Schneewunder: Santa Maria Maggiore in Rom

15. September 2008

Santa Maria Maggiore in Rom: Hauptfassade (Foto: Matthias Kabel)

Der mittelalterliche Turm mit der spitzen Haube irritiert ein wenig. Ansonsten sieht das Gebäude wie ein nicht allzu kleiner barocker Palast aus. Dabei handelt es sich bei Santa Maria Maggiore nicht nur um eine der vier Patriochalkirchen Roms, sondern die einzige spätantike Basilika der Ewigen Stadt, die sich zumindest im Kern bis in die Gegenwart erhalten hat. Der Vorgängerbau wurde im Jahre 360 von Papst Liberius in Auftrag gegeben. Von dem ursprünglichen Bau ist heute nichts mehr zu entdecken. Die heutige Basilika entstand während des Pontifikats Sixtus III. zwischen 432 und 440. Dem Neubau war das Konzil von Ephesos (431) vorangegangen, dessen Beschluss, Maria offiziell zur Theotokos, zur Gottesmutter, zu erklären, maßgebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Marienverehrung in der katholischen Kirche hatte. Bedeutendste Kunstwerke der Kirche sind ihre Mosaiken aus der Entstehungszeit.

Santa Maria Maggiore ist die größte römische Kirche, die der heiligen Jungfrau geweiht ist. Ihre Entstehung geht auf eine Legende zurück, die sich allerdings nur bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Papst Liberius erschien Maria in mehreren Träumen. Sie wünschte sich eine ihr geweihte Kirche auf dem Esquilin, eines der sieben Hügel Roms. In der Nacht zum 5. August 352 geschah das berühmte „Schneewunder“. Der Esquilin war mitten in brütendster Sommerhitze plötzlich mit Schnee bedeckt. Liberius, der die Wünsche der Jungfrau kannte, zeichnete selbst die Umrisse der neuen Kirche in den Schnee.

Reste der Liberius Basilika, wie auch noch das heutige Gebäude gelegentlich genannt wird, konnten nicht entdeckt werden. Der Nachfolgebau Sixtus III. folgte hingegen so genau den Harmonieregeln des antiken Architekturtheoretikers Vitruv, dass Santa Maria Maggiore lange Zeit für eine echte römische Basilika aus der Kaiserzeit gehalten wurde, die man erst nachträglich zu einer Kirche umfunktionierte. Aus der Zeit der Kaiser stammen jedoch die Säulen, die das Mittelschiff tragen. 64 marmorne und vier Säulen aus Granit gliedern den Raum in drei Schiffe. Die Säulen waren vielleicht schon im ersten Bau verwandt worden.

Die Kirche Santa Maria Maggiore hat in den letzten 16 Jahrhunderten mehrfache Umbauten und Ergänzungen erfahren. Die beiden eingreifendsten fanden im 13. und 14. und im 17. bzw. 18. Jahrhundert statt. Sichtbarstes Zeugnis für die Bauten des 13. Jahrhunderts im Äußeren ist der Turm. Das Gebäude entstand im 14. Jahrhundert und ist heute mit 75 Metern der höchste Kirchturm Roms. Auftraggeber des Turms war Gregor XI., der Papst der 1376 den Papstsitz von Avignon zurück nach Rom verlegte. Im Turm befinden sich fünf Glocken. Die bekanntest Glocke, die „Einsame“ genannt, läutet jeden Abend um 21 Uhr.

Santa Maria Maggiore in Rom: Mittelschiff, Blick zum Hauptaltar (Foto: Kit36a)

Aus dem 12. Jahrhundert (1145-53) stammt eine Vorhalle, die der Kirche östlich zur heutigen Piazza Santa Maria Maggiore ergänzend vorgebaut wurde. Die Vorhalle wurde auch mit Mosaiken geschmückt. Beides ist heute allerdings nicht mehr so einfach zu entdecken, obwohl sich die Mosaiken erhalten haben. Benedikt XIV. beauftragte 1743 Ferdinand Fuga (1699-1781) mit der Errichtung eines Vorbaus vor der mittelalterlichen Fassade. Es entstand eine doppelstöckige, elegante Loggia, hinter der sich weiterhin die mittelalterliche Vorhalle mit ihren Mosaiken verbirgt. Im unteren Stock öffnen sich fünf Portale in Richtung Kircheninneres. Schon ab 1670 ließ Carlo Rainaldi die Chorfassade und die Fassaden zu beiden Seiten der Seitenschiffe errichten, mit denen er auch einige Kapellenanbauten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts harmonisch in das Gesamtensemble einbezog. Die Fassaden Rainaldis gemeinsam mit der Hauptfassade Fugas geben der Kirche die Anmutung eines barocken Palastes.

