Rokoko satt: die Klosterkirche in Ottobeuren

8. September 2008

Klosterkirche Ottobeuren: Blick auf in den Chorraum mit Hauptaltar (Foto: Greudin)

In Süddeutschland gibt es für norddeutsche Besucher immer wieder überraschend eine ganze Reihe prachtvoller und bedeutender Barock- und vor allem Rokokokirchen, die oft als Klosterkirchen die Zentren reicher Klosteranlagen bilden. Nicht selten sind diese Klöster sogar noch wesentlich älter, als der geschlossen wirkende Baubestand des 18. Jahrhunderts vermuten lässt. Als Beispiel mag das Benediktinerkloster in Ottobeuren stehen, welches im bayerischen Schwaben am Nordrand des Allgäus gelegen ist. Gegründet bereits 764 vom alemannischen Adligen Silach erhebt sich hier heute eine im Wesentlichen von Johann Michael Fischer (1692-1766) in den Jahren 1737 bis 1766 errichtete Kirche, deren Patrone die Heiligen Alexander von Rom und Theodor von Sitten sind.

Dabei hatte sich das Kloster schon im spätkarolingischer Zeit zum Reichskloster entwickelt. Eine Blütezeit erlebte die Abtei auch im Zeitalter der Kirchenform, als hier unter Abt Rupert I. (1102-45) die Hirsauer Klosterreform Einzug hielt und von Ottobeuren aus unter anderem nach Ellwangen und Marienberg in Südtirol ausstrahlte. In dieser Zeit war das Kloster auch ein Ort großer Gelehrsamkeit und verfügte damit selbstverständlich über eine bedeutende Bibliothek, in der wichtige Werke der Buchkunst entstanden, die zum Teil noch heute bestehen, wenn auch nicht immer in der weiterhin Ottobeurer Bibliothek.

Im 13. Jahrhundert entwickelte sich Ottobeuren zu einer Reichsabtei, und der Abt bekam den Status eines Reichsfürsten. Das Herrschaftsgebiet des Klosters umfasste damals 27 Dörfer, die eine wichtige Grundlage auch für den späteren ökonomischen Erfolg des Klosters waren. Im Spätmittelalter jedoch wurde das Kloster dem Bischof von Augsburg unterstellt und ein vor allem geistiger Niedergang begann. 1802 wurde das Kloster während der napoleonischen Säkularisierung sogar vollständig aufgehoben, aber bereits 1835 wider eingerichtet, zunächst unter dem Priorat der Augsburger Abtei St. Stephan. Seit 1918 ist das Kloster selbständig.

Kloster Ottobeuren: Fassade (Foto: Simon Brixel Wbrix)

Eine – vor allem wirtschaftliche – Blüte erlebte das Kloster noch einmal unter einigen sehr einflussreichen und kreativen Äbten im 18. Jahrhundert, die auch dafür sorgten, dass ab 1711 die Klosteranlagen vollständig neu im Stil der Zeit, zunächst also dem Barock, später im Rokoko neu errichtet wurden. Abt bis 1740 war Rupert Neß. Er beauftragte einen ortsansässigen Baumeister namens Simpert Krämer 1736 mit der Anfertigung eines Entwurfs für eine neue Klosterkirche. Schwierigkeiten mit dem Untergrund, Rivalitäten mit Konkurrenten, der Ausbruch des österreichischen Erbfolgekrieges und der Tod Ruperts sorgten dafür, dass die Bauarbeiten nicht in Gang kamen.

