Während die Gotik in Frankreich, in Deutschland und auch in England große Blüte und hohe Kathedralen hervorbrachte, wurde sie in Italien eher stiefmütterlich behandelt. Vielmehr ging dort die Spätromanik relativ fließend in die Früh-Renaissance über und wenn gotische Formen verwandt wurden, wie im Dom von Florenz, dann sind sie kaum wieder zu erkennen. Etwas anders verhält es sich mit der Architektur der Bettelorden, die in Italien sozusagen die Fahne der Gotik hochhielten. Das prominenteste Beispiel und auch das früheste ist sicher die Basilika des Heiligen Franziskus im umbrischen Städtchen Assisi, die die Grablege des Heiligen Franziskus birgt, des Gründers der Franziskaner. Die Basilica San Francesco ist aber nicht nur aus architektonischer Sicht einzigartig, sondern sie ist auch die beeindruckendste Ansammlung der (Fresko-)Malerei des italienischen Trecento, also des 14. Jahrhunderts, während der im Grunde genommen die europäische Malerei nach der langen Zeitlücke der Nachantike und des frühen Mittelalters „neu“ erfunden wurde.
Die Basilica San Franceso liegt am Westrand von Assisi, direkt am Hang des Monte Subasio. An diesem etwas abgelegenen Bereich stand früher die Hinrichtungsstätte des Ortes. Franziskus selbst hatte diesen Ort für sein Begräbnis ausgesucht, da auch Jesus an einem Hinrichtungsort – Golgatha – gestorben war. Dieser besonderer Baugrund machte es allerdings notwendig, die Kirche mit dem Altar nach Westen zu drehen, damit die Schauseite bzw. die Fassade zum Ort zeigen konnte. Die Grundsteinlegung erfolgte am 17. Juli 1228 durch Papst Gregor IX. persönlich, einen Tag nach der Heiligsprechung. Franziskus war zwei Jahre zuvor, am 3. Oktober 1226 gestorben.
Eines der berühmtesten Merkmale der Basilica San Franzesco ist, dass sie als Doppelkirche angelegt. Sie verfügt über eine Oberkirche (Basilica Superiore), die durch ein Portal in der Westfassade betreten werden kann und über eine darunter gelegene Unterkirche (Basilica Interiore), die über ein eigenes, seitliches Portal von Außen zugänglich ist. Die Hanglage des Gesamtbaus, für deren Bau umfangreiche Erdarbeiten nötig gewesen sein dürften, macht es wahrscheinlich, dass die Kirche bereits als Doppelkirche geplant gewesen ist. Als Ideengeber wird heute Elias von Assisi gesehen, der zunächst Generalvikar des Ordens war und ab 1232 Generalminister. Elias hatte auch bis 1239 die Bauleitung für die Grabeskirche des Ordensgründers.
Schon zwei Jahre nach Baubeginn war die Unterkirche soweit fertiggestellt, dass der Leichnam des heiligen Franziskus in ihr beigesetzt werden konnte. Die genaue Grablage wurde allerdings geheim gehalten und erst nach Grabungen 1818 unter dem Hauptalter der Unterkirche freigelegt.
Die Unterkirche ist vom Grundstil noch romanisch. Vermutlich war der Bau 1239 fertiggestellt. Die Oberkirche selber, die vermutlich 1253 abgeschlossen wurde, ist nun im Stil der Gotik geschaffen worden. Theorien, dass die Unterkirche zunächst als einziger Bau vorgesehen war, widerspricht der Umstand, dass vom Ort aus lediglich das Dach der Kirche hätte gesehen werden können. Erst der Bau der Oberkirche erlaubte die Anlage einer repräsentativen Westfassade auf Ortsniveau. Die unterschiedlichen Baustile von Unter- und Oberkirche legen aber zumindest einen Planwechsel während der Bauarbeiten nahe.
1253 waren die beiden Kirchen vermutlich nicht nur abgeschlossen, sondern wurden auch geweiht. Die schon erwähnten Fresken waren aber vermutlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig; die Kirche war aber nun „nutzbar“.