Zum Äußeren gehört auch eine neben der Hauptfassade stehende Säule. Die Mariensäule wurde 1613 von Carlo Maderno errichtet. Sie ist Vorbild für ähnliche Säulen in vielen katholischen Ländern Europas. Hauptbestandteil der insgesamt 42 Meter hohen Säule ist eine der ursprünglich acht antiken Cippolino-Säulen aus der Maxentius-Basilika am Forum Romanum. Die Mariensäule wurde ursprünglich zum Dank für das Ende einer verheerenden Pestepidemie in Rom errichtet.

Der Innenraum wird vor allem durch die grundlegende barocke Vereinheitlichung der Jahre 1743-50 bestimmt. Trotzdem ist noch gut die ursprüngliche Raumaufteilung der spätantiken Basilika zu erkennen. Die antiken Säulen trennen das breite hohe Mittelschiff von den niedrigeren, schmaleren Seitenschiffen. Die berühmten spätantiken Mosaiken befinden sich an den Mittelschiffswänden über den Säulen und am Triumphbogen. Der Einbau eines schmalen Querschiffes im 12. Jahrhundert unterbricht die Reihe der Mosaiken zum Chor hin.

Die Mosaiken der Seitenwände zeigen Szenen aus dem Alten Testament. Zu sehen sind auf der linken Wand Episoden aus den Viten Abrahams und Jakobs und auf der rechten Wand aus den Viten Moses und Josuas. Zwischen den Fenstern des Obergaden finden sich barocke Fresken, die Szenen aus dem Marienleben zeigen.

Santa Maria Maggiore in Rom: Mosaik im Mittelschiff, Szene aus der Moses-Vita (Foto: Ulrich Mayring)

Über dem Mittelschiff erstreckt sich die von Giuliano da Sangallo (um 1443-1516) entworfene Kassettendecke. Angeblich wurde für ihren Bau Inka-Gold verwandt, welches die spanischen Könige Ferdinand und Isabella dem spanischen Papst Alexander VI. Borgia (1431-1503) übergeben hatten. Allerdings wurde das Inka-Reich erst unter Kaiser Karl V. (1500-1585) unterworfen. Auf der Decke finden sich die Wappen Alexanders und Calixtus III. (Papst 1455-58), des anderen Papstes aus der Borgia-Familie. Wappentier der Borgia war der Stier, weswegen sich auch auf einem geschnitzten Holzfries unterhalb der Decke kleine Putten finden, die Stiere reiten.

Der Fußboden der Basilika stammt noch aus dem 12. Jahrhundert. Er wurde von zwei adligen Römern gestiftet und von der Familie Cosma angefertigt, deren Spezialität mosaikartige Muster waren, die sich in vielen Kirchen Roms finden. Zu den Hauptbestandteilen der Muster gehören in Scheiben geschnittene antike Säulen.

Santa Maria Maggiore: Apsismosaik, Marienkrönung, darunter Mariä Entschlafung

Die Mosaike am Triumphbogen wurden genau wie die im Mittelschiff von Sixtus III. im 5. Jahrhundert in Auftrag gegeben. Zu sehen sind Szenen aus dem Neuen Testament. Links die Verkündigung an Maria, wobei die Gottesmutter hier wie eine römische Prinzessin gekleidet ist und mit einer Spindel gerade an ihrem roten Schleier arbeitet. Weiter finden sich hier die Verkündigung an Joseph, die Heiligen Drei Könige und der Kindermord des Herodes. Auf diesem Mosaik ist auch Elisabeth zu entdecken, wie sie mit dem Johanneskind auf der Flucht ist. Auf der rechten Seite des Triumphbogens finden sich die Darstellung im Tempel, die Flucht nach Ägypten und die Heiligen Drei Könige vor Herodes. Zu Füßen des Triumphbogen sind die Städte Bethlehem und Jerusalem zu sehen; die Orte der ersten (Geburt) und zweiten (Auferstehung) Erscheinung oder Epiphanie Jesu. Folgerichtig befindet sich im Scheitel des Triumphbogens ein leerer Thron, der auf die dritte Erscheinung Christi zum Jüngsten Gericht wartet. Neben dem Thron stehen Petrus und Paulus.

Die ursprünglichen Mosaiken in der Apsis haben sich nicht erhalten. Im 13. Jahrhundert hatte Papst Nikolaus IV. (Papst 1288-92), der erste Franziskaner auf dem Heiligen Stuhl, veranlasst, dass die alte Apsis abgerissen und der Chor vergrößert wieder aufgebaut wurde. Für die Mosaiken beauftragte Nikolaus seinen Ordensbruder Jacopo Torriti, der die Arbeiten 1295 ausführte. Gestiftet wurden die Werke von den Kardinälen und Brüdern Giacomo und Pietro aus der einflussreichen römischen Familie der Colonna.


