Renaissance der griechischen Antike: Kunst des Klassizismus
17. September 2008Zum Ende des 18. Jahrhunderts neigte sich der Absolutismus seinem Ende zu. Die Auflösung der alten Ordnung sollte sich explosionsartig 1789 in der Französischen Revolution entladen. Doch schon der Preußenkönig Friedrich II. konnte sich augenscheinlich nicht recht entscheiden, ob er lieber das Volk gängeln oder ein aufgeklärter Monarch sein wollte. Begleitet wurde die Entwicklung von einer selbstbewusster werdenden Wissenschaft, die nicht nur die Natur, sondern auch die Geistesgeschichte in einem neuen Licht betrachtete. Eine der wichtigsten Gestalten war der Archäologe Johann Joachim Winkelmann (1717-68), der der Antike in der Öffentlichkeit einen neue Stellenwert geben wollte. Die römische Antike war seit der Renaissance nie ganz aus dem Blickfeld geraten, Winkelmann jedoch legte den Fokus auf die griechische Klassik. Und so könnte der ganze Klassizismus beschrieben werden: Als eine Stilrichtung, in der das klassische Griechenland zum Programm erhoben wurde. Womit auch schon der Hauptunterschied zum folgenden Historismus erwähnt wäre. Im weiteren Sinne umfasst der Klassizismus aber die Zeit zwischen 1770 und 1830.
Dabei ist die Abgrenzung des Klassizismus rein äußerlich gar nicht einfach. Schon die Baukunst eines Andrea Palladios (1508-80) könnte als unbedingt „klassizistisch“ bezeichnet werden, wenn man den griechische Tempel mit seinen Säulen, dem Architrav und dem Spitzgiebel als Grundschema der Fassadengestaltung betrachtet. Zudem hatte Palladios Stil maßgebliche Auswirkung auf die Baugeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich, den Niederlanden und in England.
Auffällig ist auch, dass die barocke Oper sich fast ausschließlich Themen der Antike widmete. Auch der Dramatiker Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) oder der Autor Christof Martin Wieland (1733-1813) versuchten auf der Bühne und im Roman die Annäherung an Homer oder Vergil.
Man könnte also sagen, dass es bereits in der Renaissance, die sich prinzipiell gleichfalls an der Antike, wenn auch vor allem der römischen, orientierte, eine klassizistische Unterströmung gegeben hat, die auch im Barock nie ganz verloren ging.
Einfacher ist die Abgrenzung des Klassizismus gegenüber dem vorangegangenen Rokoko. Insgesamt wurden die Formen geradliniger. Vor allem jedoch bedeutete die Anlehnung an im Wesentlichen griechische antike Formen den Abschied vom übermäßigen Dekor des Barock und der Rocaille des Rokoko. Somit betrachtete man den Klassizismus auch als den puritanische Wille zur Vereinfachung, womit er ein Gegenmodell zur Verschwendungssucht des Barock und des Rokoko wurde, welche als Auswüchse des Feudalismus galten. Nicht zuletzt bedeutete der Klassizismus auch eine Hinwendung zum Bürgertum und seinen Wertvorstellungen.
Für die sakrale Kunst bedeutet die Verbürgerlichung eines Kunststils, dass noch mehr als in Barock und Rokoko Kirchenbau und Ausstattungs- kunst an ihrer Wegweiser- funktion für den Profanbau verloren. So fällt es wesentlich leichter, weltliche Bauten im Stil des Klassizismus zu finden, als kirchliche. Die Lücke wird noch deutlicher in den Bereichen der Malerei und der Kultur.
Der Übergang zwischen Rokoko und Klassizismus verlief bei allen offensichtlichen Unterschieden nicht ohne Übergänge. Klassischer Stil dieses Übergangs war der sogenannte Zopfstil. Da der Übergang nicht von einem Tag auf den anderen Verlief, steht der Zopfstil nicht nur für den Übergang zwischen Spätbarock und frühem Klassizismus, sondern auch noch für den Übergang zwischen Rokoko und reifem Klassizismus. Der ganze Vorgang fand in dem relativen kurzen Zeitraum zwischen 1760 und 1790 statt.
Der Begriff Zopfstil wird vor allem im deutschen Sprachraum angewandt. In Frankreich entsprach dem Stil das Louis Seize, in England das Late Georgian, die sich alle nicht unähnlich waren. Kennzeichen des Stils war, dass zwar noch Dekor verwendet wurde, aber längst nicht mehr so reich wie in Barock und Rokoko. Der Stil strebte bereits zur antiken Vereinfachung. Beliebt waren jedoch noch Dekors aus zopfförmigen Blattornamenten und Blumengirlanden, was die Bezeichnung erklären könnte.