Ruperts Nachfolger, Abt Anselm Erb (1740-1757), beauftragte darauf hin 1748 Johann Michael Fischer, zunächst die Pläne Kraemers zu überarbeiten und schließlich auch mit der Bauausführung. Zu diesem Zeitpunkt hatte Fischer gerade die Vierungskuppel seines Kirchenbaus in Zwiefalten schließen können. Der Bau in Zwiefalten war sicher auch einer der Gründe, weshalb Fischer den Auftrag für Ottobeuren bekam. Ebenso wichtig war aber wohl, dass Fischer beinahe sein komplettes Meisterteam aus Zwiefalten auch für Ottobeuren gewinnen konnte. Die Stuckfiguren schuf Johann Joseph Christian (1706-77). Weitere Stuckarbeiten führte Johann Michael Feuchtmayer der Jüngere (1709-72) aus, ein Mitglied der berühmten Wessobrunner Familie gleichen Namens. Zusätzlich konnten ab 1763 für die Kuppel- und Deckenfresken sowie die Altarbilder die Maler Johann Jakob Zeiller (1708-83) und sein Bruder Franz Anton Zeiller aus Tirol gewonnen werden.

Johann Jakob Fischer orientierte sich mit seinen Plänen am Grundriss Kraemers, gestaltete aber den Raumaufbau nach eigenen Vorstellungen. Die Bauarbeiten kamen gut voran. Bereits 1754 konnten das Dachwerk und 1756 die Wölbung fertiggestellt werden. 1760 standen die Fassade und die beiden Türme. 1766 erfolgte die Weihe der neuen Klosterkirche.

Kloster Ottobeuren: Taufe Jesu (Foto: Dr. Volkmar Rudolf)

Der Kirchbau Fischers ist im Wesentlichen freistehend, was ihn von vielen Kirchenbauten der selben Zeit unterscheidet. Nur am hinteren Teil schließen die Klostergebäude an, weshalb im Innern der Chorabschluss gerade ist. Mit 89 Metern Länge ist die Klosterkirche in Ottobeuren nach Weingarten und Zwiefalten die drittgrößte vergleichbaren Stils in Süddeutschland.

Betreten wird die Kirche durch die Fassade, die sich, da bei der Anlage der Kirche die naturräumlichen Begebenheiten berücksichtigt werden müssen, nicht in Ost-West-Richtung ausgerichtet ist, nach Norden wendet. Die Fassade, die sich etwas nach vorne rundet, ist durch vier hohe Säulen gegliedert. Im ersten Geschoss befindet sich eine Dreiergruppe hochgerichteter Fenster, darüber ein Schaugiebel. Der Schaugiebel wird beherrscht von einer Darstellung des Erzengel Michaels, dem Beschützer reichsstiftlicher Freiheit. Dazu stehen Steinfiguren der Patrone Theodor und Alexander und eine Goldstatue des Ordensgründers Benedikt. Über allem thront das Auge Gottes.

Zu beiden Seiten der Fassade stehen die beiden Türme, die 82 Meter hoch sind und der Kirche, da sie auf eine kleinen Anhöhe über dem weltlichen Marktplatz des Ortes steht, eine schöne Fernwirkung geben.

Das erste Joch des Langhauses, welches sich direkt hinter dem Eingang und zwischen den Türmen befindet, ist etwas schmaler als das darauffolgende Joch. Das zweite, größere Joch wird zu beiden Seiten durch je ein hohes Kapellenpaar begleitet, die gleichzeitig die Seitenschiffe bilden und untereinander in Längsrichtung verbunden sind. Über diesem Raumteil befindet sich ein breitrund-kuppeliges Gewölbe. Die zentrale Raumbedeutung der Vierung ist auch von Außen erkenntlich. Über der Vierungskuppel erhebt sich ein gegenüber dem restlichen Dach erhöhter Dachkörper in Form einer Pyramide.

Kloster Ottobeuren: Fresko in der Vierungskuppel, Thema: Pfingsten (Foto: Wolfgang Sauber)

Auf das zweite Joch folgt bereits die Vierung, ein Raumteil über quadratischem Grundriss, der von einer halbkugeligen Kuppel überwölbt wird. Die Kuppel des Vierungsquadrates hat einen Durchmesser von 22,6 Metern und das Gewölbe eine Scheitelhöhe von 35,6 Metern. Von der Vierung gehen die beiden Querhausarme mit je einem schmalen Jochteil und einem halbrunden Abschluss ab. Die Querhausarme sind halbkugelig überwölbt.

