Außen streng, innen üppig: Architektur in Barock und Rokoko
20. August 2008Es ist schon erstaunlich, dass an Wendepunkten von einer Kunstepoche zu einer anderen, immer wieder Bauten entstanden, an denen auch heute diese Wendepunkte noch deutlich sichtbar werden. Für die Gotik war das beispielsweise die Abteikirche in St. Denis. Für den Barock ist es die Jesuitenkirche Il Gesú in Rom. Entworfen wurde die Kirche um 1568 von Giacomo Barozzi da Vignola. Il Gesú wurde Modellbau und Vorbild für unzählige Kirche auch in Deutschland. Kennzeichnend sind das tonnengewölbte Hauptschiff, von dem sich zwischen Pfeilern zahlreiche Kapellen zu beiden Längsseiten öffnen („Wandpfeilerkirche“). Über der Vierung erhebt sich eine große Kuppel. Der Chorraum übernimmt im Wesentlichen die Maße des Hauptschiffes, ist aber reicher gestaltet. Dazu kommt im Chor ein monumentaler Hauptaltar, der als Teil der Architektur empfunden wird. Der ganze Bau Il Gesú ist im Sinne der Gegenreformation dahin ausgerichtet, die ganze Gemeinde und nicht nur ausgewählten Klerikern das Heilsgeschehen teilhaftig werden zu lassen. Im Hauptschiff können sich viele Menschen versammeln; der Altar ist wie eine große Bühne gestaltet und gut einsehbar. Zusätzlich zum Geschehen auf der „Bühne“ erstreckt sich über den Gläubigen ein riesiges Deckenfresko, welches die himmlischen Sphären so zeigt, wie man sie von unten sähe, gäbe es die Decke nicht. Die illusionistische Malerei führt so zu einer „Entgrenzungserfahrung“ beim Betrachter.
Wie schon in der Renaissance verzichtet das Barock im Kirchenbau häufig auf Türme, aber eben nicht auf die repräsentative Schaufassade. Im Vergleich zum Manierismus zeichnet sich barockes Bauen durch eine großflächigere Gestaltung der in der Regel zweigeschossigen Fassaden aus. Vorgeblendet werden Halbsäulen, Pilaster und geschosstrennende Simse. Alle Elemente sind nach der klassischen antiken Säulenordnung gestaltet, werden jedoch häufig von schon im Manierismus geschossübergreifend in der sogenannten Kolossalordnung ausgebildet. Die vertikalen Blendmotive haben vor allem die Funktion, Strukturen optisch klar zusammenzuziehen. Hinzukommen deutlich ausgeprägte horizontale Gliederungen, die noch dadurch verstärkt werden können, dass das Gebälk an der Fassade vor- und zurückspringt, was gekröpft genannt wird. Die in den vorhergehenden Epochen noch geschlossenen Giebel können nun mittig durchbrochen, also „gesprengt“ sein. Insofern wird die Strenge der Renaissancearchitektur etwas abgemildert. Eintönige Fassadengestaltungen über längere Flächen werden dadurch verhindert, dass einzelne vertikale Fassadenabschnitte in der Breite mindestens eines Fenster Vorsprünge (Risalite) bilden.
Stuck wird hingegen im Äußeren nur sehr sparsam eingesetzt. Hin und wieder werden die Wandflächen rund um die Fenster ein wenig verziert. So finden sich über den Fenstern Spitz- oder Segmentgiebel. Die Fenster können zudem von mit Stuck versehenden Rahmenprofilen umgeben sein. Geometrische Stuckrahmen, „Spiegel“ genannt, können sich unter den Fensterrahmungen finden. Nicht selten wurden üppig geschwungene Stuckrahmen und Inschrifttafeln („Kartuschen“) auf die Wandflächen aufgesetzt. Bisweilen finden sich am Fenstersims als zusätzliches Dekor auch Fruchtgirlanden.
Die ganze Organisation einer barocken Kirche zeigt, dass die ursprüngliche dreischiffige Gestaltung des Kirchenraums zugunsten des Einheitsraumes fast völlig aufgegeben wird.
Barocke Kirchen zeigen deshalb ein charakteristisch breites Kirchenschiff, wie es schon bei Il Gesú zu finden ist. Häufig sind die Öffnungen vom Kirchenschiff zu den Kapellen unter einem Rundbogen, der zwei Pfeiler verbindet. Die Kapellen zwischen den Pfeilern sind untereinander höchstens durch kleine Türen verbunden. Die kleinen Kapellen boten und bieten Raum für Grablegen, aber auch für Privatandachten.
