Die Urhütte: Nikolaikirche in Leipzig

Nikolaikirche in Leipzig, Säule mit Gewölbe (Foto: Cethegus)Es kam nicht häufig vor, dass Kirchen durch Ereignisse berühmt wurden, die nicht länger als 20 Jahre zurück liegen. Die Nikolaikirche in Leipzig ist hierin eine Ausnahme. Das Gebäude steht im engsten Zusammen- hang mit dem Montags- demonstra- tionen, die dazu beitrugen, dass im November 1989 die Berliner Mauer in überraschender Geschwindigkeit ihre Funktion verlor. Mitinitiator der Montagsdemonstrationen war Christian Führer, der Pfarrer an der Nikolaikirche war und erst vor wenigen Wochen in den Ruhestand ging. Doch auch die Nikolaikirche hat, wie ihr Schutzpatron – der heilige Nikolaus – nahe legt, eine im Mittelalter beginnende Vorgeschichte. Nikolaus ist der Patron der Händler und auch Leipzig geht wahrscheinlich auf einen alten Handelsstützpunkt zurück. In der Tat findet sich heute noch Mauerwerk an der Kirche, welches im 12. Jahrhundert gebaut wurde.

Die ältesten Teile der Kirche gehen auf das Jahr 1165 zurück, das Jahr, in dem Leipzig das Stadtrecht erhielt. Damals ließen die Stadtväter eine dreischiffige, romanische Basilika errichten, die über eine typische Doppelturm am Westwerk verfügte.

Leipzig prosperierte und schon im 14. Jahrhundert war die Nikolaikirche viel zu klein für die schnell wachsende Stadtbevölkerung. Im noch relativ neuen Stil der Gotik begann man die Kirche zu erneuern. Als erstes erfolgte der Bau einer neuen Ostapis, die einen polygonalen Fünfachtel-Schluss bekam. Kurz darauf wurde die Nordkapelle erbaut, die noch heute in ihren gotischen Formen zu bewundern ist.

Nikolaikirche in Leipzig, gotische Hallenkirche mit romanischen Bauteilen und barocker Haube (Foto: Dirk Goldhahn)

1492 erhielt die Nikolaikirche ihre berühmteste Glocke, die Osanna, die reich verziert ist, unter anderem Darstellungen des Gekr

euzigten, des heiligen Martin und des heiligen Nikolaus. Bis 1916 wurde die Osanna nicht nur für den kirchlichen Dienst geläutet, sondern auch als Feuerglocke genutzt. Das bot sich an, denn bis zum selben Jahr war der Turm der Nikolaikirche auch Sitz der Feuerwache der Stadt Leipzig (nicht der Feuerwehr).

Ende des 15. Jahrhunderts begannen dann die Umbauarbeiten zu einer spätgotischen Hallenkirche. Architekt war ein Herr namens Pflüger, der bereits 1513 verstarb, dessen Pläne aber darüber hinaus maßgeblich blieben. Fortgeführt wurden die Arbeiten von Benedikt Eisenberg, der nicht nur den gotischen Chor sondern auch das romanische Westwerk beibehielt. Um 1520 waren die Außenmauern vollendet, 1521 wurde die Sandsteinkanzel geweiht und 1525 erfolgte durch den Bischof von Merseburg die Weihe der fertiggestellten Hallenkirche.

1555 wurde dem romanischen Westwerk nach Plänen von Hieronymus Lotter ein Mittelturm eingefügt, dessen heute noch bestehende barocke Haube zwischen 1730 und 1734 entstand. Zu dieser Zeit wurde der Mittelturm auch auf die heutige Höhe aufgestockt und eine Glöcknerwohnung eingebaut. Der letzte Glöckner kam erst 1935 in ein Altersheim. Zwischen 1758 und 1759 musste dann das romanische Stufen- oder Säulenportal des Westwerks wegen Baufälligkeit gegen ein schlichtes barockes Portal ausgetauscht werden. Reste des Portals wurden 1902 entdeckt und im Südturm eingebaut.

Nikolaikirche in Leipzig, Inneres mit tonnengewölbtem Chor (Foto: Cethegus)Berühmt ist die Nikolaikirche unter künstlerischen Aspekten vor allem durch die Innenraum- gestaltung. Zwischen 1784 und 1797 wurde von Friedrich Dauthe der Kirchenraum klassizistisch umgestaltet. Dauthe folgte dabei den Theorien des französischen Architekten Marc-Antoine Laugier, der die Gotik vom Baukörper akzeptierte, aber die vollständige Überformung durch klassizistische Elemente forderte. Die mittelalterlichen Ausstattungsstücke mussten dabei vollständig entfernt werden.

Auffällig an der Umgestaltung durch Dauthe ist vor allem seine Behandlung der Säulen. An ihnen wurde teils Material entfernt, teils mittels Stuck hinzugefügt. Dabei wurden die Säulen kanneliert und bekamen eine rosa oder rötliche Färbung. Der Übergang zum Gewölbe wurde mit großen, hellgrünen aufstrebenden Blättern versehen. Das gotische Gewölbe wurde in Kassetten unterteilt, die mit Rosetten besetzt sind. Auch der übrige Kirchenraum fügt sich völlig in das Farbschema weiß-rosa-grünlich. Der Umbau erstreckte sich auch auf den Ostchor. Hier jedoch wurde unter das gotische Gewölbe ein Tonnengewölbe aus Holz eingebaut.

Ausgangsidee der Gestaltung war die „Urhütte“, indem die Säulen mit Bäumen gleichgesetzt werden. Als “Urhütte” wird das erste Heim Adams im Paradies bezeichnet. Zudem soll es auf der Bundeslade einen Aufsatz gegeben haben, der der “Urhütte” gleichte. Im Zusammenhang mit den geschilderten Baumaßnahmen wurden auch Emporen eingefügt und die Kirche in eine protestantische Predigerkirche umgebaut. Zeitgleich mit dem klassizistischen Umbau kamen auch einige Bildwerke des Friedrich Oeser in den Eingangsbereich und die Altarraum.

Letzte bauliche Veränderungen erfuhr die Nikolaikirche dann erst wieder 1901 und 1902, die sich jedoch auf den Außenbau beschränkten, dessen Fassade vereinheitlicht wurde.

Zwischen 2001 und 2004 wurde schließlich die Orgel erneuert, die ursprünglich von Friedrich Ladegast 1862 erbaut worden war und damals die größte Orgel Sachsens war. Durch die Musik wird die Nikolaikirche auch mit einem großen Namen verbunden. Am 30. Mai 1723 begann Johann Sebastian Bach seinen Dienst in Leipzig mit der Aufführung einer Kantate in der Nikolaikirche.

Nikolaikirche in Leipzig, Eingangshalle mit Deckengemälde (Foto: Dirk Goldhahn)Auch mit Martin Luther ist die Nikolaikirche verbunden. Der Reformator soll 1539 in der Kirche gepredigt haben, weshalb die schon erwähnte Sandstein- kanzel auch den Namen Luther-Kanzel trägt. Die Kanzel überlebte übrigens den klassizis- tischen Umbau und befindet sich heute in der gotischen Nordkapelle.

Nikolaikirche

Bildnachweis: 1234

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