Die Unterkirche, die durch einen Seiteneingang betreten werden kann, besteht aus Hauptschiff mit Seitenkapellen. Zum westlichen Ende hin besteht ein Querschiff. Die ganze Unterkirche hat eine relative geringe Höhe. Die Decke des gewölbten Baus ist mit einem blauen Sternenhimmel ausgemalt. Das Hauptschiff sind mit Fresken eines unbekannten Meisters versehen, der Meister des Heiligen Franziskus genannt wird. Zu sehen sind Szenen aus der Passionsgeschichte Christi, sowie fünf Szenen aus dem Leben des Franziskus.
Gleich am Eingang befindet sich eine Kapelle, die der Katharina von Alexandria gewidmet ist. Die Kapelle ist mir Fresken ausgemalt, die dem Andrea Bartoli (1349-69) zugeschrieben werden. Zu sehen sind Episoden aus dem Leben der Heiligen.
Eine weitere kleine Kapelle hier, die dem heiligen Sebastian geweiht ist, enthält Szenen aus dem Leben des Heiligen, gemalt von G. Martelli. In dieser Kapelle befindet sich auch die Grabstätte des Johann von Brienne (1169/74-1239), der zu Zeiten der Kreuzfahrerstaaten König von Jerusalem war und sogar den Titel eines Kaisers von Konstantinopel trug.
Die erste Seitenkapelle links des Hauptschiffes ist dem heiligen Martin von Tours geweiht. Zwischen 1317 und 1319 malte der berühmte Simone Martini diese Kapelle mit zehn Fresken aus, die Szenen aus dem Heiligen-Leben zeigen. Die Fresken gehören zu den wichtigsten Arbeiten dieses bedeutenden Künstlers des Trecentos.
Eine weitere Kapelle zur Linken ist dem heiligen Petrus von Alcantara geweiht. Die Seitenkapellen rechts sind dem heiligen Ludwig von Toulouse und dem heiligen Stephan I. geweiht. Letztere enthält Fresken von Dono Doni (1574), sowie von Simone Martine bemaltes Glas. Cesare Sermini malte 1610 die Kapelle des heiligen Antonius von Padua aus. Die Kapelle der heiligen Maria Magdalena wurde von Künstlern aus der Werkstatt des Giotto di Bondono bemalt (um 1320).
Die Fresken im rechten Querschiff der Unterkirche zeigen Episoden aus der Kindheit Jesu. Sie stammen zum Teil von Giotto und seiner Werkstatt. Bedeutend an diesen frühen Arbeiten des Giotto sind die Emotionen der dargestellten Figuren, die zudem noch in einer realistischen Landschaft abgebildet sind, was für die Zeit revolutionär war.
Im rechten Querschiff finden sich auch die berühmten Fresken des Cimabue, die der Vorgänger Giottos 1280 malte. Zu sehen sind die Jungfrau Maria mit Engeln und – noch berühmter – der heilige Franziskus auf seinem Thron. Das Bild des Franziskus ist eine der frühesten Darstellungen des Ordensgründers und gilt auch als eine der treffendsten.
Am genannten Querschiff befindet sich auch die Kapelle des Nikolaus von Myra, die mit Fresken zum Leben des Heiligen ausgeschmückt sind (1295-1305). Die Malereien des unbekannten Meisters sollen die Franziskus-Zyklen in der Oberkirche maßgeblich beeinflusst haben.
Das linke Querschiff der Unterkirche wurde zwischen 1315 und 1330 vom Sienesen Pietro Lorenzetti und dessen Werkstatt ausgemalt. Zu sehen sind Szenen aus der Passion Christi. Im Fresko der Kreuzabnahme wird erstmals seit der Antike Schatten in der europäischen Malerei dargestellt.
Auch die angrenzende Kapelle des heiligen Johannes des Täufers malte Lorenzetti aus. Hier ist die nicht unbekannte Madonna die Tramonti zu sehen.
Die Apsis der Unterkirche zeigt das Jüngste Gericht, gemalt von Cesare Sermei die Orvieto (1609-68). Die Gemälde an der Decke (Triumph des hl. Franziskus) schuf um 1330 ein unbekannter Schüler Giottos.