Auf die Vierung folgt der Chor, der den Mönchen vorbehalten ist. Die seitlichen Begleiträume des Chores sind zweigeschossig, sodass dieser Gebäudeteil nicht basilikal wirkt.

Der Chor erhebt sich über den Gemeindeteil des Langhauses mit sieben Stufen. Früher wurde der Chor durch eine Schranke und bis ins 19. Jahrhundert durch ein hohes Gitter getrennt, ist aber offen, seit das Gitter entfernt wurde. Auch der Chorraum ist überwölbt. An den Chorraum schließt der Allerheiligste mit dem Hochaltar an.

Der Grundriss der Klosterkirche ist also kreuzförmig. Langhaus und Chor sind gleich lang und werden von der Vierung und den von ihr abgehenden Querarmen geteilt. Das Langhaus selbst ist leicht basilikal aufgebaut. Ein rund 21 Meter breites Mittelschiff wird von zwei knapp sieben Metern breiten, etwas niedrigeren Seitenschiffen begleitet.

Insgesamt ist die Raumkomposition in Ottobeuren hat die für Schwaben typische Großzügigkeit, großzügiger auch noch als zum Beispiel in Weingarten und in Zwiefalten. Auffällig ist auch, dass der Kirchenraum im Langhaus basilikal beginnt, zur Vierung hin sich dann zu einem einheitlichen Raum weitet und Emporen nur im Chor eine horizontale Gliederung bewirken. Säulen und Pilaster in Kolossalordnung, betonen die vertikale Gliederung noch. Die Klosterkirche vereint in seiner Komposition die Raumkonzepte der Basilika, die Vier-Konchen-Anlage und der Kreuz-Kuppel-Kirche.

Bekannt wurde die Kirche in Ottobeuren auch für seine reiche Innenausstattung im Stil des Rokoko. Die namensgebende Rocaille ist allgegenwärtig. Insgesamt 16 Altäre sind im Innern aufgestellt. Die Altäre in den Seitenkapellen des Langhauses sind zum einen volkstümlichen Heiligen, nämlich dem Antonius von Padua und dem Johann Nepomuk gewidmet, zum anderen den frühen Heiligen Martin von Tours und Nikolaus von Myra. Dazu finden sich Altäre für Bernhard von Clairveaux, Karl Borromäus sowie den bedeutenden Theologen Franz von Sales. Allen Altären gemeinsam ist die Anfertigung in Stuckmarmor und ein zentrales Altargemälde.

Die Vierung wird beherrscht von der Kanzel und der Taufe. Die Taufe selbst klein, aber darüber befindet sich eine lebensgroße, vollplastische Darstellung der Taufe Jesu mit Johannes, Gottvater und der Taube. Die Kanzel zeigt Episoden aus der Apostelgeschichte, im Zentrum das Pfingstwunder.

Kloster Ottobeuren: Kreuzaltar mit romanischen Kruzifix, dahinter Chorgestühl, darüber Riepp-Orgel (Foto: Heinz Albers)

Die Altäre in den Querhausärmen, die etwas kleiner ausgefallen sind, als der Hauptaltar im Chor, zeigen zum einen den heiligen Alexander. Das Altargemälde enthält die Darstellung des Martyriums des Heiligen. Am Altar findet sich auch eine Plastik des heiligen Theodor, eines Bruders des Alexander. Im anderen Querhausarm steht der Rosenkranzaltar. Auf dem Gemälde ist Maria als Helferin in der Seeschlacht von Lepanto (7. Oktober 1571) dargestellt, in deren Verlauf eine abendländische Koalitionsflotte die Türken besiegte. Daneben finden sich Plastiken der Rosenkranzheiligen Dominikus und Katharina von Siena.

In der Chortreppe eingelassen ist der Kreuzaltar. Auf ihm befindet sich ein geschnitztes Kruzifix, welches als „Siegeskreuz Karls des Großen“ verehrt wird, aber aus der Zeit um 1200 stammt und romanischen Stils ist.

