Wie auch Magdeburg lag Halberstadt zur vorletzten Jahrtausendwende nicht in der Mitte Deutschlands, sondern doch ziemlich am Rande. Dabei ist mit „Deutschland“ erst einmal das Siedlungsgebiet der Deutschen gemeint, vielleicht auch noch die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches. Genau genommen lag Halberstadt, oder der Ort, an dem Halberstadt sich heute befindet, schon gar nicht mehr im deutschen Siedlungsgebiet, sondern schon im Gebiet der Slawen. Im 12. Jahrhundert ging das Gebiet sogar wieder nach einem Slawenaufstand zwischenzeitlich verloren. Gegründet wurde Halberstadt als Missionsstandort und Handlungsposten im ersten Jahrzehnt des neunten Jahrhunderts. Zu dieser Zeit entstand auch eine karolingische Missionskirche, die ein Ausgangspunkt für die mehr oder weniger gewaltsame Bekehrung der Slawen war. Erst im Laufe der Jahrhunderte entstand dann in Halberstadt der bedeutende Dom, der heute den größten Kirchenschatz beherbergt, der sich noch bei einer Kirche befindet.
Doch am Anfang stand die Verlegung des Missionssitzes von Osterwieck am Harz auf den Domberg im heutigen Halberstadt. Osterwieck hieß ursprünglich Seligenstadt. Die im 9. Jahrhunderte errichtete Kirche war eine 33 Meter lange dreischiffige Basilika, die somit rund ein Drittel der heutigen Länge maß. Im Osten des Baus lag das rechteckige Sanktuarium ungefähr auf der Höhe des heutigen Lettners. Im Zuge der Bauarbeiten, die zwischen 802 und 809 stattfanden, wurde Halberstadt im Jahre 804 auch zum Bistum erhoben. 814 bestätigte Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, den Bischofssitz. Als Administrator wurde Hildegrim eingesetzt, der ein Bruder des heiligen Liudger von Verden war.
Wohl schon vor 827 wurde der Ostteil der Kirche zu einem dreiteiligen Chor mit Nebenräumen erweitert. Unter dem Chor baute man eine Kammerkrypta ein. Daraufhin wurde vor die Westseite ein kreuzförmiger Zentralbau gesetzt, der ein Reliquiengrab erhielt. Doch schon vor 859 ersetzt ein Westwerk den Zentralbau. Auch das Sanktuarium wird ersetzt. An seine Stelle wird ein durchlaufendes Querhaus errichtet. Dadurch wurde es notwendig, den Bereich des Chores nach Osten zu verschieben. Der erneuerte Chor endete nun in einer Scheitelkapelle, die den Grundriss eines Kreuzes hatte. Zudem wurde eine umlaufende Ringkrypta unter dem Chor gebaut. Die Bischofskirche war nun 74 Meter lang und wurde 859 durch Hildegrim II. geweiht.
968 erhob Kaiser Otto I. seinen Lieblingsort Magdeburg zum Erzbischofsitz. Halberstadt hatte das Nachsehen. Die Konkurrenz zu Magdeburg blieb jedoch groß, auch wenn Halberstadt sie am Ende verlor und im ausgehenden Mittelalter ab 1480 das Bistum Halberstadt sogar aus Magdeburg mitverwaltet wurde. Allerdings wurden in ottonischer Zeit in Halberstadt auch massive Umbaumaßnahmen an der Kirche vorgenommen. So erhielt der Bau eine neues Westwerk und wurde das Mittelschiff auf 31 Meter und acht Arkaden verlängert. Die Arkaden wiesen im verlängerten Mittelschiff einen einfachen Stützenwechsel auf, eine Säule wechselte also jeweils mit einem Pfeiler ab.
Zusätzlich zum verlängerten Mittelschiff erhielt die Kirche in ottonischer Zeit ein neues Querhaus. Erneuert wurden auch das Sanktuarium, die Scheitelkapelle und die Krypta. Der Ostteil allerdings wurde vom Karolingerbau übernommen. Man errichtete das Mauerwerk jedoch vollkommen neu. Der ottonische Bau wurde 992 in Anwesenheit von Otto III. feierlich geweiht. Der Bau war nun 82 Meter insgesamt lang. Im 10. Jahrhundert erweiterte man auch das Patrozinium des Doms, welches zuerst nur dem Erzmärtyrer Stephanus unterstand, dessen Reliquien schon Hildegrim aus seiner Heimat Frankreich mitgebracht hatte. Nun erhielt Halberstadt auch Reliquien des heiligen Sixtus und dieser wurde auch Patron.
1060 machte ein Brand größere Renovierungsarbeiten unter Bischof Buko II. notwendig. Die erneute Weihe erfolgte 1071. Zu dieser Zeit wurde an der Nordseite der Kirche auch ein Bischofspalast errichtet. Neu entstand auch die Liudgerkapelle, die vermutlich als privates Bethaus des Bischofs gedacht war.