Santa Maria Maggiore: Kuppel der Capella Sistina (Foto: Jastrow)

Das Apsis-Mosaik zeigt im Zentrum, also in der Wölbung der Apsis, die Krönung Mariens durch Christus. Maria erscheint dabei nicht nur als Gottesmutter sondern auch als Verkörperung der Kirche, als solche sie auch als „Braut des Sohnes“ bezeichnet wurde. Zu ihren Füßen finden sich Sonne und Mond. Huldigende Engel begleiten die Szene. Zu sehen sind auch Petrus und Paulus, sowie der heilige Franziskus von Assisi sowie Papst Nikolaus IV. Auch Johannes der Täufer, der Evangelist Johannes, der heilige Antonius von Padua und die beiden Stifter sind dargestellt.

Die anderen Bereiche der Apsis sind mit einem Taubendekor und Szenen aus dem Marienleben geschmückt. Direkt unter der Krönung findet sich die Dormitio, die Entschlafung Mariens, ein Motiv, welches in Byzanz entstanden ist und später Verbreitung im ganzen Abendland fand. 

Der Hauptaltar ist gekrönt von einem Baldachin, der vom Schöpfer der Hauptfassade, Ferdinand Fuga, geschaffen wurde. Im Innern der Confessio unter dem Hauptaltar befindet sich in einem kristallenen Schrein die wichtigste Reliquie der Kirche: Teile der Krippe Jesu. Vor der Krippe kniet eine überlebensgroße Statue Papst Pius IX. (Papst 1846-87). Er erließ das Dogma der Unbefleckten Empfängnis, was seiner Darstellung diesen Ehrenplatz verdankt.

Bedeutende und einheitliche Kunstwerke sind die Kapellen neben den Seitenschiffen. Nach Plänen von Domenico Fontana (1543-1607) und im Auftrag des Papstes Sixtus V. (Papst 1585-90) entstand zwischen 1584 und 1590 die Capella Sistina, die Sixtinische Kapelle, nicht zu Verwechseln mit der gleichnamigen Kapelle im Vatikan. Sie enthält neben monumentalen Grabmälern, unter anderem des Auftraggebers, die Reste des ursprünglich zur Aufnahme der Heiligen Krippe von Arnolfo di Cambio im 13. Jahrhundert geschaffenen Schreins. 1288 war der Schrein von Nikolaus IV. in Auftrag gegeben worden. Er sollte in der „Grotte“ Platz finden, die Sixtus III. im 5. Jahrhundert nach dem Vorbild der Geburtsgrotte in Bethlehem hier nachbauen ließ. Heute besteht das Werk Arnolfos noch aus den elegant gotisch gekleideten drei Königen, die das Jesuskind in den Armen seiner Mutter (beide später ergänzt) anbeten. Original sind noch der Ochse und der Esel, die das Kind mit ihrem Atem wärmen.

Santa Maria Maggiore: Kuppel der Capella Borghese (Foto: Matthias Kabel)

Gegenüber am anderen Seitenschiff befindet sich die Capella Paolina, oder auch Borghese-Kapelle. Sie entstand 1613 im Auftrag des Papstes Paul V. Borghese (1605-21). Der Grundriss ist ein griechisches Kreuz. Obwohl die Capella Paolina nur 25 Jahre jünger ist, als das Gegenstück der Capella Sistina, atmet die jüngere schon den Geist des Barocks, während die ältere noch dem Manierismus verhaftet ist. So ist die Borghese-Capelle reichlich mit Marmor und Gold ausgestattet. Wichtigstes Kunstwerk ist die Salus Populi Romani, eine vielleicht aus der Spätantike, wahrscheinlich aber im 13. Jahrhundert völlig übermalte byzantinsche Ikone einer Madonnen-Darstellung. Legenden berichten sogar, dass die Ikone zu den Madonnen gehören soll, die der Evangelist Lukas persönlich gemalt hat. Die Ikone ist 1954 durch Papst Pius XII. gekrönt worden und spielt wie ähnliche Werke eine wichtige Rolle in der Volksfrömmigkeit.

Die Capella Cesi entstand 1560 im Auftrag des Kardinals Paolo Emilie Cesi und dessen Bruder Federico. Auf der linken Kirchenseite direkt neben der Capella Cesi befindet sich die Capella Sforza, gestiftet 1564-73 von den Kardinälen und Brüdern Guido Ascano Sforza di Santafiore und Alessandro Sforza Cesarini. Der Renaissancekünstler und Künstlerbiograph Giorgio Vasari schrieb, Michelangelo Buonarroti hätte die Pläne für die Kapelle entworfen.

Die Kirche Santa Maria Maggiore, noch heute extraterritoriales Gelände, welches zum Vatikan gehört, ist auch die Grabstädte vieler bedeutender Katholiken. Begraben wurden hier unter anderem der Kirchenvater und Übersetzer bzw. Autor der lateinischen Bibel, der Vulgata, der heilige Hieronymos (um 347-420), der bedeutende Barockkünstler Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) und der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola (1491-1556).

Santa Maria Maggiore (auf deutsch)

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