Der Chorraum enthält das geschnitzte Chorgestühl, ein Werk der Schnitzer Martin Hermann und Joseph Christian. Das Gestühl gilt als eines der schönsten in Süddeutschland. Zu sehen sind unter anderem Figuren aus dem Alten Testament.

Der Hauptaltar bildet einen mächtigen Abschluss des Raumes. Er besteht aus einer hohen Säulenarchitektur, einem großen Altargemälde und mehreren flankierenden vollplastischen Figuren. Das Thema des Gemäldes ist „Die Allerheiligste Dreifaltigkeit im Ratschluss der Erlösung“. Auffälliger Bestandteil der Gemäldes ist eine blau gemalte Erde, auf die als Szene der Sündenfall dargestellt wird. Die Plastiken stellen zunächst zum Altar auf beiden Seiten nicht unüblich Petrus und den Paulus dar. Es folgen zwei huldigende Engel, die von jeweils einem Engelskind begleitet werden. Ganz außen finden sich der hl. Ulrich und der hl. Konrad. Sie stehen gleichsam als Wächterfiguren für die Bistümer Augsburg und Konstanz.

Wichtiger Bestandteil der Rokoko-Ausstattung in Ottobeuren, wie auch in ähnlichen Kirchen, sind die Gewölbe-Fresken. Vom Eingang her zeigen die Mittelschiffsgewölbe zunächst die Tempelreinigung. Über dem größeren Langhausjoch sind Verherrlichung und die Wirken des heiligen Benedikt dargestellt. Zu sehen sind auch die Schwester des Ordensgründers, die heilige Scholastika, und weitere Heilige des Benediktinerordens.

Das Gemälde in der Vierungskuppel wird von Stuckfiguren der vier Kirchenväter über allen Vierungspfeilern begleitet. Das Fresko selbst zeigt das Pfingstwunder. Im Zentrum des Geschehens, zum Chor hin, ist Maria zu sehen, die in der Bildausstattung der Klosterkirche ansonsten nur eine untergeordnete Rolle spielt. Am höchsten Punkt des Kuppelgemäldes über der Vierung steht der Heilige Geist, symbolisiert durch eine weiße Taube.

Das Gemälde in der Wölbung über dem Chorraum erklärt sich aus der Liturgie des Michaelsfestes. Dargestellt sind Engelschöre, Erzengel und Schutzengel, die der Dreifaltigkeit huldigen, die auch zentrales Thema des Hauptaltars ist. Das Gewölbebild des Hauptaltarraumes zeigt die 24 Ältesten, die dem Lamm huldigen.

Zu den bedeutenden Ausstattungsstücken in Ottobeuren können auch die drei barocken Orgeln gezählt werden. Zwei der beinahe unveränderten Orgelprospekte stammen von Karl Joseph Riepp (1710-75). Die Dreifaltigkeitsorgel verfügt über 47, die Heiliggeistorgel über 27 Register.

Beeindruckend ist Ottobeuren nicht nur wegen der Klosterkirche mit der harmonischen und großzügigen Raumkonzeption. Die Kirche ist auch Bestandteil eines stilistisch einheitlichen barocken Klosterensembles, indem sich viele reich ausgestattete Räume befinden, wie zum Beispiel der Kaisersaal. Auch die Klosterbibliothek ist sehr prächtig ausgestattet. Die Deckengemälde aus dem 18. Jahrhundert stammen von Elias Zobel. Die Stuckdecke ist ein Werk des berühmten Johann Baptist Zimmermann (1680-1758). Doch die Bibliothek ist nicht nur wegen der Ausstattung bedeutend. Sie enthält auch zahlreiche mittelalterliche Handschriften, Inkunabeln und jüngere Werke.

Die Klosterkirche in Ottobeuren wurde 1926 von Papst Pius XI in den Rang einer Basilica minor erhoben.

Kloster Ottobeuren

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