In der Mitte des 16. Jahrhunderts war Spanien auf dem Höhepunkt seiner Macht. 1556 war der 1527 geborene Philipp II. König von Spanien geworden. Sein Vater Kaiser Karl V. hatte ihm ein Weltreich hinterlassenen, indem die Sonne tatsächlich nicht unter ging. Zur gleichen Zeit wurde die katholische Kirche von den Folgen der Reformation erschüttert. Nachdem man lange den Protestanten die Initiative überlassen hatte, begannen nun Kirche und katholische Herrscher zu reagieren. Ergebnis war die Gegenreformation, die von Philipp II., der einerseits sehr fromm und bescheiden, andererseits aber sehr streng und repressiv regierte, massiv unterstützt wurde. 56 Kilometer nordwestlich von Madrid entstand in über 1000 Meter Höhe ein gewaltiger Gebäudekomplex als eindruckvoller Ausdruck spanischer Weltmacht und dem Willen, sich der Reformation entgegenzustellen.
So erhebt sich noch heute an den Hängen des Guadarrama-Gebirges aus weißgrauem Granit ein 267 Meter mal 162 Meter großer Komplex, der gleichzeitig Palast, Kloster, Kirche und Grablege ist. Der offizielle Name des größten Palastkomplexes der Renaissance ist San Lorenzo el Real de El Escorial. Entwurf und Ausführung standen unter direkter Beteilung Philipp II. Der Grundstein wurde 1563 gelegt. Bereits 1584 war der Bau abgeschlossen.
Erster Architekt war Juan Bautista de Toledo (? – 1567). Die meiste Zeit seines Lebens hatte er in Rom verbracht und war dort auch unmittelbar am Bau des neuen Petersdoms beteiligt gewesen. Gemeinsam mit Juan Bautista plante Philipp II. die grundsätzliche Konzeption der Anlage. Umstritten ist heute, ob die beiden mit dem Grundriss, der 16 Innenhöfe und 15 Kreuzgänge hat, tatsächlich den Rost darstellen soll, auf dem der heilige Laurentius und Patron der Anlage, in der Spätantike das Martyrium erlitt. Wahrscheinlicher ist, dass der Tempel des Salomos in Jerusalem, wie ihn der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (gest. um 100 n.Chr.) beschreibt.
Juan Bautista de Toledo starb schon 1567. Sein Nachfolger wurde Juan de Herrea (1530-1593), der in die Pläne eingriff und sie veränderte. Ursprünglich war die zentrale Kirche des Klosters über dem Grundriss eine lateinischen Kreuzes geplant. Ein Langhaus durchdrungekn von einem Querschiff wäre in einem kürzeren Chor geendet. Der neue Architekt änderte die Pläne hin zu einem griechischen Kreuz. Chor und Schiff sind nun gleich lang. Über der Vierung entstand nun eine große Kuppel, die sich rund 92 Meter in die Höhe hebt.
Der Grundriss der Basilika zeigt viele Ähnlichkeiten mit St. Peter in Rom. Auch dort erhebt sich eine große Kuppel über einem griechischen Kreuz. Doch wo in Rom üppige mit Akanthus geschmückte Pfeiler die Kuppel tragen, finden sich in El Escorial zwar mächtige, aber nur mit glatten Pilastern versehene Pfeiler aus Grant, die von Rundbögen verbunden sind und schlichte dorische Kapitelle tragen. Während St. Peter in Rom die üppige römische Hoch-Renaissance repräsentiert, ist selbst die Klosterbasilika hier bei Madrid Ausdruck kühler spanischer gegenreformatorischer Strenge.
Der Innenraum der Kirche birgt 40 Altäre. Bedeutendstes Kunstwerk ist der Hochaltar. Hier befindet sich eine rund 28 Meter hohe Altarrückwand aus Granit und Jaspis. Die Wand ist ein Werk Juan de Herreas. Die vergoldeten Bronzestatuen, die Heilige und Evangelisten zeigen, sind Werke des italienischen Bildhauers Leone Leoni (um 1560-1627). Das zentrale Altarbild zeigt das Martyrium des Laurentius.
Philipp II. wollte ursprünglich Michelangelo und Tizian für die Gemälde des Hochaltars gewinnen, doch beide Künstler waren schon über 80, als sie angesprochen wurden. Michelangelo starb 1564, ein Jahr nach Grundsteinlegung. Von Tizian ist ein höfliches Schreiben erhalten, in dem er mit Bezug auf sein Alter den Auftrag ablehnt.
Rechts und links des Hauptaltars finden sich große Kenotaphe Karls V. und Philipp II. Auf beiden sind in Statuen, die ebenfalls von Leone Leoni geschaffen wurden, die beiden Herrscher und deren Familien dargestellt.
Kenotaphe sind keine Grabmäler. Das Grab der Könige befindet sich in einer Krypta unterhalb der Kirche im Panteón de los Reyes. Die Grablege fast aller spanischen Könige seit Karl V., Habsburger und die folgenden Bourbonen, befindet sich in diesem barocken, kreisförmigen, mit einer Kuppel überwölbten Raum. Die Pläne für die Grablege stammen von Juan de Herrea.
Die Basilika der Kloster- und Palastanlage wird über den sogenannten Königshof betreten. Zu ihm richtet sich auch die Doppelturmfassade. Als Juan de Herrea die Leitung des Projektes übernahm, verkleinerte er die geplanten Türme deutlich. Die ausgeführten Türme erreichen heute 72 Meter. Zwischen den Türmen erhebt sich eine schlichte Dreiportalanlage, die von sechs rund fünf Meter hohen Figuren beherrscht wird, die alttestamentarische Könige darstellen.
Zu den bedeutenden Räumen der Klosteranlage gehören auch der Kapitelsaal, der Platz für 100 Mönche bot. Der Sales Capitulares ist mit Deckenfresken und vielen Gemälden, Der Vikarsaal, ein Vorraum des Kapitelsaals, enthält Gemälde Tizians (um 1477 – um 1490) und Jusepe de Riberas (1591-1652). Der Priorsaal, ein anderer Beiraum, beherbergt das Gemälde „Letztes Abendmahl“, gleichfalls von Tizian.
Bedeutende Gemälde finden sich auch in der Gemäldesammlung des Klosterpalastes. Hier sind unter anderem Bilder von Rubens, van Dyck, van der Weyden, El Greco, Ribera, Tintoretto, Tizian, Velázquez, Zurbarón sowie Hieronimus Bosch –einem Lieblingsmaler Philipp II:- zu finden.
Die Klosterbibliothek enthält 40.000 Schriften, darunter sehr viele alte arabische Handschriften. Der zentrale Saal der Bibliothek ist 55 Meter lang und zehn Meter breit. Die aufwändigen Regale und die fröhlichen Fresken schuf der Italiener Pellegrine Tibaldi (1586-1593).
Als Ausdruck spanischer Weltmacht geschaffen, musste El Escorial auch den Beginn des Niederganges erleben. Nur vier Jahre nach dem Abschluss der Bauarbeiten, 1588, wurde die spanische Armada von den Engländern zerstört und versenkt. Immerhin ist die multifunktionale Anlage im Herzen Spaniens seit 1984 auf der Liste des Weltkulturerbes zu finden.