1179 wurde Halberstadt im Zuge der Thronkämpfe Heinrich des Löwen teilweise niedergebrannt, da der damalige Bischof Ulrich auf Seiten der Staufer stand. Auch der Dom nahm Schaden und musste repariert werden. Im Rahmen dieser Ausbesserungs- arbeiten wurden dann die bislang flachgedeckten Teile der Kirche eingewölbt. 1195 waren die Arbeiten abgeschlossen. In dieser Zeit entstand auch ein Lettner im Ostteil des Mittelschiffs, über dem die heute noch erhaltene Triumphkreuzgruppe eingesetzt wurde.
Im zweiten Viertel des 12. Jahrhundert entstand auch ein Kreuzgang, von dem wenige Reste im heutigen Kreuzgang erhalten sind. 1150 errichtete man einen den Alten Kapitellsaal, der heute einer der ältesten Teile des Doms sind. Der Kapitelsaal befindet sich an der Ostseite des heutigen Kreuzganges. Ein Kreuzgang ist in der Regel Hinweis auf eine Klausur bei einer Kirche. In der Tat ist für Halberstadt seit 923 eine Klausur belegt. Im 11. Jahrhundert wurde daraus ein Chorherrenstift, dessen Chorherren jedoch reich waren und in privaten Wohnhäusern am Domberg wohnten.
Schon 16 Jahre nach der Weihe des romanischen Doms begannen 1236 (spätestens 1239) die Arbeiten am gotischen Bau. Anlass war natürlich die Konkurrenzsituation zu Magdeburg, wo 1209 die Arbeiten am Chor des neuen Doms begonnen hatten. 250 Jahre sollten nun die Arbeiten an der neuen Kirche dauern. Ergebnis war schließlich eine dreischiffige Basilika mit 106 Metern Länge. Als Baumaterial wurde Muschelkalkstein von Huy und aus Blankenburg verwendet. 1486 war der neue Dom endlich soweit fertig gestellt.
Begonnen wurde etwas untypisch an der Westfassade, vor die auch noch eine kleine Vorhalle gesetzt wurde, die aber nicht erhalten ist. Zu sehen sind zu beiden Seiten des Portals jedoch noch Bündelpfeiler als Rest dieser Vorhalle. Zur Westfassade gehören auch die Türme bis zur Höhe des Rundbogenfrieses. Dieser Bauteil spiegelt noch den Übergang von der Romanik zur Gotik.
Über dem Portal der Westfassade findet sich im Tympanon eine sehr verkürzte Darstellung des Jüngsten Gerichts. Untern sieht man einen Löwen, der den Teufel darstellen soll. Oben wird der thronenden Christus gezeigt, dem die vier Evangelistensymbole zur Seite gestellt sind. Klein finden sich daneben noch die Gesichter von Menschen, der verschiedensten Stände, die symbolisieren sollten, das vor dem Gericht alle gleich sind.
Ab 1263 wurde mit der Errichtung der drei westlichen Joche des Langhauses begonnen. Um 1317 war dieser Bauabschnitt abgeschlossen. In den 40. Jahren des 14. Jahrhunderts wurde dann in einer dritten Bauphase begonnen, die dieses Mal im Osten ansetzte. Dort wurde zunächst im Scheitel des Chores die Marienkapelle errichtet, welche 1362 konsekriert werden konnte. In der Marienkapelle befinden sich heute die ältesten Glasmalereien des Doms. Sie werden in die Mitte des 14. Jahrhunderts datiert. 1401 wurde dann der lang gestreckte Chor geweiht. Im Chor haben sich steinerne Altäre aus der Erbauungszeit erhalten, die den Aposteln geweiht waren.
Zwischen 1437 und 1463 errichtete man schließlich die östlichen Joche der Seitenschiffe. Als letztes kam der Ostteil des Mittelschiffes an die Reihe. Er erhielt wie die älteren, westlichen Teile des Langhauses ein Kreuzrippen- gewölbe. So hielt sich die Spätgotik im Inneren an die Ästhetik der vorangegangen früh- bzw. hochgotischen Stilepoche. 1491 erfolgte die Weihe der fertigen Kirche durch Erzbischof Ernst II. von Sachsen.
Im Innenraum sind die 250 Jahre Bauzeit tatsächlich nur schwer ablesbar. Die Dienste im jüngeren Teil werden zwar ohne Kapitelle in die Gewölbe geführt und auch sind im Osten die Abstände zwischen den Langhauspfeilern geringer, was insgesamt die Vertikale des Raumes betont, aber stilistisch ist der Innenraum ziemlich einheitlich. Im Außenbau sind die zweieinhalb Jahrhundert hingegen deutlich sichtbar. Vor allem an der Nordseite sind die Strebebögen und -pfeiler des westlichen Teils schlicht, die des spätgotischen östlichen Teils hingegen eher überladen und prunkend. Auch das Nordportal fügt sich dem Geschmack der Zeit. Es entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Am Portal finden sich Darstellungen des Marientods und der Martyrien der Schutzheiligen des Doms.