Das Querhaus ist in barocken Kirchen nur gering ausgereift. Die Stirnwände der Querhäuser werden zumeist von großen Altären eingenommen. Querhäuser und die Chor-Konche durchbrechen kaum die im Ganzen geschlossene Außenkontur einer barocken Kirche.
Markanter Bestandteil vieler Barockkirchen – vor allem römischer Prägung – sind die großen Vierungskuppeln. Sie können von Innen her mit großen Fresken ausgemalt sein, die oft sehr figurenreich sind. Auffällig ist auch, dass mit den Liturgieveränderungen der Gegenreformation keine Lettner mehr gebaut wurden.
Durch die seitlichen Kapellen und die oft tonnengewölbte Decke im Langhaus sind viele barocke Kirche recht dunkel im Langhaus. Licht fällt oft nur durch die Fensterung im Tambour der Kuppel ein und konzentriert sich zudem im Altarraum, was die Bühnenhaftigkeit der Anlagen noch verstärkt. Insgesamt erzeugen barocke Kirchen im Innern eine festliche Grundstimmung beim Betrachter.
Auch im Innenraum werden die Wände mit hohen Halbsäulen, Pilastern und gekröpftem Gesims gegliedert. Überhaupt wird schon im frühen Barock die Tendenz zu überschwänglichem Stuckdekor deutlich. Zudem wirkt der Stuck oft schwer und massig. Reich ist die Ornamentik, die vor allem aus symmetrischen und figürlichen Formen gebildet wird und beinahe alle freien Flächen besetzen kann.
Häufig finden sich große Deckengemälde, die sehr oft den Himmel zeigen und dementsprechend thematische Motive aufgreifen, die das ermöglichen. Zu sehen sind Himmelfahrten zum Beispiel von Heiligen, aber besonders häufig auch das Jüngste Gericht.
Das Barock als Kunstform war reich an Dekor und absolut. Vor allem im süddeutschen Raum schienen sich deshalb auch gotische und ältere Kirchen anzubieten, im Innenraum vollständig im Stil des Barocks umgestaltet zu werden. Die Erneuerung bezog sich bei vielen Bauten aber auch auf das Äußere, sodass viele mittelalterliche Kirchen heute kaum noch als solche zu erkennen sind.
Das 17. Jahrhundert brachte vor allem eine Beruhigung des barocken Dekors. Die Strukturen der Fassen- und Wandgestaltung wurden klarerer und durchsichtiger. Deutlicher bezogen sich die Architekten wieder auf antike Gestaltungselemente.
Barocken Kirchenbau findet man vor allem in katholischen Gebieten.
In den protestantischen Gegenden beschränkte sich der Barock vor allem auf die Ausstattung. Zudem bevorzugten die Protestanten Saalkirchen, die im Sinne von „Predigtkirchen“ reich mit bemalten Emporen für gute Sicht auf reich gestaltete Kanzeln ermöglichten. Viel Mühe gab man sich auch mit den Orgelprospekten und Epitaphen für reiche Bürger. Vor allem im Spätbarock, als der Wunsch nach mehr Licht im Kircheninnern aufkam, wurden auch in vielen mittelalterlichen Dorfkirchen die Fenster erweitert.
Ansonsten ist der Spätbarock vor allem im katholischen Süden zu finden. Ein weiteres allgemeines Kennzeichen des Spätbarocks ist, dass ovale Grundrisse beliebt wurden. Auch mochten es Auftraggeber und Architekten nun, dass Raumteile optisch vor- und zurückschwangen. Zunehmend umgesetzt wurden auch subtilere Formen der Lichtführung. Fensteröffnungen wurden oft versteckt eingefügt.
Im 18. Jahrhundert betraf das Vor- und Zurückschwingen auch die frontal ausgebreiteten Kirchenfassaden im Äußeren. Dazu wurden vertikal hervorspringende Fassadenteile (Risalite) entsprechend konkav oder konvex gewölbt gebaut. Im Spätbarock fand man auch zur Doppelturmfassade zurück. Das Rokoko am 1730 wirkte sich im Außenbau kaum aus.
