Absolut prächtig: Kunst des Barock und des Rokoko

20. August 2008

Caravaggio: Christus an der Säule, um 1607

„Barock“ steht heute als Begriff für überladene Architektur und überbordenden Stuck. Wird vom „Gelsenkirchener Barock“ gesprochen, werden zumeist hässliche Möbel im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts gemeint, die kitschig sind, in spießigen, kleinbürgerlichen Haushalten zu finden sind und tatsächlich frisch aus dem Möbelhaus stammen. Jacob Burckhard, der große schweizer Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts, verwandte „barock“, wenn er die Spätform einer Kunstwicklung sprach. So wird auch von einer „barocken“ Spätgotik gesprochen, als die Formen besonders üppig und geschweift wurden. Doch „Barock“ steht auch für eine Epoche der Kunstgeschichte, die Ende des 16. Jahrhunderts auf den Manierismus folgte, im 17. Jahrhundert vorherrschte und um 1730 vom Rokoko abgelöst wurde, wobei das Rokoko auch als Spätform des Barock betrachtet werden kann.

Gian Lorenzo Bernini: Verzückung der heiligen Theresa, 1652 (Foto: Torvindus)Die „Bezeichung“ Barock für die Stilepoche stammt ursprünglich aus dem Portugiesischen und benannte dort eine unregelmäßige, schiefrunde Muschel. Über das italienische barocco und das französische baroque gelangte das Wort auch in die deutsche Sprache und wurde schon früh für pathetische, schwülstige Kunst allgemein verwandt und verlor erst im 19. Jahrhundert den absolut negativen Beiklang. Heute steht „Barock“ nicht nur für die Architektur und die bildenden Künste, sondern auch für eine Epoche der Literatur und der Musik.

Die frühesten architektonischen Kunstwerke im barocken Stil entstanden kurz nach 1550 in Italien, genauer in Rom. Erster Bau war die Kirche Il Gesú, die Hauskirche der Jesuiten ist. Jesuiten waren es auch, die den Stil nicht nur nach Mittel- und Nordeuropa brachten, sondern auch nach Lateinamerika. Auch in Frankreich zeigte sich der Barock schon im 16. Jahrhundert und kurze Zeit später wurden in Spanien, den Niederlanden und Flandern eigene Stilrichtungen im Barock entwickelt.

In Deutschland herrschte zwischen 1618 und 1648 Krieg. Der Dreißigjährige Krieg, indem es vordergründig um Religion ging, war in Wirklichkeit ein Territorialkrieg, der letztendlich von den katholischen Habsburgern, also dem Kaiser in Wien, gewonnen wurde. In Mitteldeutschland, aber auch in Franken und Schwaben brachte der Krieg Tod und Verwüstung. Bis zu einem Drittel der Bevölkerung viel dem Terror marodierender Söldnerheere und dem Hunger zum Opfer. Trotzdem hielt der Barock auch in Deutschland um 1620 langsamen Einzug, wenn auch zunächst nur im Süden .

Die Barockzeit war eine Zeit der Gegenreformation. Sie war auch eine Zeit des Niedergangs städtischer Freiheit. Im Gegenzug erstarkten die Fürsten immer mehr, was sich im Absolutismus voll ausgebildete. Dementsprechend wurde der Barock nicht zum Repräsentationsstil der Kaufleute, sondern der Fürsten, aber auch der Kirche. Das Bedürfnis nach Repräsentation äußerte sich in Pathos und schierer Größe der Kunstwerke. Das Barock war im Schloss- und im Kirchenbau ein „Propagandastil“. Da beides dem Protestantismus – zunächst – eher fern stand, ist der Barock eine im wesentlichen süddeutsche Erscheinung mit Einzelleistungen auch im evangelischen Norden.

Nicolas Poussin: Rebecca am Brunnen, 1648Auf kirchlicher Seite waren die Gewinner der Entwicklung die Reichsstifte und Kaiserklöster, die dem Kaiser direkt unterstanden und auf den Reichstagen Stimmrecht hatten. Die großen Abteien bauten ihren Landbesitz aus und errichteten sich große Gebäude-ensembles, die sich am Schlossbau der absolutistischen Herrscher orientierten.

Nachdem 1683 vor Wien die Türken zum zweiten Mal abgewehrt wurden, entwickelte sich Wien neben Rom, Paris und Neapel zu einer der europäischen Kulturhauptstädte. Dadurch wurde Wien auch zu einem Zentrum des Barocks, von dem wiederum kleinere deutsche Königsdynastien profitierten, wie die Wittelsbacher in Bayern und die Wettiner in Sachsen, die trotz protestantischer Bevölkerung ein katholisches Königshaus waren.

Große repräsentative Bauten im weltlichen und kirchlichen Bereich benötigten auch entsprechende Außenanlagen. Deshalb erlebte die Periode des Barock auch eine Blüte des Gartenbaus. Daneben entstanden in den Klöstern, die Zentren der Gelehrsamkeit blieben, beeindruckende „Festsäle des Lesens“ als Mittelpunkte großer Bibliotheken.

St. Cosmae in Stade, barocke Kanzel, 1677 (Foto: Jürgen Howaldt)Trotz der katholischen Vormacht, sah das Barock auch den Aufstieg eines protestantischen Absolutismus. Bis 1701, als sich Friedrich III. von Brandenburg zu Friedrich I. König in Preußen krönen ließ, stand Brandenburg immer etwas im Abseits. Die Königskrönung war das erste Signal in Richtung einer europäischen Großmacht, die Friedrich II. schließlich Ende des 18. Jahrhunderts etabliert hatte.

Da das Barock vor allem repräsentativen Zwecken oder – grob gesagt – der Propaganda diente, sind Einzelkunstwerke hohen Ranges eher selten. Dominierende Kunstform der Zeit war die Architektur, denen sich Malerei und Skulptur vor allem zu Zwecken des Dekors unterzuordnen hatte. Die Bedeutung des Dekors vor allem im Innenraum zeigt auch die außerordentliche Entwicklung, die die Arbeit mit Stuck und Verzierungen hervorbrachte. Der Zweck des Dekors in Innenräumen von Schlössern und Kirchen führte aber immerhin dazu, dass in Mitteleuropa erstmals die Freskomalerei Einzug hielt.

RocailleDie Bedeutung des Dekors im Barock steigerte sich noch im Rokoko, welches zwischen 1730 und 1750 zunächst die Regierungszeit Ludwig des XIV. kennzeichnet. Der Begriff stammt von der Ornamentform der „Rocaille“, was eine Art von Muschelwerk bezeichnet. Dementsprechend war das Rokoko auch eine Kunst der Innenraumgestaltung, die von der mehr oder weniger stilistischen Verwendung asymetrischer Ornamente, wie der „Rocaille“ gut gekennzeichnet ist. In Deutschland endete das Rokoko zwischen 1765 und 1770. Das Rokoko fand Ausdruck besonders auch im Porzellan und im Möbelkunsthandwerk.

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