Der Dom zu Halberstadt hat eine sehr reiche Ausstattung, die zu großen Teilen noch aus dem Mittelalter stammt. Aus dem 14. Jahrhundert stammen beispielsweise die Glasmalereien in der Marienkapelle, obwohl sie im 19. Jahrhundert ergänzt wurden. Im Mittelfenster finden sich Szenen aus der Kindheit und der Passion Christi. Die Seitenbahnen zeigen Geschichten aus dem Alten Testament, die Wurzel Jesse und Propheten.
Die zwölf Fenster des Chorumganges sind ebenfalls mit Glasmalereien versehen. Sie stammen vor allem aus dem 15. Jahrhundert, wurden aber auch im 19. Jahrhundert ergänzt. Weitestgehend vollständig sind noch das Christusfenster und die Fenster zu Maria, Johannes und das Martinsfenster. Außerdem finden sich Fenster zu Stephanus, Dionysius und Karl dem Großen, der als Gründer in Halberstadt wie ein Heiliger verehrt wurde. Die letztgenannten Fenster sind größtenteils nur fragmentarisch aus dem Mittelalter überkommen.
Reich ist auch die Ausstattung des Domes an Skulpturen. So haben sich vor allem im Chor zahlreiche Pfeilerfiguren erhalten, die unter anderem die Apostel darstellen. Die Skulpturen stammen aus der Zeit zwischen 1380 und 1510.
Auch die Lettnerhalle, die 1510 entstand, ist mit Skulpturen geschmückt. Sie zeigen Sixtus und Stephanus, flankiert von der Gottesmutter und Katherina von Alexandrien. An der Südseite der Halle stehen noch Skulpturen der beiden heiligen Ärzte Kosmas und Damian.
Über dem Lettner befindet sich das wohl bedeutendste Ausstattungsstück des Doms: die spätromanische Triumphkreuzigungsgruppe. Sie ist die früheste erhaltene Darstellung des Themas und stammt noch aus dem romanischen Vorgängerbau. Geschaffen wurde die Gruppe um 1220. Im Zentrum befindet sich Christus am Kreuz. Zu seinen Füßen ein Drache, am Fuß des Kreuzes Adam. Jesus erscheint hier als Überwinder der Bösen und der Sünde. Zu den Seiten des Kreuzes stehen Maria und Johannes. Die Gottesmutter steht dabei auf einer Schlange, Johannes auf einem besiegten heidnischen König. Ganz außen befindet sich jeweils noch ein sechsflügliger Engel – Mischwesen aus Serphim und Cherubim wie sich sie sich beim Propheten Jesaia finden. Beide Engel stehen auf Feuerrädern, von denen der Prophet Ezechiel berichtet. Propheten finden sich als Halbfiguren auch auf der Vorderseite; auf der Rückseite hingegen Apostel. Dort sind direkt unter dem Kreuz die Frauen dargestellt, die am Morgen zu Grab gehen, ein Verweiß auf die Auferstehung.
Bemerkenswert ist im nördlichen Chorumgang noch eine Verkündigungsgruppe aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Gabriel und Maria waren ursprünglich durch ein Spruchband verbunden. Aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts stammen im Hohen Chor das Gestühl, der Adlerpult, der Sakramentsschrein und die Tür zum nördlichen Chorumgang, welche noch die originale Bemalung zeigt. Aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt der Radleuchter im gleichen Raum.
Ein Meisterwerk des Manierismus ist das Grabmal für Friedrich von Hohenzollern, welches im Jahr 1558 entstand, sechs Jahre nach dem Tod Friedrichs. Auf dem Grabmal finden sich zahlreiche figürliche Allegorien und Darstellungen, die die Nichtigkeit des irdischen Ruhmes betonen.
Die Kanzel entstand 1592 und ist Zeugnis der protestantischen Zeit des Doms. Erst ein Jahr zuvor wurde sie unter Bischof Heinrich Julius eingeführt. Der Chorherrenstift blieb aber noch bis zur Säkularisation 1810 bestehen. Das Bistum Halberstadt selbst ging nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 in den Besitz des Kurfürstentums Brandenburg über. Gemäß der evangelischen Ikonografie finden sich am Kanzelaufgang Darstellungen der drei Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Am Kanzelkorb sind die Evangelistensymbole zu sehen. Unter der Treppe wird der alttestamentarische Simon gezeigt, wie er den Tempel der Philister zum Einsturz bringt. Direkt unter dem Kanzelkorb ist ein Totentanz dargestellt.
Das Orgelprospekt entstand in der Epoche des Barock und wurde von Heinrich Herbst 1718 geschaffen. Barock sind auch viele Grabmäler.
Im Zweiten Weltkrieg erhielt zwar auch der Dom einige Bombentreffer, kam aber weit aus glimpflicher davon, als die Stadt Halberstadt, die schwere Zerstörungen erlitt. So konnte bereits 1956 die Kirche wieder eingeweiht werden.
Beim Dom befindet sich die Domschatzkammer, welche rund 600 Stücke aus 1.000 Jahren Kirchengeschichte beinhaltet und eine der bedeutendsten ihrer Art ist. Am berühmtesten sind wohl der Abraham-Teppich und der Christus-Apostel-Teppich. Sie sind die frühesten erhaltenen Bildwirkereien Europas und stammen aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und somit aus der Romanik.