Die Erfindung der geschwungenen Fassadengestaltung und der dynamischen Oval- und Rundbauten im Hochbarock kam daher, wo auch viele in ganz Europa wirkende Architekten des Barock ihre Herkunft hatten: aus Italien. In Rom boten sich Gianlorenzo Bernini (1598-1680) und Francesco Borromini (1599-1667) ein regelrechten Wettkampf um die originellsten Fassadengestaltungen und Raumkonzepte, den Borromini ästhetisch gewann, aber ökonomisch verlor. In Turin wirkte als bedeutender Architekt, aber später als die beiden Römer Gettarino Guarini (1624-83) in eine ähnliche Richtung.
Der Gründungsbau in Deutschland ist St. Michael in München. Die zwischen 1583 und 1597 fertiggestellte Kirche trägt allerdings vor allem in der Innenraum- und in der Fassadengestaltung noch Züge der Renaissance. Die Raumgestaltung jedoch orientiert sich an der Il Gesú in Rom, allerdings ohne Kuppel.
Durch den Dreißigjährigen Krieg fand das Barock jedoch erst im Hochbarock nach Deutschland, dessen Hauptkennzeichen, die bewegte Fassadengestaltung, die Unterordnung aller Bauglieder unter das Ganze, die Betonung von Kraft und Spannung sind.
Der deutsche Barock entwickelte vor allem in Süddeutschland zwei Besonderheiten: zum einen wurden in das Schiff Wände eingezogen, die vor die Pfeiler gestellt wie nach Innen gestellte Strebepfeiler wirken und den „Wandpfeilerkirchen“-Charakter noch verstärken und viel Platz bieten, zusätzliche Altäre aufzustellen. Ein Beispiel ist die Studienkirche in Dillingen an der Donau (1606-17).
Zum anderen wurde im deutschsprachigen Raum das „Voralberger Schema“ entwickelt. Geschaffen wurde der Stil von den in Vorarlberg ansässigen Architektenfamilien Beer, Thumb und dem Caspar Moosbrugger (1656-1723). Im Voralberger Schema werden die Seitenkapellen mit emporenartigen Brücken überspannt, was auch das Hauptkennzeichen ist. Das Schema findet sich in Oberschwaben, der Nordschweiz, Bayern und in Südwestdeuschland. Beispiel ist die Abteikirche des Klosters Obermarchtal (1686-1701).
Selten finden sich in Deutschland Kuppelbauten nach römischem Vorbild. Ein bekanntes Gegenbeispiel ist die Theatinerkirche in München (1663-96). Zu den bekannten barocken Kirchen-Bauten im deutschsprachigen Raum zählen auch der Dom in Salzburg (1614-28), St. Lorenz in Kempten (ab 1657) und der barocke Umbau des gotischen Doms in Passau (ab 1668).
Berühmte Architekten des Barock in Deutschland sind unter anderem Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723), von dem die Karlskirche in Wien stammt, Johannes Balthasar Neumann (1687-1753: Vierzehnheiligen), Andreas Schlüter (1662/64-1714: Berliner Schloss; zerstört), Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1763: Dresdner Zwinger) und George Bähr (1666-1738: Frauenkirche in Dresden) und die Brüder Cosmas Damian (1686–1739) und Egid Quirin Asam (1692–1750).
Auch in der Architektur bedeutete der ursprünglich in Frankreich als Hofstil entstandene Rokoko eine Verinnerlichung der Kunst. Schon in Frankreich machte sich der Stil deshalb hauptsächlich in der Inneneinrichtung und in den entsprechenden Dekors bemerkbar und zeichnet sich auch hier im Wesentlichen durch den üppigen und durchgehenden Gebrauch der „Rocaille“, einem muschelförmigen Ornament, aus. Im Gegensatz zum symmetrische Dekorformen bevorzugenden Barock, war die Rocaille bewusst asymmetrisch. Im Außenbau, gleich ob sie profan oder sakral waren, blieb der neue Stil jedoch weitestgehend unsichtbar. Allerdings finden sich das Rokoko in Deutschland gehäuft in Sakralbauten, dort aber vor allem in Bayern und den angrenzenden süddeutschen Ländern. Ein Beispiel ist die 1754 geweihte Wieskirche in Bayern. In Deutschland musste sich das von 1720 bis 1780 reichende Rokoko seit den 1750er Jahren zunehmend erfolgloser gegen den aufkommenden Klassizismus durchsetzen.
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