Die Oberkirche nimmt den Grundriss der Unterkirche, über der sie errichtet wurde auf. Auffällig ist, dass es sich um einen einheitlichen Raum ohne Seitenschiffe handelt. Diese Raumform ist für die Ordenskirchen der Bettelorden nicht untypisch. Anders auch als in der Gotik des Nordens, sind die Seitenwände kaum aufgelöst, sondern bieten viel Raum für Malereien. Genutzt wurde der Platz wahrscheinlich von Giotto die Bondone (1266-1337), der hier seinen weltberühmten Franziskus-Zyklus schuf. Der Zyklus gilt als eines seiner frühesten Werke und entstand ab 1297. Der große Erneuerer der europäischen Malerei schuf ein Werk beeindruckender künstlerischer Reife. Nachdem lange die Urheberschaft des Giotto unbestritten war, wird sie inzwischen auch angezweifelt. Ein italienischer Restaurator brachte beispielsweise den Römer Pietro Cavallini (um 1250-1330) als Meister des Zyklus ins Gespräch.
Der Freskenzyklus zeigt Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus, wie sie in der Legenda Maior des Bonaventura geschildert werden. Lebensbeschreibung und Fresken sollten Franziskus als eine Art neuen Christus zeigen. Die lebensgroßen Darstellungen setzten deshalb in den 14 Szenen Franziskus und Christus immer wieder neu in Beziehung, zum Teil wohl sogar beinahe gleich. Dabei fällt auf, dass in den Szenen die Figuren und die architektonischen Hintergründe wie Theaterbühnen inszeniert sind. Es wird angenommen, dass die Betrachter so an die damals beliebten Mysterienspiele erinnert werden sollten, die der zunehmenden Volksfrömmigkeit dienten, zu einer Zeit, in der nur die wenigsten lesen konnten, schon gar nicht auf Latein. Auch sollte es den Menschen ermöglicht werden, sich mit Franziskus zu identifizieren und ihn so auch als Vorbild für das eigene Leben zu nehmen. Über den Umweg des Heiligenlebens konnte der Betrachter dann selber am Heilsleben teilnehmen und eine persönlich empfundene Verbindung zu Christus finden.
Im Raum der Oberkirche finden sich noch weitere Fresken. So sind 32 Geschichten aus dem Alten und dem Neuen Testament zu finden, die aus der Schule des Cimabue stammen und bis 1277 zurückreichen, also älter sind als die Giotto-Fresken.
Die Glasfenster der Oberkirche stammten aus dem 13. Jahrhundert und wurden von deutschen und französischen Künstlern geschaffen. Im Chor befindet sich ein Chorgestühl aus 102 Sitzen, von Domenico Indovini um 1501 geschnitzt.
Der Raum der Oberkirche, höher als die Unterkirche und mit Kreuzrippengewölbe versehen, ist für eine Bettelordenskirche eigentlich zu aufwändig und widersprach somit dem Armutsanspruch der Franziskaner. Schon ganz am Anfang verstießen also auch die Franziskaner gegen ihre eigenen Gebote.
Das Äußere der Anlage, insbesondere das Kloster und die Höfe um die Doppelkirche, stammen vor allem aus den großen Erweiterungen des 15. Jahrhunderts. Unter Papst Sixtus IV. (Erbauer und Namensgeber der Sixtinischen Kapelle in Rom), der aus dem Franziskanerorden stammte, entstanden von 1472 bis 1474 ein großer Teil der Erweiterungen. Der Glockenturm jedoch war bereits 1239 fertiggestellt.
Am 26. September 1997 wurde die Kirche durch ein Erdbeben schwer beschädigt. Vor allem die Gewölbe der Oberkirche wurden in Mitleidenschaft gezogen. 1.276 Tonnen Schutt mussten vorsichtig nach Fresken-Teilen durchsiebt werden. 300.000 Teilchen warteten anschließend darauf, in diesem gigantischen Puzzle wieder an ihre Position gebracht zu werden. Immerhin bei 120.000 Teilchen gelang das auch. Schon Ende 1999 – pünktlich zum Beginn des Heiligen Jahres – konnten die Restaurierungen abgeschlossen werden. Wohl rund 70 Prozent der zerstörten Fresken konnten zumindest teilweise wiederhergestellt werden. Eine beeindruckende Leistung.




