigen. Der Aufsatz der Pala beinhaltet eine Darstellung des Erzengels Gabriel, sowie Szenen aus den Leben Christi und Mariens.

Die ältesten Teile der Pala d’Oro wurden 978 in Byzanz angefertigt. Später kamen zwischen 1105 und 1209 in Venedig produzierte Teile hinzu und aus den Schätzen des geplünderten Konstantinopels weiter Platten aus dem 12. Jahrhundert. Seine heutige Gestalt bekam das Altarbild erst 1345 vom Künstler Gian Paolo Boninsegna, der außergewöhnlich sein Werk sogar signierte. Früher wurde das Bild nur an hohen Feiertagen gezeigt und war sonst von einem hölzernen Altarbild abgedeckt, welches sich gleichfalls erhalten hat.

Die Mosaike der Kirche gehen auf Vorbilder aus Handschriften zurück. Im Gegensatz zu antiken Mosaiken bestehen die des Markusdoms nicht aus farbigen Steinchen, sondern aus farbigem Glas, in welches nach Bedarf auch Gold- und Silberfolien eingegossen wurden.

Markusdom, Pala d'Oro (Foto: Aleister Crowley)

In der südlichen Vorhallen befinden sich im Baptisterium schöne Mosaiken aus dem 14. Jahrhundert, auf denen unter anderem Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers in der Hand tanzt.

Die das Kirchenäußere beherrschende und auch im Inneren zu finden antiken Säulen wurde 1204 teilweise aus Byzanz geholt. 2.600 Säulen, die zumeist nur Dekorfunktion haben, schmücken die Kirche. Einige der Säulen sollen sogar aus dem Tempel Salomons stammen. Die Säulen sind ein Symbol für die Macht Venedigs. Auch die vielfarbigen Marmortafeln, die die Kirche außen bekleiden, kamen erst 1204 aus Konstantinopel. Im Kern besteht der Markusdom, wie alle Kirchen Venedigs, aus Ziegeln.

Die ersten Mosaike des Doms fanden sich in der Hauptapsis über dem Hauptaltar, indem auch die Gebeine des heiligen Markus aufbewahrt werden. Erst im 14. Jahrhundert war die Kirche komplett mit Mosaiken ausgekleidet. Die Seitenschiffe zeigen Szenen aus dem Leben des Markus. Die Mosaike im linken Seitenschiff wurden dabei im 16. und 17. Jahrhundert erneuert, während im rechten Seitenschiff noch die Originale aus dem 12. und 13. Jahrhundert zu finden sind.

Die Vierungskuppel, die auch Auferstehungskuppel genannt wird, hat Mosaike aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Zu sehen sind Tugenden, Apostel und im Scheitel der Kuppel natürlich der auferstandene Christus. In den Kuppelzwickeln zeigen Mosaike die vier Evangelisten und die vier Paradiesströme.

Das Mosaik in der Hauptapsis des Markusdoms ist das wichtigste und enthält mit dem segnenden und thronenden Christus kein für diesen Ort ungewöhnliches Motiv. Unter dem Christus sind noch Heilige zu sehen. Diese Mosaike entstanden schon im 11. Jahrhundert.

400px-venicet.jpgBedeutendes Ausstattungs- stück des Markusdoms ist die Chorschranke von Dalle Masegne aus dem Jahr 1394 mit Triumphkreuz und Figuren der Maria, des Johannes und der Apostel. Zur Linken der Chorschranke steht eine Doppelkanzel, deren unterer Teil achteckig und romanischen Stils ist und der Verkündigung der Evangelien diente. Darüber befindet sich eine byzantinische Kanzel mit Kuppel, die wahrscheinlich für die Predigt genutzt wurde. Zur Rechten der Chorschranke steht eine weitere Kanzel, auf man den neugewählte Dogen präsentierte.

Bekannteste Kunstwerke sind jedoch immer noch die vier Pferde, die auch das einzige erhaltene antike Viergespann sind. Die Originale kamen vor vielen Jahr schon ins Museio Marciano, da der Smog sie völlig zu zerfressen drohte. Bei den notwendigen Restaurierungen stellte sich unter anderem heraus, dass die vergoldete Bronze schon ursprünglich zerkratzt war, damit die Pferde nicht so in der Sonne glänzten und natürlicher aussahen. Zudem zeigte sich, dass die Bronze der 1,60 Meter hohen und 875 Kilogramm schweren Figuren fast gänzlich aus Kupfer besteht, welche zwar schwieriger zu schmelzen, aber einfacher zu vergolden ist. Jedes Pferd wurde aus zwei Teilen zusammengesetzt. Die Naht wird durch das Halsband verdeckt.

Die Pferde wurden vor rund 2.000 Jahren gegossen. Wo, ist jedoch unklar. Zur Debatte stehen Rom, Griechenland, aber auch Alexandria. Ursprünglich schmückten das Gespann den Triumphbogen des Kaisers Nero in Rom. Konstantin der Große nahm sie dann mit in seine neue Hauptstadt Konstantinopel, wo er sie im Hippodrom, der Pferderennbahn, aufstellt.

1798 verschleppte Napoleon die Pferde nach Paris in den Louvre, ein Schicksal, welches die Figuren mit vielen Kunstwerken teilten. Doch schon 1815 gelangten das Gespann in Folge des Wiener Kongresses nach Venedig zurück.

Markusdom, Chorschranke und drei Kanzeln (Foto: Aleister Crowley)

An einer Ecke des Domes, der an der Porta del Cerata, befindet sich ein weiteres bedeutendes antikes Kunstwerk. Die sogenannte Gruppe der Tetrachen stammt ursprünglich aus Syrien, wurde dort um 300 nach Christus angefertigt und zeigt den Kaiser Diokletian und dessen drei Mitkaiser Maximian, Constantinus I. und Galerus. Derartige Gruppen haben sich nur selten überliefert. Kunsthistorisch ist bemerkenswert, dass in der Darstellung der Kaiser die Natürlichkeit der frühen römischen Kaiserzeit nicht mehr zu sehen ist. Die Figuren werden schematisch dargestellt. Diese strenge Form geht auf orientalische Vorbilder zurück und zeigt, dass um 300 die byzantinische Kunst die antik-römische abgelöst hatte.

Der Markusdom als Kreuzkuppelkirche ging auf byzantinische Vorbilder zurück. Selber war die Kirche Vorbild für viele Kirchen, die später mit Kuppeln ausgestattet wurden, nicht zuletzt den neuen Petersdom, der auf Entwürfe Bramantes und Michelangelos zurückgeht.

Neben der berühmten Basilica di San Marco steht der vielleicht noch berühmtere, da eindeutiger zu fotografierende, Campanile. Der Turm entstand 1511 bis 1515 und wurde auch deshalb berühmt, weil er 1902 einstürzte, als man versuchte, einen Fahrstuhl einzubauen. Wie durch ein Wunder wurde nichts zerstört – außer dem Turm. 1903 bis 1912 wurde dann ein neuer Campanile nach dem Vorbild und zum Teil mit den Steinen des ursprünglichen Bauwerks neu errichtet. Und natürlich mit einem Fahrstuhl versehen.

Basilica di San Marco

Bildnachweis: 1234567

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