Ab 1790 – also mit der Französischen Revolution – begann die Zeit eines Klassizismus, der als Stil der Revolution bezeichnet wurde. In der Natur der Sache liegend, fand der Stil vor allem Wiederklang in Frankreich, während die Kunstschaffenden oder Kunstbeauftragenden in den anderen, noch monarchisch regierten Ländern, dem Stil eher ablehnend gegenüber standen. Der Stil der Revolution bevorzugte wuchtige Formen.
Nachdem Napoleon Bonaparte jedoch die Französische Revolution für sich vereinnahmt hatte, entstand in Frankreich der Empirestil. Geradlinigkeit, Strenge und Feierlichkeit, sowie das Bedürfnis nach Repräsentation und Dekoration ließen die Kunst nach mehr Größe und Macht in ihrer Darstellung streben.
Einer der bedeutendsten Künstler dieser immer noch klassizistischen Epoche war der Franzose Jacques-Louis David (1748-1825), der auch als eigentlich Begründer der klassizistischen Malerei gelten kann. Klassizistische Malerei war keine christliche Malerei. Doch die Künstler der Zeit setzten sich auch vom allegorischen Programm des Barock ab. Gerne gemalt wurden nun Szenen, die aus der griechischen oder römischen Antike und deren Sagenwelt entnommen war. Während des Revolutionsstils wurden diese Szenen zudem noch mit patriotischem Hintersinn versehen und verstanden.
Vom Barock unterscheidet sich der Klassizismus im Malstil vor allem die klareren Konturenführung und die deutlicher voneinander abgegrenzten Farben. Zudem wurden die Farben nicht mehr so dick, also pastos, aufgetragen. Die Malerei wurde im Klassizismus realistischer, eine Eigenschaft, die sie erst mit dem beginnenden Impressionismus wieder verlieren sollte. Mit dem Realismus gewannen auch Gesten und Gebärden sowie die Komposition von Figuren in Gruppen zunehmende Bedeutung. Dadurch bekamen die Darstellungen oft etwas theatralisches, bühnenhaftes.
In Deutschland gab es keine klassizistische Malerei im klassischen Sinne. Allenfalls die Architekturgemälde von Karl-Friedrich-Schinkel (1781-1841) und Leo von Klenze (1784-1864) können als klassizistisch gelten.
Nach dem Sturz Napoleons, dass heißt im Anschluss an den Wiener Kongress 1815, setzte sich der Geschmack des immer reicher werdenden und aufstrebenden Bürgertums auch im Klassizismus durch. Zwischen 1815 und 1845 wurde die Kunst durch den Biedermeier beherrscht. Weiterhin waren religiöse Themen die Ausnahme. Landschafts- und Genremalerei waren beliebter.
In der Malerei hielt sich das Biedermeier bis um 1870. In der Architektur jedoch wurde der Stil schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zunehmend von der Neugotik, einem Stil des Historismus, abgelöst. Übergangsstil zwischen beiden war der Rundbogenstil, den man ab 1828 beobachten kann. Ein schönes Beispiel ist die 1848 in Wien entstandene Altlerchenfelder Pfarrkirche, in dessen Planungsverlauf es öffentliche Diskussionen zum „richtigen“ Baustil gab.
Die Skulptur des Klassizismus wurden von dem Italiener Antonio Canova (1757-1822) und dem Dänen Bertel Thorvaldsen (1770-1844) und ihren glatt polierten, formal nicht unstrengen, Marmorskulpturen bestimmt. Der formalen Strenge trotzen ausgerechnet die Skulpturen einige preußischer Künstler, wie die des Gottfried Schadow (1764-1850). Christliche Motive sind auch in der klassizistischen Skulptur eher selten.
Eines der frühesten klassizistischen Gesamtkunstwerke in Deutschland ist gleichfalls nicht im sakralen Bereich zu finden. Zwischen 1764 und 1805 entstand von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff (1736-1800) geschaffen das Gartenreich Wörlitz, welches nicht nur den englischen Landschaftsgarten – auch eine Kunstform des Klassizismus – aufgriff, sondern auch mehrere Bauten im neuen und sogar in einem noch zukünftigeren Stil aufnahm. So findet sich hier in der Nähe von Dessau schon ein gleichfalls von Erdmannsdorff geschaffener früher neogotischer Bau (1773), das Gotische Haus.
Das Gotische Haus zeigt deutlich das Dilemma. Seit dem ausgehenden Rokoko wird es Kunstrichtungen zunehmend schwieriger, ganze Epochen zu beherrschen. Das aufstrebende Bürgertum bevorzugt einen Stilpluralismus, der auch zum Ende der klassizistischen Kunstepoche dafür sorgt, dass der Klassizismus nicht etwa vom Historismus und der Neugotik abgelöst, sondern durch die neuen Formen ergänzt wird. Allerdings muss der formenstrenge Klassizismus der Hochzeit der Epoche etwas von seiner Strenge an bürgerliche Opulenz und Dekorfreudigkeit abgeben.
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